Ein paar Eindrücke von Dario Sellmeier von der Weinmesse ProWein 2023 in Düsseldorf
Ein grauer, verregneter Märzsonntag auf dem ohnehin recht trostlosen Düsseldorfer Messegelände. Hier soll unsere Weltreise beginnen. Nein, nicht im wörtlichen Sinne. In den vor uns liegenden 13 Hallen schaffen wir es nicht in 80, sondern sogar in drei Tagen einmal um die Welt. Ob das mehr Arbeit oder mehr Vergnügen wird? Da sind wir uns jetzt noch nicht sicher. Aber dass Genuss immer auch Herausforderung sein kann, dürfte den meisten Besuchern der ProWein klar sein. Nachdem die wichtigste Weinmesse der Welt im vergangenen Jahr coronabedingt deutlich weniger Publikumsverkehr zu verzeichnen hatte, ging jetzt wieder alles seinen gewohnten Gang. 6000 Aussteller zeigten 50 000 Gästen aktuelle Trends aus dem Weinkosmos. Überfüllt war es zu keinem Zeitpunkt, sondern sehr entspannt. Der deutsche Bereich zählte erfreulicherweise zu einem der bestbesuchten – insbesondere die Stände der VDP-Winzer wurden teilweise regelrecht belagert, was durchaus auch daran lag, dass die Winzer von Weltgeltung sich in sympathischer Bescheidenheit keine wesentlich größeren Stände erlaubten als ihre weniger bekannten Kollegen. Großer Beliebtheit erfreuten sich darüber hinaus vor allem der Bereich Champagner und die Spirituosen-Halle.
Man merkt schnell, wie unterschiedlich die Herangehensweisen bei der Eigendarstellung sind: während sich die großen französischen Häuser mit palastartigen Hochglanz-Pavillons gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, setzt Portugal auf ein einheitliches Erscheinungsbild in sanft geschwungenem, die Farben und Formen der Landschaft aufgreifenden ständigem Ineinander-Übergehen. Sehr sympathisch. Elementar wichtig ist die ProWein seit jeher vor allem für kleine Länder, die bei den meisten Konsumenten unter dem Radar laufen. Unterstützt von den jeweiligen Landwirtschaftsministerien investieren die dortigen Verbände sehr viel Herzblut in die Außendarstellung und legen auf den Masterclasses Broschüren dick wie Fachbücher an die Plätze. Als die Vertreterin des Generalkonsulats von Georgien uns interessiert nach unserer Meinung zu den Weinen ihres Heimatstaates fragt, können wir nur selig lächelnd unsere Begeisterung kundtun: so muss Wein sein – authentisch, traditionsbewusst, unkonventionell. Dazu staubtrocken, packender Säure und herb-pfeffrigen Gewürz-Nuancen. Dieses kleine Land ist einer unserer Lieblinge auf der Messe: über 8000 Jahre Weinbaugeschichte, über 500 autochthone Rebsorten, überragend günstige Preise für diese Qualität. Als besonders interessant erwies sich der direkte Vergleich zwischen den auf europäische Weise im Stahltank vergorenen Weinen und jenen, die nach alter Sitte in in den Boden eingelassenen Tonamphoren, den sogenannten Qvevris, zur Vollendung gelangen – ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Mit diesem ersten Kitzeln in der Nase sind wir dann auch mental angekommen. Die Auswirkungen des Rheinbahn-Streiks, der ausgerechnet dann stattfand, als Zehntausende internationale Fachbesucher auf Beförderungsmöglichkeiten zum Messegelände angewiesen waren, blieben glücklicherweise gering. Die Veranstalter bewiesen mit der kurzfristigen Einrichtung von Busshuttles ein gutes Händchen für Problembewältigung. Überhaupt war die ProWein hervorragend organisiert, jeder ansatzweise Weinbegeisterte fühlt sich hier wie Alice im Wunderland. Die Masse der Besucher ist bunt gemischt: zwar ist die Weinwelt noch immer die Spielwiese vorzugsweise von Business Casual tragenden Herren mittleren Alters, aber insgesamt sind von 18 bis 80 alle Altersgruppen vertreten und Tendenzen hin zu einem jüngeren und weiblicheren Publikum klar erkennbar.
Apropos Alter. Immer wieder stellten wir fest: Totgesagte leben länger. Nachdem Süßweine eine lange Zeit ein eher angestaubtes Nischendasein fristeten, drängen sie nun mit Wucht zurück. Ob als traditionsreicher Tokajer aus Ungarn, finessenreiche deutsche Auslese oder hocharomatische Sherrys – die Bandbreite ist beeindruckend, die Qualität sowieso und die Einsatzmöglichkeiten als Speisebegleiter nahezu unbegrenzt, das Etikett „Dessertwein“ weit hinter sich lassend. Überhaupt ist der Bereich Foodpairing ein Megatrend. Viele Konsumenten sind die ewig gleich Abfolge aus Schaumwein vorweg, Weiß zu Fisch, Rot zu Fleisch und zum Schluss vielleicht etwas Süßes wahrlich leid. Auch zu beliebten exotischen Gerichten etwa der asiatischen Küche ist der passende Begleiter nicht leicht zu finden. Dass bei den entsprechenden Veranstaltungen oft kostenlos Häppchen auf Sterne-Niveau verteilt werden, während man bei den Buden im Außenbereich 15 Euro für ein mäßiges Schnitzelbrötchen zahlt, tut sein Übriges. Ein emsiger Netzwerker in diesem Bereich ist Toni Askitis, Düsseldorfer Hip-Hopper, Sommelier und nie um ein (oder auch hundert) Worte verlegen. Seine nachmittäglichen Workshops, betont lässig in der „Urban Gastronomy Lounge“ mit DJ und Skatepark-Atmosphäre, sind ein wahrer Hotspot für jüngere Messebesucher. Was Köche wie der Bochumer Tibor Werzl oder Benjamin Kriegel aus Düsseldorf da an Amuse Gueules zaubern, ist fabelhaft, und die Weinbegleitung ist es ohnehin. Hinzu kommt der Unterhaltungsfaktor, wenn ein Winzer wie der arme Stefan Bietighöfer händeringend nach angelsächsischen Begriffen für Worte wie „Buntsandstein“ und „Kalkmergel“ sucht, denn die Workshop-Sprache ist Englisch, aus welchem Grund auch immer. Man muss den Instagram-verrückten Askitis nicht mögen, doch mit Aktionen wie „How to ProWein!? Ein Wein, drei Gläser“, die sich explizit an Neulinge richtet, leistet er wichtige Arbeit für eine Branche, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft etwas abgehoben erscheint.
Der Orangewein-Boom ist merklich abgeflaut – einige Winzer haben sie dauerhaft ins Programm genommen, andere winken ab: zu wenig Nachfrage. Die herrscht gerade in einem ganz anderen Bereich, den alkoholfreien Weinen. Stark frequentiert war daher die World of Zero, in der man in ungewohnter Selbstbedienung wild herumverkosten durfte. Geschmacklich ist das gewöhnungsbedürftig. Die Weine schmecken oft abgestanden und pappig süß, weisen auch nicht selten enorm hohe Restzuckergehalte auf. Die Spirituosen präsentieren sich mit einer häufig eher unausgewogenen, penetranten Aromatik. Einziger Lichtblick sind die Schaumweine, denen die Kohlensäure die nötige Lebendigkeit verleiht. Hier ist geschmacklich noch viel Luft nach oben. Und auch die aufgerufenen Preise, die oft mit denen ihrer konventionellen Geschwister identisch sind, erscheinen ambitioniert. Ohne Frage ist der Arbeitsaufwand bei beiden vergleichbar, aber ob die Verbraucher dauerhaft bereit sein werden, für die alkoholfreie Alternative Preise weit jenseits von zehn Euro zu zahlen, darf zumindest mit einem Fragezeichen versehen werden.
Allgemein ist zu beobachten, dass sowohl Winzer als auch Händler bei vielen ihrer Produkte um ein Ausbrechen aus einem bestimmten Image bemüht sind, sei es aus rein kommerziellen Gründen oder weil sie die Ansicht vertreten, ein klischeehaftes Bild werde der Qualität ihres Produktes nicht gerecht. Beispielhaft dafür ist der Rosé, dessen Erzeuger ihn endlich als vielschichtigen Charakterkopf wahrgenommen sehen wollen und nicht bloß als So-nebenbei-Gesöff der Mädels auf der Grillparty. Und das ist durchaus berechtigt: erwiesen sich bei einer Probe die provenzialischen Rosés zwar schon hin und wieder als ganz interessant, aber im Großen und Ganzen als nach landläufigem Verständnis eher konventionell, wussten die Valtènesi-Rosés von den Ufern des Gardasees mit völlig unerwarteten Aromen zu begeistern. Herb und fleischig geht es hier zu, mit relativ hoher Säure und kräftigen Kräuternoten. Das macht richtig Spaß und darf zurecht nach mehr Aufmerksamkeit verlangen. Dass das Flaschen- und Etikettendesign dann aber in den meisten Fällen doch sehr girly daherkommt und so die Bemühungen um eine Zielgruppenerweiterung ziemlich konterkariert, sei mal dahingestellt.
Tja, manche Weine haben ein Image, von dem sie sich gern befreien würden, andere haben irgendwie gar keins. Man wird nämlich immer noch recht verwundert angeschaut, fragt man Winzer nach einem Schluck Gewürztraminer oder Elbling. Offenbar haben viele von ihnen zwar Vertrauen in die Qualität ihrer Versionen der traditionsreichen alten Rebsorten, sonst hätten sie sie nicht im Gepäck gehabt, aber wenig Vertrauen in die Nachfrage der Kunden, leider zurecht. Das ist schade, denn gerade diese Uralt-Sorten bieten oft völlig ungeahnte, wenn nicht gänzlich unbekannte Aromen. Zufriedenes Nicken fand sich indes bei den vielen Gelegenheiten, Rieslinge zu verkosten. Sei es bei den frühabendlichen Big Bottle Parties im VDP- und Maxime Herkunft-Bereich, sei es bei einer Präsentation der Kellerschätze des Bernkasteler Rings – wieder einmal erwies sich das unglaubliche Reifepotential dieser deutschen Wunderrebe. Nicht wenige zehn bis fünfzehn Jahre alte Große Gewächse erwiesen sich als noch immer viel zu jung für die optimale Trinkreife.
Es ist eine leicht dekadente Dreiviertelstunde, während der die Doppelmagnums aus Lagen wie Bernkasteler Doctor, Ürziger Würzgarten oder Kiedricher Gräfenberg kreisen wie die Flasche Cola auf dem Kindergeburtstag. Längst spucken wir nicht mehr, das wäre bei diesen ehrwürdigen Tropfen wahrhaft Sünde. Auch wenn das nach und nach zulasten der geschmacklichen Feinarbeit geht und man irgendwann nur noch ein Riesling-Grundrauschen im Mund hat. Hat auch seinen Reiz. Aber dann ist die Party plötzlich vorbei – dabei ist es noch nicht mal 20 Uhr. Kurz durch die Hallen geschlendert, finden wir uns im Bereich der Bioweine wieder, wo noch richtig Stimmung ist und vor allem Musik. Die Weine sind geschmacklich so lala, haben aber aus anderen Gründen natürlich ihre Daseinsberechtigung. Und auch ihre ganz eigenen Vorteile, lernen wir während des Smalltalks schnell. Viele Menschen würden ihn einfach deswegen schätzen, weil er einen nach hohem Konsum am Vorabend morgens nicht mit einem Schädel aufwachen ließe. Das haben wir natürlich aus wissenschaftlichen Zwecken in der Praxis erprobt und können sagen: es stimmt! Aber im Ernst: wie sonst in allen Bereichen des öffentlichen Lebens spielen die Themen Klima und Nachhaltigkeit hier eine große, wenn auch nicht unbedingt dominante Rolle. Die Integration wärmeliebender Rebsorten in nördliche Anbaugebiete funktioniert erstaunlich gut, lassen zumindest Kostproben deutscher Interpretationen von Shiraz, Merlot und Cabernet Sauvignon erahnen. Und nicht nur in den Flaschen tut sich etwas, sondern auch mit den Flaschen selbst. Weinkritiker-Papst Stuart Pigott nimmt sich mit seinem feinen, hintergründigen Humor denn während des Trend Hour Tastings auch eines der Themen an, die die Weinbranche gerade ordentlich in Aufruhr versetzen: alternative Verpackungen. Das Pfandsystem übergeht er dabei – denn obwohl von den Württemberger Weingenossenschaften im Zuge der ProWein erstmals eine 0,75er-Mehrwegflasche vorgestellt wurde, scheint es fraglich, Länder ohne jede Flaschenpfand-Erfahrung (wie es die meisten sind) auf diesen Pfad lotsen zu können. Diese haben ganz andere Ideen, allen voran die Bags-in-Boxes – Foliensäcke in Pappkartons. Ja mei, klingt auf Deutsch echt nicht sexy, aber die Idee, Wein in Schläuchen statt in Glasbehältern aufzubewahren, ist immerhin eine jahrtausendelang bewährte. Für Ästheten gibt es auch Paper Bottles, von innen beschichtete Pappflaschen. Das alles ist optisch gewöhnungsbedürftig, soll aber im Vergleich bis zu 90 Prozent CO2 einsparen – und der Inhalt schmeckt tadellos. Bis zu zehn Jahre soll man sich die neuartigen Gebinde ohne Qualitätsverlust in den Keller stellen können.
Was lässt sich also zusammenfassend sagen? Retro spielt nicht nur in der Mode eine große Rolle, sondern auch in der Weinwelt: plötzlich erspäht man in der Spirituosenhalle wieder Eierlikör, Obstler und andere Dinge aus Omas Eiche-rustikal-Schränkchen. Meist aber nicht von Oma vermarktet, sondern von vollbärtigen Jungs mit Käppi und Tunnelpiercing im Ohr. Eng damit verbunden ist der Trend zu so viel Regionalität wie möglich, der wohl ehrlichste Zugang, den eine Messe wie die ProWein zum Thema Nachhaltigkeit finden kann. Letztlich stand aber auch in diesem Jahr wieder der Genuss im Vordergrund, und Anzeichen von schlechtem Gewissen sucht man vergeblich. Ganz im Gegenteil, nach drei Jahren Corona scheinen Konsumenten sich ordentlich was gönnen zu wollen. Den Winzern, die in dieser Zeit absatztechnisch ziemlich gelitten haben – was zwar keiner so direkt zugeben will, man aber dennoch zwischen den Zeilen heraushört -, sei dies auf jeden Fall gegönnt. Text: Dario Sellmeier