Alkoholparadies DDR? w
Alkoholparadies DDR? Kommt auf die Definition an. Getrunken wurde jenseits des Eisernen Vorhangs jedenfalls deutlich mehr als im Westen – vor allem Unmengen Schnaps, den man aus sehr vielen verschiedenen Rohstoffen brennen kann, auch Bier nicht gerade wenig. Über die Gründe könnte man soziologische Abhandlungen verfassen, die aber dennoch immer bis zu einem gewissen Punkt spekulativ bleiben müssten. Stattdessen kann man Fakten betrachten. In unserem Fall sollen das aber nicht die planwirtschaftlich gelenkten Produktionsmengen der Kombinate und LPGs sein, die den „ganz alltäglichen Alkohol“ wie Radeberger und den „Blauen Würger“ in rauen Mengen herstellten. Sondern die der vielen kleinen Weinbauern zwischen Pirna und Bad Kösen. Denn Wein wurde im Osten genauso erzeugt wie im Westen, auch wenn der Konsum von durchschnittlich 12 Litern pro Person und Jahr nicht ansatzweise durch den eigenen Anbau gedeckt werden konnte. Die Geschichte vom Weinbau im Sozialismus ist dabei wie so häufig eine von Mangelwirtschaft und staatlicher Bevormundung, aber auch von viel Herzblut und großem Improvisationstalent.
Die Winzer aus der Bundesrepublik, die im Zuge der allgemeinen Goldgräberstimmung der direkten Nachwendezeit in die ehemalige DDR hinüberfuhren, um sich ein Bild davon zu machen, wie die potentielle Konkurrenz so aufgestellt war, werden sich wahrscheinlich nicht selten ein Schmunzeln verkniffen haben. Im Gebiet Saale-Unstrut wurde auf 800 Hektar Weinbau betrieben, in Dresden-Meißen, das in der Vermarktung mittlerweile unter Sachsen firmiert, auf lediglich 350 – wobei das nur einer von vielen Schätzwerten ist, die Angaben schwanken zwischen 200 und 400. Jedenfalls war es wenig, sehr wenig im Vergleich zum Westen: Rheinhessen kommt auf knapp 27000 Hektar, selbst das für westdeutsche Verhältnisse recht kleine Gebiet Mosel noch auf 8800. Dabei ist es nicht so, dass es auf dem Gebiet der „Zone“ keine Weinbautradition gegeben hätte. Im genussfreudigen Barock Augusts des Starken, der bei Banketten gern mal sieben Flaschen geleert haben soll, verfügte das reiche Sachsen noch über 6000 Hektar Rebfläche – ermöglicht durch württembergische Expertise, die den Terrassenweinbau an die Elbe brachte. Ende des 19. Jahrhunderts dann kam der erste Einschnitt: der Rebbestand wurde durch die Reblausplage und den Mehltau arg dezimiert. Die beiden Weltkriege samt zwischenzeitiger Weltwirtschaftskrise taten ihr Übriges, die Weingärten brachliegen zu lassen. Und in der unmittelbaren Nachkriegszeit waren landwirtschaftliche Flächen kostbar, sodass die politische Führung in den 50ern verordnete, Getreide und Kartoffeln statt Wein anzubauen.
Ausgerechnet eine Gründung aus der NS-Zeit ist wohl der Grund dafür, dass in den 50er Jahren die Tradition schrittweise wieder aufgenommen werden konnte. So hatten die Nazis klug erkannt, dass es sich auf kommerzieller Ebene kaum lohnte, die meist sehr kleinen und oft auch noch an Steillagen befindlichen Parzellen zu bewirtschaften. Also gründete man die Sächsische Winzergenossenschaft, in der hauptsächlich Kleinstwinzer und solche, für die der Weinbau eher ein Freizeitvergnügen darstellte. Diese änderte später in der DDR zwar ihren Namen in „Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe“ und wurde verstaatlicht, die Struktur ihrer Mitglieder jedoch blieb bestehen. Und auch die auf den ersten Blick nicht unattraktiven Rahmenbedingungen: die Pacht für einen Quadratmeter kosteten selbst in bester Lage kaum mehr als 10 Pfennig, meist eher deutlich weniger – pro Jahr. Dann aber begannen schon die Schwierigkeiten: mal fehlte es an Unterlagsreben, dann an Draht, an Pfählen und Pressen. Und an Landmaschinen sowieso dauerhaft, weshalb die Arbeit im Weinberg ein ziemlicher Knochenjob und meist nur mithilfe von Familie und Freunden zu bewältigen war. Legendär und oft als Beispiel herausgestellt wird der chronische Mangel an säureresistentem Edelstahl für die Kellertechnik. Also goss man herkömmliche Bottiche mit Glasemaille aus und griff für die Leitungen auf Jenaer Glas zurück – ironischerweise wäre das heutzutage gar nicht mehr finanzierbar. Aber selbst diese bescheidenen Möglichkeiten hatten oft nur die Großen, die den (öffentlichen) Markt dominierten wie etwa Rotkäppchen – heute Ostalgie-Marke schlechthin, damals eher notwendiges Übel.
Im gesamten Land gab es gerade einmal vier Kellereibetriebe, die ihrem Namen wirklich gerecht wurden und tatsächlich auf professionelle Weise Lesegut zu Most pressten. Trauben aus der DDR allein verschafften hier aber bei Weitem nicht die nötige Auslastung: größtenteils wurden Importe aus befreundeten sozialistischen Staaten wie Rumänien und Bulgarien, aber auch aus westlichen Ländern wie Italien und Spanien verarbeitet. Als Winzer war man verpflichtet, seinen Ertrag dort abzuliefern – er war ja Volkseigentum. Daher gab es streng genommen auch keinen privaten Weinbau in der DDR. Allerdings erhielt man quasi als Aufwandsentschädigung meist eine niedrige dreistellige Anzahl fertiger Flaschen für den „Eigenbedarf“. Und diese Flaschen musste man im nächsten Jahr – wohl der Grund dafür, dass uns nur wenige flüssige Zeitzeugen erhalten geblieben sind – auch zwecks Neubefüllung geleert zurückgeben. Die Korken allerdings nicht – es gab nämlich kaum welche, da die Korkeiche sich eben entschlossen hatte, nur in den Ländern des Klassenfeindes zu wachsen. Deshalb war der Wein – heute gölte das wohl als vorbildlich nachhaltig – meist mit Kronkorken verschlossen. Ähnlich simpel wie die Erzeugung waren konsequenterweise die staatlichen Vorgaben für die Deklaration. Es durfte die Rebsorte ausgewiesen werden, nicht aber eine bestimmte Qualitätsstufe. Auch Lagenbezeichnungen suchte man auf den Etiketten vergeblich, so hießen alle Winzererzeugnisse aus Sachsen schlicht „Elbtalwein“ – alles andere wäre aber auch irreführend gewesen, denn die Kellereien schmissen das Lesegut gedankenlos zusammen und kelterten meist nur einen einzigen Wein pro Rebsorte.
Die Rebsorten-Palette war jedoch erstaunlich breit und fand Einschränkungen eigentlich nur im kühlen Klima: Weiß- und Grauburgunder schätzte man ebenso wie Silvaner, Riesling oder Müller-Thurgau. Und mit dem Goldriesling, einer Kreuzung aus Riesling und Früher Malingre, existiert sogar eine echt sächsische Spezialität. Eine Behörde wie das Bundessortenamt im Westen gab es zwar, sie war allerdings mehr wissenschaftlich als regulierend tätig, betreute etwa die Rebenversuchsstation der DDR auf dem Radebeuler Krapenberg. Als Winzer musste man nichts anmelden und konnte pflanzen, was immer man wollte und wie man wollte. Überhaupt galt meist „learning by doing“, denn Weinbauschulen wie in Geisenheim oder Weinsberg existierten nicht, von Möglichkeiten, sich im Ausland etwas von den Herangehensweisen anderer Winzer abzuschauen, mal ganz abgesehen. Meist arbeitete man mit Spontanvergärung, denn für Reinzuchthefen fehlten die finanziellen Mittel – was wahrscheinlich auch eine Erklärung dafür ist, weshalb viele ostdeutsche 80er-Jahre-Weine, die man noch in muffigen Kellern findet, sich als erstaunlich langlebig und nach wie vor genießbar erweisen, während die konventionell erzeugten, meist pappig süßen BRD-Produkte aus dieser Zeit längst gekippt sind. Gut, möglicherweise hing das nicht minder mit der hohen Säure zusammen, die den DDR-Tropfen eigen war. So heißt es schon in einem Jenaer Studentenlied aus dem 19. Jahrhundert ironisch: „Und ein Wein wächst auf den Bergen / Und der Wein ist gar nicht schlecht / Tut er gleich die Strümpfe flicken / Und den Hals zusammendrücken / Ist er doch zur Bowle recht!“
Wer einen solchen Wein erwerben wollte – pro Jahr lag die Produktion irgendwo zwischen 10 und 15 Millionen Flaschen -, brauchte eine gehörige Portion Glück: der Ab-Hof-Verkauf war den Winzern verboten, auch und gerade an westdeutsche Touristen. Stattdessen mussten die Produktionsmengen an die entsprechenden Behörden in Berlin gemeldet werden, die daraufhin Anordnungen über die konkrete Verteilung traf. In den „normalen“ Filialen der Handelsorganisation und den Konsum-Märkten, die den größten Anteil an der täglichen Lebensmittelversorgung hatten, fanden sich diese Weine kaum. Man musste schon einen der feineren Delikat-Läden aufsuchen oder Gast in einem der großstädtischen Interhotels sein, um in den Genuss zu kommen, bedurfte also konkret einer dicken Geldbörse oder eines gewissen gesellschaftlichen Status. Oder man hatte eben Beziehungen – womit DDR-Wein ebenso wie andere knappe Güter den Stellenwert einer Zweitwährung bekam, die man gegen spezielle Gefallen und begehrte West-Produkte tauschen oder die Arbeit einer Behörde in einem persönlichen Anliegen beschleunigen konnte.
Er war durch seinen konsequent trockenen Ausbau, die filigrane Mineralik und vor allem die Sortenreinheit eben auch ganz anders als die verschnittene Importware aus Bulgarien, Rumänien und Ungarn, die bis auf wenige Ausnahmen nur zwei Extreme kannte: bis zum Gehtnichtmehr aufgezuckert oder sauer wie Essigsäure. Gute Weine von dort wurden zwecks Devisenbeschaffung größtenteils in den Westen exportiert. Ältere Ostdeutsche erschaudern regelmäßig beim Gedanken an Rosenthaler Kadarka, einen der meistverkauften Weine der DDR für sehr günstige 6,30 Mark. Oder haben sich ihren Geschmackssinn so nachhaltig verdorben, dass sie Verirrungen wie Schwarze Mädchentraube, Eselsmilch oder Erlauer Stierblut noch immer anhängen, die mit der Wende anders als die meisten Ost-Produkte keineswegs aus den Supermarktregalen verschwunden sind. Es ist im Nachhinein schwer zu sagen, ob die heimischen Tropfen damals tatsächlich mehrheitlich des Geschmacks wegen getrunken wurden oder doch eher aus einer Mischung aus Stolz über die eigene Leistung und Trotz gegenüber einem Staat, der nur vorher festgelegte Ernteziele erfüllt sehen wollte, sich um die Qualität aber nicht scherte. Auf jeden Fall gelangten gerade einmal fünf Prozent überhaupt außer Landes.
Die Winzer insbesondere an Saale-Unstrut hatten nicht nur mit den staatlichen Stellen ihren regelmäßigen Kampf auszufechten, sondern auch mit den klimatischen Verhältnissen. Denn die Weinberge hier reichen bis an Havel und Harz heran und liegen noch einmal deutlich weiter im Norden als das nördlichste Weinbaugebiet der damaligen Bundesrepublik, der südlich von Bonn beginnende Mittelrhein. Wird allgemein der 50. Breitengrad als jene Grenze betrachtet, oberhalb derer Rebenzucht sowohl geschmacklich als auch wirtschaftlich nicht mehr lohnenswert erscheint, lag die Region um Naumburg und Freyburg etwa auf Breitengrad 51,5. Und das musste sich natürlich irgendwann einmal rächen: im Winter 1986/87 sanken die Temperaturen auf bis zu minus 30 Grad, was eine Menge Rebstöcke nicht überlebten. Die ständige Mangelwirtschaft erwies sich an dieser Stelle jedoch als vorteilhaft: viele Weingärten waren, bedingt durch die fehlende Verfügbarkeit junger Reben am Markt, wie in alten Zeiten recht bunt gemischt bepflanzt – hin und wieder vielleicht mal zusätzlich belebt durch manches, was der Winzer von Reisen in andere Teile des Ostblocks so mitbrachte oder was von Kollegen aus dem Westen eingeschmuggelt wurde. Jedenfalls sicherte die aus der Not geborene Heterogenität der Pflanzen den Fortbestand des Weinbaus insgesamt.
Was auch der Staat versuchte, der zum Ende hin eine wahre Charmeoffensive fuhr: 1987 kürte man nach westlichem Vorbild eine Weinkönigin in Sachsen, lobte außerdem Preise für vorbildlich bewirtschaftete Weinberge aus und bot Fortbildungen an. Freilich, das ist bekannt, half das nichts mehr. Einige berühmte Ost-Weingüter haben die Wirren von Wende und Treuhand-Gemauschel dennoch überlebt: dem VEG Radebeul gelang die Transformation in das Weingut Schloss Wackerbarth, das heute mit einer Fläche von 90 Hektar auch bundesweit zu den Platzhirschen gehört und insbesondere mit seiner Sektproduktion Aufsehen erregt; dem VEG Naumburg als heutiges Landesweingut die ideelle Rückbesinnung auf 800 Jahre Rebenzucht durch die Mönche des Klosters Pforta. Woanders haben sich die alten Eigentümer ihren einstigen Besitz mühevoll zurückerobert: Schloss Proschwitz bei Meißen war lange Eigentum der Fürsten zur Lippe, wurde aber direkt nach dem Krieg durch die Sowjets enteignet. Die Herausforderungen waren dabei für alle relativ ähnlich: die Wirtschaftsgebäude waren in einem schlechten Zustand, die Trockenmauern aus Bruchstein, die den Terrassen Stabilität verliehen, bröckelten vor sich hin. Allerdings waren durch den jahrzehntelangen Investitionsstau auch viele historische Strukturen erhalten geblieben, die man im Westen gedankenlos im Zuge von Renovierungen und Flurbereinigungen weggerissen hatte. Und erfreulicherweise hat sich auch ein Charakteristikum der wirtschaftlichen Struktur im DDR-Weinbau erhalten: von den etwa 1800 Weinbauern, die heute die Böden am Elbufer bestellen, sind fast 95 Prozent noch immer Nebenerwerbs- und Hobbywinzer.
Dass Wein aus Ostdeutschland einen gewissen Raritäten-Status einnimmt, daran hat sich auch mehr als dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung nichts geändert: aus Sachsen etwa stammen bis heute nur 0,5 Prozent der deutschen Gesamtproduktion. Auch in den renommierten VDP schaffen es nur wenige. Aber wenn, dann zeigt man wie Hey in Naumburg oder Zimmerling in Pillnitz eine unglaubliche Bandbreite von Muskateller und Gewürztraminer bis Spätburgunder und Zweigelt. Zeitweise sollte der Weißburgunder mal das Aushängeschild des ostdeutschen Weinbaus werden, gegen die Konkurrenz aus Baden und Co. kam man jedoch nicht an. Aber die Stärke von Sachsen und Saale-Unstrut liegt eben nicht so sehr in herausragenden Einzelleistungen, sondern in der staunenswerten Vielfalt der Rebsorten und der optimistischen Macher-Mentalität der Winzer. Auch wenn einige Kollegen aus dem Westen das als hemdsärmelig bezeichnen würden, insgeheim sind nicht wenige neidisch auf die Dynamik zweier Gebiete, in denen seit der Wende fast 80 neue Weingüter entstanden sind. Blühende Landschaften? Im Weinbau ist es tatsächlich Realität geworden. Text: Dario Sellmeier


