Deutschland ist Schaumweltmeister!
In keinem Land dieser Welt wird so viel Schaumwein getrunken wie in Deutschland, fast vier Liter. Pro Kopf!! Ein kleiner Vergleich: in US-Staaten wie Texas trinken die Menschen (pro Kopf) keine fünf Liter, aber Wein und Schaumwein zusammen. In Deutschland kommen immerhin noch einundzwanzig Liter Wein hinzu.
Für die Cava-Produzenten ist Deutschland das gelobte Land: dreiunddreißig Millionen Flaschen und ein paar Zerquetschte, mit dickem Abstand zu Belgien (sic!), UK, und dann erst USA. Jede fünfte exportierte Flasche Cava wird in Deutschland entkorkt, ohne die Alemannen könnten ein paar Firmen glatt die Tür zusperren. Aber was ist das eigentlich, was schütten wir da so gedankenlos in uns hinein?
Erst einmal: die Rebsorten! Zugelassen sind neun Sorten, wobei die drei Klassiker – Macabeo, Parellada, Xarel.lo – knapp achtzig Prozent der dreiunddreißig tausend Hektar Rebfläche ausmachen, die in der D.E. Cava registriert sind. Dann kommt Chardonnay mit gut acht Prozent Flächenanteil, dann der Rest: Garnacha Tinta, Trepat, Monastrell, Subirat Parent (eine Malvasía – Spielart) sowie Pinot Noir. Im Prinzip sind das alles Rebsorten, die in Katalonien seit geraumer Zeit angebaut werden. Dies ist wichtig, da die Region Cava nun einmal nicht mit der Region Katalonien übereinstimmt. Und da beginnt das Problem!
Cava wurde nicht via Consejo Regulador ins Leben gerufen, es gab ihn schon lange bevor die Denominación Especial Cava vor ein paar Jahrzehnten das Licht der Welt erblickte. Es gab Cava aus Katalonien, aus Utiel-Requena, aus Calatayud, diverse Cavas aus der Rioja und aus Navarra, aus Aranda de Duero, aus Rueda sowie aus Almendralejo (sic!). Nun kam der Consejo und wollte dies eingrenzen. Das Ergebnis war eine Art Bestandsschutz für alle, die schon vorher Cava erzeugten, egal in welcher Ecke Spaniens sie herumturnten. Aber: nur mit den zugelassenen Sorten. Daher verschwand der Cava aus Rueda und tauchte als Espumoso wieder auf; Verdejo stand nicht auf der Liste. Andere, Galicier etwa, kamen gar nicht erst in die Verlegenheit, über Cava nachzudenken. Nix mit Albacava oder Treixacava.
Abgesehen von Rioja und Navarra, wo Macabeo (Viura) und Garnacha eine gewisse Rolle spielen, bestehen fast alles Cavas, die es aus Aranda, Calatayud, Turis oder Almendralejo gibt, aus Chardonnay, niemand pflanzt Xarel.lo in der Extremadura oder auf der kastilischen Meseta.
In Katalonien ist das Puzzle einfacher zu lösen, aber nicht immer einfach zu verstehen. Klar ist immerhin, dass das zentrale Hügelland, also Penedès, Conca de Barberà, Tarragona (vorne) sowie Alella, komplett zur D.E. Cava gehört, im Norden etwa, in Empordà, sieht die Sache dann schon wieder ganz anders aus. Dort gibt es Dörfer, die zur D.E. Cava gehören, während Nachbardörfer ohne nachvollziehbare Argumente ausgeschlossen bleiben.
Den durchschnittlichen Konsumenten braucht das aber gar nicht zu interessieren, da gefühlt siebenundneunzig Prozent dessen, was sich Cava nennt, sowieso irgendwie in irgendwelchen Kellern zusammengeschüttet wird, fein (…) mit Zucker dosiert – und ab geht der Lastwagen. Es gibt zweihundert und vierundvierzig Betriebe, die sich Cava-Bodegas nennen dürfen. Wenn man nun alle Firmen herausstreicht, die Trauben oder Fasswein zukaufen (oder gleich fertigen Cava), dann bleiben maximal derer zwanzig übrig. Wenn überhaupt. Der Großteil der Cava-Produzenten keltert keinen Wein! Das machen Cooperativen, Handelskellereien und artverwandte Unternehmen. Die wiederum vermarkten keinen Cava.
Um die neun Monate Flaschenreife kommen selbst die Cava-Giganten nicht herum – aber spätestens dann wird degorgiert, gezuckert – und siehe oben. Das mit dem Zucker ist eine interessante Sache. Etwa ein Fünftel der Cava-Produktion kommt als brut nature auf den Markt, also ohne jegliche Dosage. Das wird fast alles in Katalonien getrunken, wo es durchaus üblich ist, die eine oder andere Flasche Cava zum Mittagessen zu leeren. Die in Deutschland so beliebten Spielarten semi-süß, süß und voll-süß braucht man in Katalonien gar nicht erst suchen. Es gibt sie in den Lagern der Giganten, Freixenet an erster Stelle, aber nur im Exportlager. Spricht man die Katalanen darauf an, machen sie erst ein ernstes Gesicht – und fangen dann an zu lachen. Man versteht nicht, warum man für so etwas Geld ausgibt, findet es aber klasse, dass die Deutschen das ganze Zeug wegräumen, das in Katalonien niemand trinken will. Und dafür auch noch Geld geben.
Daraus entwächst natürlich ein gigantisches Problem: die ganzen wirklich guten Cavas – ein paar gibt es schon, die meisten beginnen mit dem Wort Recaredo – sind brut nature, wenige etwas größere Firmen (Raventos i Blanc, Torelló – Gramona spielt nicht in dieser Liga) füllen den einen oder anderen ordentlichen Cava brut. Das kennt in Mitteleuropa aber kaum jemand. Und deswegen werden diese Produkte auch nur verhalten nachgefragt. Ein wirklich guter Cava kostet schnell mal Mitte zwanzig Euro, dafür bekommt man auch Schampus der ordentlichen Einstiegsklasse (nix mit Witwe oder Clique oder so, of course). Oftmals ist ein wirklich guter Cava dem Champagner in dieser Preisklasse zumindest ebenbürtig; Konsumenten indes bevorzugen in diesem Fall das Wort Champagne auf dem Etikett, insbesondere wenn die Flasche dem Imagegewinn dienen soll. Wenn man auf eine Party geht und einen Cava mitbringt, läuft man Gefahr, von der Adressliste gestrichen zu werden….
Schuld an diesem Desaster sind natürlich die Cava-Produzenten. Sie meinten jahrzentelang, es nicht nötig zu haben, den Konsumenten ordentlich zu informieren. Das haben dann Freixent und Codorníu (immerhin der Cava-Produzent der ersten Stunde [1921]) übernommen – und deswegen gibt es diese pappsüße Spratzelwasser an allen Ecken und Enden. Nun stehen sie da und blöken etwas von „doofer Konsument“. Typischer Fall von fehlgelaufenem Marketing….
Anders als in Deutschland, Frankreich, Österreich oder Italien kann man dem Etikett eines spanischen Schäumlis nicht entnehmen, ob es sich um eine Art Winzercava handelt oder um ein zusammengeschüttetes Etwas. Im besten Fall hilft der Händler des Vertrauens, zumindest in den Fällen, in denen der Händler etwas weiter denkt als nur bis zum Ende der Flasche. Der muss in der Bodega im Zweifelsfall mehrmals nachhaken, denn wenn katalanische Verkäufer eines können, dann ist das Verkaufen. Es braucht oft drei, vier oder gar fünf Anläufe, ehe man sich bequemt, etwas über den Ursprung (aka Weinberge) zu erzählen. Uns selbst dann muss man vorsichtig sein: Winzerlatein kommt gleich nach Jägerlatein! Grobe Faustregel: Reserva oder Gran Reserva, brut nature (wenn auftreibbar) oder maximal brut. Eine Jahrgangsangabe ist kein Güte-Siegel, aber zumindest ein Indiz.
Namen? Recaredo ist immer gut, Raventos i Blanc in der Regel auch (wenn man den belanglosen Rosat La Nit mal außen vor lässt). Agustí Torelló, Mas Candí, Heredad Mestres, in Notfällen auch Gramona. Die Liste der wirklich guten Cavas ist so lange nicht.
Und wenn man keinen Cava will, sondern andere Schaumweine Spaniens? Nun, dann hat man ein kleines Probläm! Es gibt ein paar, aber nicht wirklich viele. Die meisten gibt es, welche Wunder, in Katalonien. In der Regel geht es um Rebsorten oder Anbaumethoden. Manche Schaumweine beginnen die Vergärung im Tank und beenden sie in der Flasche, es folgt dann keine zweite Gärung mehr. Man nennt dies espumoso ancestral, das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Gleichwohl gibt es gerade einmal zwei oder drei Produzenten, die in diesem Marktsegment aktiv sind.
Jenseits von Katalonien und den Cava-Inseln gibt es nur wenige wirklich spannende Dinge. Galicische Schaumweine befinden sich noch in der Findungsphase, einzig Prada a Tope in Bierzo (Greater Galicia) ist etwas weiter. Xamprada ist aber schon arg Mainstream. Kastilien ist, von Palacio de Bornos einmal abgesehen (ex Cava), eher kompliziert. Es gibt zwei Produkte aus Toro, die man am besten vor Ort verkostet und vor Ort wieder vergisst. Rioja, Navarra und Aragón: das, was es gibt, ist in der Regel Cava. Südspanien: wenn da was gärt, handelt es sich wahrscheinlich um einen Flaschenfehler… Bleibt der Norden. In Asturien gibt es vor allem schäumenden Sidra, in Kantabrien nix. Dafür aber in Euskadi! Ameztoy aus Getaria keltert einen durchaus süß geratenen Txakspumoso, während der von Doniene Gorrondona schon wirklich ordentlich ist. Es lohnt sich durchaus, die eine oder andere Flasche zu suchen. Nur sind wir dann halt schnell wieder beim Ursprungsproblem: für Mitte/Ende zwanzig wird dieser Schaumwein nur jenen eine Freude bereiten, die gerne auf das Wort Champagne verzichten – und wirklich trockene Produkte mögen. Text: El oso alemán
