Wir sind da, hören zu, probieren sie und lernen sie mit jedem Schluck ein bisschen besser kennen…
Ruhig und stetig blubbern die teils noch gärenden Moste im Keller, die mittlerweile kühlen Temperaturen lassen uns alle endlich zum dicken Wintermantel greifen und die Weinreben haben all ihre Blätter verloren und stehen ruhig, von gefrorenem Reif überzogen in der Winterlandschaft. Die Zeit des Rebschnitts hat begonnen und wir freuen uns schon jetzt den Grundstein für das Weinjahr 2023 zu legen.
Aber lassen Sie uns einen kurzen Blick auf das Weinjahr 2022 werfen. Ähnlich wie in den Jahren 2018, 2019 und 2020 war das letzte Jahr von der Sonne geprägt, und besonders in den Wochen von Juli und August war der Regen im Rheingau sehr spärlich verteilt. Mittlerweile keine überraschende Situation mehr, trotzdem nicht weniger beachtenswert und herausfordernd für Mensch und Rebe. Wir arbeiten mit unserer Begrünung, um die Böden zu beschatten und zu kühlen, damit der Wasserhaushalt geschont wird. Ähnliches gilt auch für unsere Laubwandarbeiten: Wo wir vor einigen Jahren noch penibel die Blätter um jede Traube herum entfernt haben, damit sie gut belüftet sind und Pilze sich dort nicht ansiedeln, suchen wir heute den Schutz der schattenspenden Blätter für die empfindlichen Beeren, um Sonnenbrand zu vermeiden. So konnten wir den größten Stress für die Reben reduzieren, und die älteren Anlagen mit „ausgewachsenen“ Wurzelsystemen sind souverän mit der Situation umgegangen. Bei den jüngeren Weinbergen haben wir allerdings schon im Sommer die Trauben abgenommen, um Trockenschäden zu vermeiden.
Lesebeginn für unsere Sektgrundweine aus Auxerrois, Pinot Blanc, Spätburgunder und Riesling war Ende August, ähnlich wie 2018 und 2020 also wieder ziemlich früh. Etwa eine Woche später holten wir unsere Spätburgundertrauben für den Rotwein bei besten Bedingungen und optimaler Balance der Aromatik. Die Trauben zauberten leuchtende Augen in viele freudestrahlende Gesichter, und das Team wurde von Tag zu Tag größer.
Wiederum eine gute Woche später fiel der Startschuss für die Rieslinglese, begleitet von einem nachhaltigen Wetterumschwung. Das zuvor trockene und sommerliche Wetter veränderte sich zunehmend und der „lang ersehnte“ Regen kam. In den folgenden 10 Tagen machten wir einen kompletten Lesedurchgang in jeder einzelnen Parzelle, nahmen alle Trauben heraus, die dem Regen Tribut gezollt hatten, ließen nur die stabilsten und besten Trauben am Stock. So reduzierten wir zwar die Menge drastisch, konnten für die restlichen Trauben aber entscheidende Zeit gewinnen. Im zweiten Lesedurchgang selektierten wir aus den zuvor schon ausgesuchten Trauben die Besten heraus und brachten sie nach Hause.
Die Moste des Jahrgangs sind in ihrer Feinheit und Ausgewogenheit ebenso faszinierend wie überraschend. Nichts deutet auf einen warmen Jahrgang hin, alles ist unglaublich feingliedrig und unbeschwert. So lebendig und schwebend, so zart und schön. Es ist eine bemerkenswerte Antwort des Rieslings auf ein solches Jahr.
Die meisten Fässer gären leise vor sich hin. Wir sind da, hören ihnen zu, probieren sie und lernen sie mit jedem Schluck ein bisschen besser kennen, und sind gespannt auf ihre weitere Entwicklung, die wir mit ein bisschen Stolz und liebevoller Freude begleiten. Text: Familie Kühn

