Winzer, hört die Signale!
Alle Rebsorten sind internationale Sorten, außer in ihrer jeweiligen Ursprungsregion. Genetisch identische Sorten können nicht unabhängig voneinander entstanden sein. Riesling, um mit einem einfachen Beispiel zu beginnen, stammt wohl vom Oberrhein, also aus Baden oder dem Elsass; nicht jedoch von der Mosel, der Ahr, aus Franken oder der Wachau. Wie weit darf sich der Riesling von seiner Stammregion entfernen, um noch als autochthon angesehen zu werden? Wie halten wir es mit internationalen Rebsorten? Was ist das überhaupt?
Drei Regionen, drei Schlüsselelemente. Alle drei beschäftigen sich mit dem gleichen Problem, die Lösungen indes sind komplett verschieden.
Szenario 1: Weingutsbesuche in Somontano, das ist etwa drei Jahre her. In früheren Zeiten beschäftigten sich die Winzer der Region mit Moristel, mit Alcañón, mit Garnacha und etwas Tempranillo. Nachdem Viñas del Vero, vor allem aber Enate die Bühne betraten, änderte sich alles. CabMeSy vom linken Ohr bis zum rechten Ohr. Dazu Chardonnay. Das schlimmste ist: alle Weine schmecken gleich! Gleich banal!!! Nun mag es sein, dass der Blecua oder die Weine aus Secastilla etwas individueller sind als der Rest, seismographisch messbar ist das indes nicht.
Szenario 2: Vor vielleicht vier Jahren besuchte ich Raúl Bobet. Und zwar nicht im Priorat, sondern in der Region Tremp, ein heißer Kandidat für eine neue Denominación de Origen, in der Vorhölle der Pyrenäen, auf etwa eintausend und dreißig Meter über Meeresniveau. Dort hat, zumindest in den letzten zwei Jahrhunderten, niemand Reben gesetzt. Raúl suchte Sorten, die das Terroir, insbesondere aber die Höhe, im Glas perfekt widerspiegeln. Das Ergebnis: Semillon, Riesling, Albariño, etwas Sauvignon Blanc und noch mehr. Blaue Sorten auch, spanische eher weniger.
Szenario 3: eine der spannendsten Regionen Spaniens, die es eigentlich noch nicht gibt, ist der Osten Andalusiens, sowohl nördlich als auch südlich der Sierra Nevada. Hier stehen Reben auf bis zu eintausend und vierhundert Metern über Meeresniveau. Das gibt es sonst nirgends in Spanien und nur selten in Europa, wenn überhaupt. Dort stehen Reben, aber oftmals handelt es sich um die falschen Sorten. Falsch in dem Sinne der Unmöglichkeit, diese Frische und Finesse darzustellen. Fast alles, was es dort bisher gab, eignet sich eher wenig, von Garnacha einmal abgesehen. Die blauen Sorten, die mir durch den Kopf schossen, als ich die Region durchstreifte, waren Pinot Noir, Petit Verdot sowie Cabernet Franc. Vielleicht Romé, aber mit etwas Bauchgrummen.
Oftmals klagen wir, und der Oso Alemán ist da gerne an vorderster Front, über die Internationalisierung der Weine. Dabei muss man aber gehörig aufpassen. Internationalisierung darf man nicht mit der Verwendung internationaler Rebsorten gleichsetzen, Internationalisierung bedeutet das Keltern eines Weinstils, den man so oder so ähnlich überall auf der Welt finden kann. Ein zugeholzter Chardonnay, der außer Butter und Vanille nicht viel zu bieten hat, ist das beste Beispiel. All but Chardonnay, per favore! Ein Chardonnay, der die Eigenheiten einer Region perfekt widerspiegelt, kann eine großartige Sache sein. Wer dann sagt, das trinke er nicht, weil es Chardonnay, eine dort nicht heimische Rebsorte, sei, ist nicht viel mehr als ein gewöhnlicher Ignorant.
Vor etwa zweihundert Jahren gab es in kaum einer Weinbauregion der Welt eine einzige dominante Rebsorte, auch nicht im Burgund. An der Rhône, im Piemont, in der Toskana, in der Rioja, in Catalunya und weiß der Geier wo standen diverse Rebsorten Seit‘ an Seit‘, die Fokussierung auf nur eine Sorte kam später. Genau genommen dann, als der Verkauf und das Marketing begannen, eine wichtige Rolle zu spielen. Interessanterweise blieb die Vielfalt an einigen Orten, während sie andernorts wich. Die Côte d’Or kennt heute nur mehr drei Rebsorten, wobei Aligoté weit abgeschlagen hinterherhechelt, Ribera del Duero gerade einmal derer sechs, und auch das nur, weil Vega Sicilia in seinen Weinbergen Malbec, Cabernet Sauvignon und Merlot stehen hatte. Müssen die Autochthon-Fanatiker jetzt auf ihren Único verzichten?
In früheren Zeiten gab is rund um Aranda de Duero, ein paar Reste findet man dort immer noch, Weinberge mit Maturana, Bobal, Cariñena, auch Mencía war nicht unbekannt. Heute gibt es das alles nicht mehr, zumindest nicht mit D.O. Rückenetikett. Wäre Bobal, wenn wieder zugelassen, eine autochthone oder eine überregionale (aka internationale) Rebsorte?
Ein ganz anderes Beispiel: In Txakolinien gibt es keine einheimische weiße Rebsorte, egal, was die Leute erzählen. Wendet man das strikte Länderprinzip an, dann wären die Getaria-Tropfen internationale Weine. Unbestritten ist aber wohl, dass niemand sonst auf die Idee kommt, einen derartigen Wein zu keltern. Die innerbaskische Gefühlszone lassen wir jetzt mal außen vor. Schlussfolgerung: ein autochthoner Wein basierend ausschließlich auf nicht autochthonen Rebsorten. Komisch, wa?
Natürlich spielt das alles in Gesprächen mit Spanischen Winzern eher eine untergeordnete Rolle. Noch immer ist man der Auffassung, es sei einfacher, seine Weine über die Rebsorte als über die Herkunft zu definieren. Es ist, keine Zweifel geduldet, auch viel einfacher, über Tempranillo zu reden als über das Terroir in Gumiel de Mercado und die Anstrengungen, genau das im Glas zu visualisieren. Fragt man Weingutsbesitzer, Weinbauern sind da oftmals einen Schritt weiter, wie sich denn die Weine aus ihrem Ort von denen des Nachbarortes unterscheiden, bekommt man als Antwort große Augen und einen Einblick in die hinteren Zahnreihen. Mit so etwas beschäftigt man sich nicht.
Wir sehen: die Dinge sind kompliziert. Dazu kommt, dass die Herkunft vieler Sorten noch gar nicht geklärt ist. Es mag sein, dass der eine oder andere Weinbauer eine Sorte als autochthon feiert, von der sich wenig später herausstellt, dass die von ganz wo anders stammt. Galicische Winzer können ein Lied davon singen.
Da der Oso Alemán nun einmal klare Ansagen mag, hat er sich intern definiert: (1) alles, was dazu dient, das Terroir eines bestimmten Fleckens Erde gut herauszuarbeiten, ist in Ordnung. Bei gleicher Eignung sind einheimische Sorten bevorzugt zu verwenden. (2) Alles, was man so, wie es ist, auch in Chile, in Südafrika oder im Veneto herstellen kann (das soll jetzt aber bitte niemand als Kritik an diesen drei Regionen verstehen), kann nur internationaler Kram sein. Und den kann man, so es um Genuss geht, guten Gewissens vergessen. Text: El oso alemán