Wie vegan kann Wein eigentlich sein?
Ab und an müssen sich Bären mit Dingen herumschlagen, die schlecht gemacht sind, oder noch anstrengender: schlecht gedacht sind! Unlängst versteckte eine in Deutschland nicht gänzlich unbekannte Wochenzeitung einen Artikel hinter der Bezahlschranke, in dem es, das lässt zumindest der Titel vermuten, um etwas ging, das der Autor „veganen Wein“ nennt.
Nun: um mit der simplen Wahrheit zu beginnen: es gibt keinen „veganen Wein“! Zumindest hier in Spanien nicht und auch aus anderen Ländern ist mir nichts davon bekannt. ¿Hep?
Nun: um der Verwirrung auf den Grund zu gehen, muss man zwei Konzepte unterscheiden: Wein, der für Veganer geeignet ist, sowie veganer Wein. Werfen wir einen Blick auf Futter, auf Gerichte. Spaghetti mit Rucola-Pesto sind, so kein Tierkäse darüber gestreut wird, eine für Veganer (m/w/d) geeignete Speise. Aber nur Wenige kämen wohl auf die Idee, dies als ein veganes Gericht zu bezeichnen; denn dafür wurde es nicht konzipiert. Die Eignung „für Veganer“ ist eine zusätzliche Eigenschaft des Gerichtes, aber nun garantiert nicht sein Lebenszweck!
Vegane Produkte oder Gerichte sind Produkte oder Gerichte, die für Veganer konzipiert sind, was nicht unbedingt heißen muss, dass sie auch von Veganern konzipiert werden müssen. Darin unterscheiden sie sich von koscheren Produkten, die ohne das Einwirken eines Rabbi gerade eben nicht koscher sein können. Nudeln mit Tomatensauce sind ein italienische Gericht. Und pasta!, ähhhh basta! Die arabische Küche, die diversen indischen Küchen, Küchen in Fernost, sie alle kennen Gerichte, in denen keine tierischen Produkte verwendet werden. Das sind keine veganen Gerichte.
Vegane Gericht sind für Veganer designt. Fu ist ein traditionelles japanisches Produkt, eine Masse fester Konsistenz; nicht zuletzt deswegen nennt sich die aus China stammende Variante ToFu. Somit ist dies kein veganes Produkt, sondern ein japanisches Produkt. In der westlichen Welt kennt man es unter dem Namen Seitan; in der veganen Küche spielt es eine gewichtige Rolle. Vegane Hamburger (was für eine Namenskombination) indes sind ein klar für Veganer designtes Gericht. Oder vegane Bratwürste. In Frongg’n käme niemand auf so eine Idee, in Portland und anderen vegan-friendly Cities indes schon.
Wenden wir uns dem Wein zu. Aber erst einmal kommt noch ein kleiner Exkurs. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhundert tauchten verstärkt Weine auf, deren Etikett ein stilisiertes „D“ trug, „für Diabetiker geeignet“. Gerade in Franken war dies ein ernsthaftes Thema, kannte man dort doch die Bezeichnung „fränkisch trocken“, will sagen Wein mit nicht mehr als vier Gramm Restzucker pro Liter. Dazu mussten die Broteinheiten auf dem Etikett angegeben werden. Und schon war der Wein für Diabetiker geeignet.
Nicht wenige Weingüter dieser Region, die der Bär dereinst heimgesucht hat, vermerkten dies zumindest au der Preisliste, einige auch auf dem Etikett. Aber niemand, wirklich keiner der Winzer (alles Männer dort, damals) kam auf die Idee, zu sagen, dass sie einen „Diabetiker-Wein“ gekeltert hätten. Der Wein hatte einfach eine zusätzliche Eigenschaft. Und basta!
Und wann ist nun ein Wein „für Veganer geeignet“? Nun, wackere Galizierende würden „DEPENDE“ sagen, und sie hätten nicht einmal unrecht. Denn Veganismus ist eine der Religionen, die kein wirklich festes Regelwerk kennen. Eine Papst haben sie auch nicht, das aber nur off topic…
So wir uns nur auf den Wein beschränken, also auf das, was in der Flasche ist, dann gibt es nur ein Kriterium, nur einen Moment, in dem Wein mit Tierprodukten in Berührung kommen kann: während der Schönung. Hausenblase und Fischleim sind als Schönungsmittel inzwischen kaum noch relevant, Albumina, also ein Schönungsmittel auf Basis von Eiweiß indes ist schon ein Thema. Es ist eine der am einfachsten anzuwendendes Produkt, es wird zum Schönen von Weinen jeder Farbe genutzt. Nun gibt es Winzer, die sagen, dass das Produkt wieder komplett ausfalle, dass man diese Eiweißproteine in dem fertigen Wein nicht nachweisen könne. Nun: erstens bin ich mir da nicht so sicher, es kommt wahrscheinlich auf den Aufwand an. Darüber hinaus ist es aber vegan-ethisch nicht zu begründen. Schon klar. Deswegen werden viele für Veganer geeignete Weine mit Proteinen geschönt, die auf Erbsen oder Kartoffeln beruhen, oder aber mit Bentonit, oder aber halt gar nicht. Es gibt da kein Ranking, die Ergebnisse sind indes durchaus verschieden. Aber all das endet in einem Wein, der für Veganer geeignet ist. Wenn man sich auf den Wein beschränkt.
Da ich nun das Vergnügen (es war ernsthaft ein Vergnügen!) hatte, jahrelang mit einer Veganerin zusammenzuarbeiten, kenne ich zumindest Teile dieser Religion, zumindest derart, wie sie mir ihre Sichtweise vorgestellt hat. Da geht es in jedem zweiten Satz um das Tierwohl. Kühe im Stall oder auf der Weide einzusperren, sei mit dem Tierwohl nicht vereinbar. Fischteiche auch nicht, will sagen: alles, was Tiere nicht machen würden, wenn man sie einfach machen lassen würde. Schon möglich. Nur: wenn man dann einem Pferd, einem Esel oder einem Maultier einen tonnenschweren Pflug ans Halfter hängt, dann ist das auch nicht gerade Tierwohl auf Höchstniveau. Und, zumindest in Spanien: es sind gerade viele Weingüter, deren Inhaber gerne über vegane Weine philosophieren, die dann das Tier Tag für Tag mit dem Pflug über den Acker scheuchen. Toll, ¿wá?
Leider gibt es in diesem Weltbild dann noch einen Zielkonflikt, der nur schwer aufzulösen ist. Er betrifft eigentlich alle Lebensmittel, hier aber geht es um Wein. So ganz ohne Dünger geht es nicht, irgendwann sind auch im Weinberg die Böden ausgelaugt. Man muss düngen! Nur: da gibt es nur zwei Alternativen: Dung tierischen Ursprungs und Dung chemischen Ursprungs. Die Kräuter auf dem Balkon kann mann auch mit einem Brennesselaufguss düngen, sechzigtausend Hektar in der Rioja mit Dünger auf pflanzlicher Basis zu bearbeiten, wäre dann doch eine Herausforderung. Dünger tierischen Ursprungs kann es in der veganen Welt, so Tiere nicht eingesperrt werden dürfen, nicht geben. Wo soll der denn herkommen? Gut, man kann im Wald den wilden Schweinen hinterherrennen und deren Ausscheidungen einsammeln. Aber noch einmal: sechzigtausend Hektar – nur in der Rioja.
Die Alternative ist chemischer Dünger. Da nun aber eigentlich alle Weingüter, die in dieser Angelegenheit unterwegs sind, fest davon überzeugt sind, dass nur ökologischer Weinbau die Basis sein kann, laufen wir in einen Zielkonflikt, der nicht zu lösen ist.
Daraus folgt: es kann keinen veganen Wein geben. Text: El oso alemán