Rias Baixas und einige Eigenheiten
Es soll ja nun schon dann und wann vorkommen, dass uns in Spanien Dinge spanisch vorkommen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass immer dann, wenn Spanier lustige Dinge machen, die Menschen aus Galiza immer noch einen Hut draufsetzen können. Der lustigste dieser Hüte nennt sich Rías Baixas.
Erst einmal zur Namensklärung: anders als Werbetreibende der Region (und auch das ICEX [Argh!!] gerne verlauten lassen: Rías baixas sind nicht die Unterläufe der Fjorde, sondern die südlichen Fjorde, von Finisterre bis Portugal; die Rías altas sind somit nicht etwa die Oberläufe der Fjorde, sondern die nördlichen Fjorde, alles zwischen Finisterre bis Asturias. Das war noch einfach.
Das Eingemachte: als man die Region gründete, knapp vier Jahrzehnte ist das nun her, gab es dort nur wenige Rebanlagen und noch weniger Weingüter. Daher warf man alles, was sich in der Provinz Pontevedra an Weinberge auftreiben ließ, in einen großen Kessel, man rührte einmal um, entfernte, was man aus politischen Gründen nicht in der Suppe haben wollte, und nannte das Tellergericht dann Rias Baixas: achtzig Kilometer zwischen der Miño-Mündung und der Grenze zur Provinz Ourense, und noch einmal so viele Kilometer von Tui bis Padrón, wo nicht nur grüne, bissige Pimientos wachsen, sondern auch Reben stehen. Und das alles mit nur einer Rebsorte: Albariño.
Natürlich kann das nicht klappen, zumindest dann nicht, wenn man kein wirklich fundiertes Lagensystem oder Großlagensystem oder was auch immer für ein System hat. Über den ganz fetten Daumen gepeilt: im Süden (Rosal und Condado) gibt es Alk, aber wenig Säure, in der Mitte (Salnés) gibt es etwas Säure und etwas Salz in der Luft, im Norden (Ulla) gibt es nur Säure. Da nun alle alles mit allem mischen können, schmeckt der Großteil der Weine aus Rías Baixas wie eine Sauerscharfsuppe mit etwas Fett. Na prima!
Der Consejo macht zwar einen auf Teilregionen, man veröffentlicht tapfer die Erntezahlen und die in jeder Teilregion verarbeiteten Trauben, man nennt das Vertickern von Trauben zwischen Region A und Region B exportieren und importieren (sicsic!!). Nur: was dann an Fasswein von einer Bodega zu einer anderen verschoben wird, das wird nicht mehr erfasst. Wenn nun also Martín Códax Wein aus Condado mit Wein aus Rosal vermischt und dann noch ein paar Dutzend Hektoliter aus Vilariño in den Bottich schüttet, kriegt der Consejo das nicht erfasst. Oder will es nicht erfasst bekommen. Der Konsument weiß, was auf dem Etikett steht (Albariño), dann ist aber auch schon Ende Gelände. Gut, die Menge an importierten Verdejo hat in den letzten Jahrzehnten abgenommen und in Nordportugal gibt es so viel verfügbaren Albariño dann doch nicht. Außerdem droht die Guardia Civil mit Kontrollen. Die aber kann man umgehen.
Will man nun also besondere Dinge entdecken, dann muss man die Nase schon tief in den Boden stecken. Fast überall stehen die Reben auf Granit, Sandstein und kalkhaltige Böden sind selten. Ein Streifen ist anders, dazu mehr ein paar Zeilen weiter unten. Den Unterschied macht die Krume, und die Nähe zum Meer. Es gibt humushaltige, fette Scholle, Schwemmland, Lehm, aber auch schon einmal gar keine Krume. Und je genauer die Böden herausgearbeitet werden, desto unterschiedlicher schmecken die Weine.
Nun kommen die Weinkritiker und sagen, dass das, was im Süden von Cambados und an manchen Stellen in Meaño gelesen werde, das beste sei und das deshalb die Güte der Weine daran gemessen werde, wie sehr sie sich an diesen Typus annähern. Auf Rieslingdeutsch: wenn man nun sagen würde, dass Eltville der beste Platz für Riesling sei, müssten sich alle anderen Rieslinge Deutschlands daran messen lassen, wie nahe man Eltville komme. Die aus Ihringen, die aus Wehlen und die mit einem Stein in der Würzburg würden sich herzlich bedanken!
Wenn man auf der Terrasse eine Flasche Albariño leert, dann ist der mineralische Typus eventuell gar nicht so gut geeignet, dann sollte es eher ein fruchtbetonter Albariño sein, etwa aus dem Inneren von Salnés, oder aus Arbo. Wenn man hingegen ein Ma Po Do Fu vor sich dampfen hat, dann kann der Albariño gar nicht genug Säure haben. Und dann gibt es da noch zwölfzig Zwischenstufen. Albariño kann ziemlich viel, wenn man ihn nur machen lässt.
Eine ganz besondere Besonderheit findet man in einem Streifen, der sich von Finisterre bis weit gen Portugal zieht, fast bis hinunter zum Douro. Immer dann, wenn Granit die vorherrschende Bodenform ist, gibt es dann und wann Risse und Brüche, die aus Schiefer bestehen. Man findet dies in Empordà, in Calatayud, in der Sierra de Gredos, in Arribes, in Amandi – und eben auch im Westen der unteren Fjorde. Es handelt sich um einen Art Verwitterungsschiefer, den man in der Sierra de Francia Corneana nennt. Albariño von dort schmeckt einfach anders als Albariño, der auf Granit wuchert.
Nun gibt es in Salnés genau einen kleinen Streifen dieses Bodentypes, die Fortsetzung findet man in Rosal. In Rosal gibt es nur wenige Weingüter, solche mit Reben auf Schiefer sind noch seltener, solche aus Rosal mit Reben auf Schiefer und Weinen, die nur von dort stammen, sind schon fast vom Aussterben bedroht. Terras Gauda nicht, dort mischen sich Böden; Altos de Torona teilweise, aber deren einhundert Hektar sind großflächig konzentriert, und man mischt fleißig A mit B. Wirklichen Albariño (und Rosal-Cuvées) von Schieferböden gibt es nur bei Do Vimbio, eine Minibodega, die ihre Weine zudem noch als Tafelweine verkauft, mit dem Consejo Regulador haben Martin und Patricia nicht viel am Hut. Die Weine sind anders – und sehr gut. Aber weil die veröffentlichte Meinung nun einmal Castrelo als Nonplusultra…
Gleichwohl kommt diese Strategie des Nonplusultra aktuell in arge Schwierigkeiten. Denn der Ort, in dem in Salnés Reben auf Corneana stehen, is Sanxenxo, zumindest der mittlere Teil, und dort steht eine Bodega namens Fulcro, die nun selbst die gläubigsten Castrelojünger nicht ignorieren können. In Fulcro gibt es einen Wein, sozusagen der Wein für die Castrelojünger, der aus dem Norden von Meaño stammt, Albariño auf Granit: der A Pedreira. Das ist Oberklasse der Granitfraktion mit ganz leichtem Touch von Salz.
Aber dann ist da der Fulcro und dann ist da der A Cesteira, beides Weine, die aus Trauben gekeltert werden, die sich am Hang befinden: Fulcro fällt gen Nordwesten ab, A Cesteira sanft gen Nordosten. Letzteres ist schon wichtig, da die Sonne dann am Morgen schnell mal die Nachtfeuchtigkeit einsammeln kann. In beiden Fällen findet man verwitterten Schiefer, wobei der in der Fucro-Parzelle schon arg verwittert ist, selbst junge Bären können das Gestein mit der Pfote zerreiben.
Die Stöcke sind alt, weil sich beide Parzellen in Privatgärten der etwas größeren Art befinden. Jeweils eine Parzelle, ungefähr siebentausend Quadratmeter die Fulcro-Parzelle, noch etwas größer A Cesteira. Beides Mal ein Maul voll Wein, aber beide Weine durchaus verschieden. Und das kommt nicht vom Ausbau, denn der ist in beiden Fällen mehr oder weniger gleich: Trauben ernten, Trauben pressen, Most in Barricas und dann gute Reise! Wein keltern kann ziemlich einfach sein…
Beide Weine haben nicht weniger Säure als die aus Barrantes, Castrelo oder Nord-Meaño, aber halt anders gestrickt. Da darf es dann durchaus auch mal ein feines Krustentier dazu geben oder einen steinernen Butt, ein ge-Bresse-tes Huhn tut es auch, selbst ein Fleckviehkotlett hält wacker mit.
Der neue Topwein der Bodega, Nas Dunas, die Dünen, ist dann wieder ganz anders. Denn das ist Südsanxenxo, dort stehen die Reben auf Granit, die Krume besteht aus feinem Strandsand, den der Wind kontinuierlich gen Hang schaufelt.
Könnte es in Salnés mehr Fulcro-Bodegas geben? Im Prinzip ja, da wären schon so sechs oder acht Kandidaten. Nur: selbst gut beleumundete Weingüter stehen dann halt doch auf fette Sauersalzsuppe und kaufen mal hier, mal dort schnell noch etwas Fasswein ein. Text: El oso alemán




