Legendärer (Wein) Lebensmoment
Früher wurden auf diesem Blog häufiger auch Weine oder ganze Weinabende gefeiert. Das ist in den letzten Jahren ein wenig in Vergessenheit geraten. Aber Wein jeglicher Couleur wird heutzutage natürlich privat immer noch ausgiebig getrunken und als gut, überragend, nicht ganz so gut oder ungenießbar bewertet. Solche Abende können ein wahres Fest sein und sind zugleich Antrieb, Motor und Herzschlag eines jeden Weintrinkers, der nach den genussvollen Sternen des hiesigen Seins strebt. Unlängst gab es wieder einen solchen denkwürdigen Abend.
Allen Hiobsbotschaften zum Trotz, die allenthalben, sobald ein mediales Gerät angeworfen oder aufgeschlagen wird, unsere frühere Lebensfreude gefangen nehmen, lautete das freudige Motto des Gastgebers: „Wir lassen es noch einmal so richtig krachen.“
Ansonsten hat man ja inzwischen den Eindruck, dass die ganze deutsche Nation sich darin gefällt, in einem permanenten Wettstreit zu treten, wem es denn am schlechtesten von uns allen geht. Das ständige und sich permanent überbietende Geheule und Geschrei, als ob man selbst in einem Krieg mitkämpfen würde und als ob der Klimawandel jeden einzelnen schon so betrifft, dass man nicht einmal mehr kurz über das Wochenende eine Städtereise antreten kann oder mit seinem zwei Tonnen SUV auf den Wochenmarkt in der Nachbarstadt fährt, um dort inflationsbedingt überteuertes Gemüse und Bio-Eier aus der Region zu kaufen, wurden an diesem Abend einfach ignoriert und mit leckerem Essen und großartigen Weinen hinweggefegt.
Ein ziemlich leckerer, mineralisch, steiniger, Zitrusfrüchte offenbarender Riesling Pettenthal 2021 von Julia Schittler vom weltberühmten Roten Hang in Nierstein machte hier den Anfang. Diese als Probe mitgebrachte Flasche kann im Nachhinein als ziemlich guter, Durst und Hunger anregender Aperitif verstanden werden. (ohne Bild)
Denn dann folgte ein 2005 Chardonnay aus der Grand-Cru-Lage Chevalier-Montrachet von Étienne Sauzet. Im Duft zeigen sich viele gereifte Aromen und eine deutliche Altersoxidation. Es riecht nach Herbst: Laub, Walnüssen, Oloroso Sherry, Hagebutten, nasses Unterholz, Fichten und Maronen. Vollmundig präsentiert sich dann dieses gereifte Feuerwerk der Aromen im Geschmack, hinzu kommen echte Vanille, eine cremige Salzigkeit und ein gerösteter Nussmix. Mit Luftkontakt bleibt der Wein nicht nur stabil, sondern er legt immer weiter zu, und eine brillante Frische und Klarheit schält sich aus den erdigen Noten heraus. Das ist ganz großes Kino und macht sofort klar, warum solche Weine zu Recht zu den besten der Welt gezählt werden. Majestätisch und königlich folgt dann noch der lange, sanfte und nicht enden wollende Abgang. Was für ein Kracher!
Mit dem Jahrgang 2022 kam dann ein Wein eines viel jüngeren Datums auf den Tisch und in die Gläser. Dieser Wein, der Chiguita von Jade Gross aus der Rioja, hatte zwar gegen den Sauzet nicht wirklich eine Chance, präsentierte sich aber nach ein paar Monaten weiterer Flaschenlagerung immer eleganter und feiner und bot eine enorme Länge im Finish. Ein großer Wein, der im Vergleich zu dem zuvor getrunkenen, noch größeren Wein nicht wirklich verblasste – und wer weiß schon, wo der Chiguita in ein paar Jahren stehen wird …
Und dann präsentierte der Gastgeber einen vergessenen Schatz aus seinen Kellergewölben, der zeigte, wie bester, gereifter roter Pinot Noir aus Burgund schmecken kann. Auf der Flasche stand ‚Latricières-Chambertin Grand Cru von Nicolas Potel, Jahrgang 1999‘, und sie fand ohne viel Aufhebens ihren Weg in die erwartungsvoll leeren Gläser. Ein morbider Duft nach kleinen Waldbeeren, Waldboden, Humus und süßlicher Lakritze entströmte. Am Gaumen war der Wein unglaublich fein, intensiv und harmonisch, mit einem runden Geschmack und Nachhall. Die Trinkreife hatte genau ihren Höhepunkt erreicht: Die Frucht war noch präsent, während sich die Erdaromen allmählich aus dieser Frucht herauslösten und immer intensiver und eleganter wurden. Besser könnte es kaum sein. Dies war genau der richtige Wein für den richtigen Moment – magisch. Er war wie eine in Marmor gemeißelte weibliche griechische Göttin, Aphrodite. Für solche Weine wurde das Attribut ‚femininer Wein‘ wahrscheinlich einst geprägt.
Ein Bordeaux darf an so einem Abend natürlich nicht fehlen. Da kommt der Château Montrose 1995 gerade recht. Er präsentiert sich an diesem denkwürdigen Abend allerdings noch recht jung und sogar ein wenig zugeknöpft, zeigt aber auch, was 1995 für ein großartiger Jahrgang in Bordeaux war. Ein dichter Teppich aus schwarzer Johannisbeere, Kaminfeuer (die Wahrnehmung kann aber auch vom offenen lodernden Kamin herrühren), reife rote Paprika, Bleistiftmine und hervorragend eingebundenes Barriqueholz vermählen sich in Perfektion. Das ist stimmig und wird durch den kompakten Körper der Rotwein-Cuvée im Geschmack und Abgang bestätigt. Die Gerbstoffe sind noch deutlich präsent, aber reif und daher nicht störend oder gar unharmonisch. Ein großer Bordeaux, der zu diesem Zeitpunkt schon Spaß macht, aber in ein, zwei oder gar drei Jahrzehnten noch viel mehr Freude bereiten dürfte!
1911 erreichte der Norweger Roald Amundsen mit vier Kollegen als erster Mensch den Südpol. In diesem Jahr wurde auch der Niersteiner Bruderschaft 1911 vom Weingut Heyl zu Herrnsheim gekeltert. Leider hatte dieser flüssige Zeitzeuge seinen Zenit bereits überschritten und könnte höchstens noch als Holzpolitur eine sinnvolle Verwendung finden. Trotzdem ist es aufregend und spannend, mit einem Tropfen seine Zunge zu benetzen.

Last but not least präsentieren sich dann noch zwei Ausleseweine von renommierten deutschen Weingütern. Der Dönnhoff Niederhäuser Hermannshöhle Riesling Auslese aus dem Jahrgang 2015 zeigt sich kraftvoll. Viel reifer Pfirsich, Maracuja und süßer Apfel. Unter dieser Fruchtigkeit verbirgt sich eine raffinierte, doch reife Säure. Dichter, brillanter Geschmack mit einem außergewöhnlich langen Abgang. Zurecht ein Kultwein. Zuvor probierten wir eine 2014er Riesling Auslese von Jos. Jos. Prüm aus der Einzellage Graacher Himmelreich. Eine ungewohnt schlanke Auslese von J. J. Prüm, die fast schon anmutig, straff und dezent wirkt. Am Gaumen explodiert die Säure förmlich und überwiegt momentan noch die durchaus vorhandenen Kernobstaromen. Ein kraftvolles Finish, das mit seiner Intensität und einem Gefühl wie von sprühender Gischt eines Wasserfalls beeindruckt!
Ach nein, dann gab es noch einen ominösen Slivovitz aus der Jeroboam-Flasche … würdiger könnte ein Abend wirklich nicht enden! Danke, Frank, für diesen tollen Abend, lass es bitte bald mal wieder so richtig krachen!




