Wann ist ein Wein ein Wein?
Für alle, die den Bären nicht so genau kennen: er liebt es, Dingen auf den Grund zu gehen. Stundenlange Diskussionen über Themen, die vordergründig nicht so wichtig erscheinen, das ist sein Ding. Über das Wesen des Weines und den Umgang eben damit, zum Beispiel. Nennen wir dies die „Keit“-Debatte: SinnlichKeit, VerlässlichKeit, BeliebigKeit, ErbärmlichKeit,…. Ende offen.
Die Techniker und mit ihnen der Großteil der Getränkeindustrie, die sich mit Wein beschäftigt, ficht das alles überhaupt nicht an, denn: Wein ist mithilfe alkoholischer Gärung, hefebasiert, veränderter Most von frischen oder gefrorenen oder eingetrockneten Traubenbeeren. Punkt. Wer in dieser Welt lebt, kann hier aufhören, den Text zu lesen. Denn alles andere ist eine Frage der Interpretation oder aber der Philosophie.
Unlängst, es ist noch keine vier Jahrhunderte her, trank man Wein, weil Wasser schlicht und ergreifend ungesund war: Bakterien, Keime, weiß der Chemiker, was sonst noch. Mit der alkoholischen Gärung (dies trifft natürlich auch auf Bier zu) erreichte man eine bakterielle Säuberung einhergehend jedoch mit einer alkoholbedingten Benebelung. Gleichwohl waren die Weine, die für diesen Zweck entstanden, wesentlich alkoholärmer, oftmals erreichten sie keine acht Umdrehungen. Heute würde man so etwas ein fruchtiges Mösel’chen nennen (Duck und schnell weg!). Es ging darum, frisch vergorenen Wein zu trinken, gerade solche Weine alterten oftmals schlecht, im Sommer nach der Ernte war in der Regel Schicht im Schacht. Diese Art Getränk gibt es auch heute noch, vielleicht nicht in großen Städten oder in Großstädten, wohl aber in Dörfern, in denen Weinbau betrieben wird und rings herum. In vielen Dörfern der Rioja Alavesa etwa treffen sich noch immer täglich einige ältere Männer, Frauen habe ich in solchen Gruppen noch nie angetroffen, die alle privat Wein keltern. Man zieht von Haus zu Haus, und in jedem bekommen allen einen „Schluck“ vom Hauswein, in der Regel ein leichter Rotwein oder ein Clarete. Ab und an etwas Wurst dazu; und dann geht es weiter, zum nächsten Keller. Wenn das zehn oder zwölf Personen sind, ist dies eine durchaus anstrengende Arbeit. Ein Morgen ist schnell damit verbracht. Mit Qualitätswein hat dies alles nichts zu tun. Solche Weine wurden und werden gehandelt, Valdepeñas, Rueda, die Mancha – Spanien ist voll davon. Den ersten Verdejo-“Wein“ eines Jahrgangs gibt es in der Regel sechs bis acht Wochen nach der Lese, wenn der brüllt, dann auch schon einmal früher. Dass dies mit Wein wenig zu tun hat, erkennt man daran, dass diese Tropfen nach vier oder fünf Monaten zu gar nichts mehr taugen.
Lässt man all das hinter sich, gibt es genau zwei Grundrichtungen: herkunftsbasiert (Terroir) oder gestaltungsbasiert (Gutswein). Ketzerische Zungen sprechen auch gerne von Alte Welt (good old Europe) versus Neue Welt (Ca-Chi, California / Chile). Auf den ersten Blick mag diese Debatte sinnfrei erscheinen, geht es doch darum, ob einem ein Wein schmeckt – oder eben nicht. Mag sein. Nur: wenn sich da in einem Keller mehr als nur zehn oder siebzehn Weine versammeln und die Frage ansteht, welcher es denn nun heute Abend sein soll, ist schmeckt ja/nein? etwas kurz gesprungen.
Und genau hier beginnt das Ärgernis! Die Estate-Wine Freunde haben es noch vergleichsweise leicht, muss der jeweilige Weinmacher oder die Weinmacherin doch nur aufpassen, dass der Stil des Hauses getroffen wird. Ob dann der eine Wein etwas marmeladiger oder der andere etwas kirschiger (fast hätte ich kitschiger geschrieben) daherkommt, ist dann schon fast irrelevant.
Die Terroiristen haben es da schon deutlich schwerer. Denn da sollte dann doch der Ursprung im Vordergrund stehen, ergänzt um die Frage, wie ein jedes Weingut eben dieses Terroir interpretiert. Ein klassisches Beispiel: man veranstalte, so das nötige Kleingeld vorhanden, eine Verkostung verschiedener Weine der Lagen Referts und Cailleret, beide gelegen in Puligny-Montrachet. Das erste ist Butter, das zweite flüssiger Stein. Sowohl Butter als auch flüssiger Stein werden von den jeweiligen Weingütern natürlich unterschiedlich interpretiert, schon klar. Wenn aber nun ein Referts auf den Tisch kommt, der überhaupt keine Anflüge von Butter aufweist, im schlimmsten Fall sogar an flüssige Steine erinnert, dann ist etwas schief gegangen. (Schon klar: Wein ist das komplizierteste Genussmittel wo gibt…).
In Sachen Referts, Puligny-Montrachet oder Burgund im Allgemeinen (kann man ohne Probleme auch auf Bordeaux, Sancerre, Hermitage, Wehlener Sonnenuhr oder Barolo übertragen) ist das noch vergleichsweise einfach: es gibt genug Wein aus einem hinreichend langen Zeitraum, um Vergleiche anzustellen und Details herauszuarbeiten.
In Spanien ist das alles noch siebenundachtzig Mal komplizierter. Denn hier gibt es im Prinzip keine auf Terroir basierende Tradition. Alle namhaften Riojakellereien des letzten Jahrhunderts kauften Trauben und Fasswein hier und dort, in Ribera del Duero war (und ist?) das nicht viel anders. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer: dann kommen die Leute und stellen Dir einen Wein auf den Tisch, nennen ihn gerne Vino de Autor oder sonstwie marketingisch und wollen dir erzählen, dass dies die ultimative Terroir-Interpretation sei. Allerdings gibt es in der Regel nur einen Wein dieser Klasse, Vergleiche anstellen geht nicht. Anders als in Frankreich, Deutschland oder Österreich sind das fast immer Monopollagen, man kann nicht mal eben vier oder fünf Weine der gleichen Lage nebeneinander stellen. Dort, wo es genau einen solchen Wein gibt, ist in der Regel Vorsicht angesagt; sind es derer zwei, kann man zumindest erschmecken, ob die Unterschiede im Glas mit den Unterschieden im Weinberg in Einklang zu bringen sind; bei drei oder mehr Lagenweinen klappt das dann schon ganz gut.
Es geht aber noch komplizierter – und noch undurchsichtiger. Oftmals wollen Winzer etwas Show veranstalten, insbesondere bekannte Namen tendieren zu dieser individuellen Wahrheit, und aktuell ist es insbesondere Großgalicien (Galicien plus Bierzo), das durch derartige Dinge auffällt. So kommen die Weinmacher daher, aus der Ferne, oftmals aber auch aus der Nähe, um irgend etwas zu verzapfen, was bis dato dort so noch niemand anderes gemacht hat – und verkaufen dies dann als das neue Non Plus Ultra; respektive manche Weinkritiker bezeichnen dies dann so.
Man nutzt aus, dass es für eine bestimmte Region kein klar definiertes Geschmacksbild gibt: Godello etwa, im Inneren Galiciens (Quiroga (Ribeira Sacra), Valdeorras, Bierzo). Fast alles, was dort in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren dort als Godello in die Flasche kam, war entweder untrinkbar oder unerträglich. Dann aber kamen sie von nah und fern (Rafa Palacios, José García, Verónica Ortega, Raúl Pérez nebst Anhang, und noch diverse mehr). Ein jeder keltert einen oder bestenfalls zwei Godellos – alle schmecken komplett anders, alle sind irgendwie begeisternd. Und alle sollen nun die wahre Interpretation von Bierzo oder Valdeorras – Godello sein (Quiroga braucht noch etwas). Das ist Sensationsgeheische, sorry, Jungs und Mädels! Kaum einer von denen macht sich die Mühe, erst einmal herauszuarbeiten, was denn typisch für die Region sei. Dies geht am besten mit Weinen, die in der Bodega nicht sonderlich stark manipuliert werden; kein Holz etwa, nur gleiche Bodentypen für einen bestimmten Wein, und so weiter. Das gibt keine zwanzig Punkte auf der WOW-Skala, schon klar. Es sorgt (würde sorgen) jedoch dafür, dass man erst einmal weiß, von was man redet. Ich selbst arbeite mit einem dieser Winzer; er macht großartige Weißweine (aus Salnés und aus Bierzo), nur: sie sind komplett anders als alle anderen Weine der gleichen Ecke. Hat er nun den Stein der Weisen gefunden oder ist das nicht viel mehr als ein Spleen? Seitdem ein nicht unbekannter Weinmacher einmal mit Albariño gefüllte Barriques im Atlantik versenkte, um dann (belegfrei) zu behaupten, dass die Reife komplett anders sei, gilt es diese Dinge mit Vorsicht zu genießen. Oftmals ist das nicht viel mehr als Schattenboxen, aufgeführt, um sensationslüsterne Medien anzulocken.
In Spanien und gerade in Greater Galicia glauben viele Winzerinnen und Winzer, dass es wichtig sei, für einen besonderen Wein spektakuläre Klimmzüge aufzuführen. Man will sich so von der Masse abheben. In etwas besser gefestigten Regionen ist das anders. Was unterscheidet gute Winzer im Burgund, im Rheingau, in Barolo oder in der Steiermark von den „Normalos“? Nun, im Prinzip machen sie das Gleiche, jedoch machen es die Spitzenbetriebe besser als die normalen Weingüter. Würden Spanier gelegentlich mal reisen, sie könnten eine Ahnung darob bekommen. Text: El oso alemán
