O Ribeiro, der Star, der im Dunkeln lebt.
Von Zwergpflanzen und Topfrebstöcken einmal abgesehen gibt es in Galicien fünf klassifizierte Weinbauregionen. Wenn überhaupt, dann kennt man Rías Baixas, was aber eigentlich keine in sich geschlossene Weinbauregion ist, sondern eine geschlossene Anstalt, in die man diverse Gebiete gepfercht hat, die nichts miteinander zu tun haben. Darüber reden wir ein andermal.
Das Thema dieses Textes ist ein anderes, wir reden über O Ribeiro. ¿Hep? Oh jah, Ribeiro ist eine der wirklich klassischen Weinbauregionen Spaniens und, noch vor Tierra de Medina, worüber wir auch mal reden sollten, die älteste Weinbauregion Spaniens, die so etwas wie ein Regelwerk kannte. Wir sprechen, die Quellen sind sich da nicht wirklich einig, über das sechzehnte Jahrhundert. Damals allerdings war die Region nur als das Tal de Avia samt Ribadavia bekannt. Letzteres ist der Ort, in dem der Avia in den Miño mündet, ein pittoresker Marktflecken mit einer glänzenden Vergangenheit, die einer bröckelnden und verfallenden Gegenwart Platz hat machen müssen.
Der Weinbau am Miño ist jedoch weit älter; Phönizier haben Reben gebracht, den Miño aufwärts, Staudämme gab es damals noch nicht. Römer, insbesondere aber Kleriker jedweder Art haben den Weinbau vorangetrieben, auch die Juden (Ribadavia war einst eines der größten jüdischen Zentren der Iberischen Halbinsel) sprachen ein gewichtiges Wort mit. Und dann kam die Blütezeit der Region, an die heute gerne erinnert wird.
Vor vierhundert oder fünfhundert Jahren, so sicher ist das alles nicht, war die Region bekannt und, jawohl, auch berühmt für einen Weintyp, der sich Tostado nennt. Nebenbei bemerkt: gelegentlich liest man auch von Tostón; das kann zwar auch gut schmecken, es handelt sich hierbei indes um Spanferkel! Tostado ist nichts anderes als ein Vin Santo, die Trauben werden nach der Ernte getrocknet. Das London der frühen Neuzeit war verrückt nach dem Zeug, die Spanier tranken nur wenig davon; daher ist es nicht wirklich verwunderlich, dass es heute noch gerade einmal drei Erzeuger gibt, die einen Tostado keltern. Der bekannteste (hier gibt es auch den besten Tostado der Region) ist Manuel Formigo aus Beade, der vor wenigen Jahrzehnten die Bodega seines Vaters übernommen hat. Achtzig Prozent der Produktion dieses Weines gehe in den Export, in Spanien gilt dieser Wein (excellente Qualität) als hausbacken, Wein vergangener Generationen und so weiter. Die Cooperative Viña Costeira und ein Handelsabfüller sind die anderen beiden amtlich bekannten Bodegas, die sich mit dem Produkt herumschlagen. Es gibt noch ein paar mehr, die mehr oder weniger für den Hausgebrauch Tostado bereiten, oder so…
Über Jahrzehnte, wenn nicht noch länger, musste sich Ribeiro mit einem hausgemachten Problem herumärgern: nach der Reblaus, die hier kräftig wütete, pflanzten die Weinbauern vor allem Palomino und Alicante Bouschet, beides Rebsorten, die wenig Arbeit einfordern, gegen Rebkrankheiten weitgehend immun sind und dann auch noch richtig viele Kilos liefern. Und so kam es, dass der Consejo Regulador die Obergrenze der Produktion auf dreißigtausend Kilo pro Hektar festlegte, Winzer von der Obermosel bekommen feuchte Augen, Arme und Beine, sobald sie diese Zahlen lesen. Noch vor zehn Jahren entfielen fünf Siebtel der Weißweinproduktion und sechs Siebtel der Rotweinproduktion auf Palomino und Alicante Bouschet, hier Garnacha Tintorera genannt, weil das etwas harmloser klingt.
Fast siebzig Jahre dauerte es, ehe sich zwei Weinbauern ein Herz fassten, und begannen, die Dinge umzukrempeln. Arsenio Paz, Rechtsanwalt und Inhaber der Bodega Vilermo, sowie Caco Carreiro, Unternehmer und Inhaber der Bodega Coto de Gomariz, begannen Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die Wurzeln des guten Ribeiro wieder auszugraben und zu pflegen. Auch wenn insbesondere die Großbodegas der Region noch ein paar Jahrzehnte brauchten, um den Zug der Zeit zu begreifen, die Dinge waren gegeben: Loureiro und Lado, Godello und Caiño, vor allem aber Albariño und Treixadura, das waren die neuen alten Stars der Szene.
Es war weniger der wirtschaftliche Erfolg dieser beiden Weingüter, sondern vielmehr der psychologische Effekt des Neuen, der den Bann brach. Niemand hat in den letzten dreißig Jahren Palomino oder Alicante Bouschet gepflanzt, die traditionellen Sorten haben sich, poco a poco, wieder Raum verschafft.
Gleichzeitig wuchs Ribeiro. Insbesondere im Süden, in einer Enklave, die durch drei Flüsse definiert ist: Miño, Avia, Arnoia. Letzteres ist auch der Name des Dorfes in den heute die besten Weingüter der Region ihren Sitz haben. Allen voran Luis Ánxo, gerne auch mal der Pfau oder der knorrige Galicier genannt. Ein Sturkopf, wie es ihn eigentlich nur in Galicien geben kann. Aber auch lernfähig, wenn man die Dinge geschickt anstellt und drei Zentner Geduld mitbringt. Er, ganz alleine, hat Ribeiro wieder in der Welt bekannt gemacht, nicht etwa Emilio Rojo, ein Marketingprodukt eines spanischen Weinkritikers. Seine Escolmas, rot wie weiß, sind heute ein Aushängeschild für galicische, wenn nicht spanische Weinbaukunst. Aber auch José Meréns, Paco Estevez oder Javier Montsalve gehören zu den guten. Arnoia ist aufgrund seiner Lage (Sand, nahe am Miño, knochentrocken) ein privilegierter Ort. Dass das Keltern von Wein hier kompliziert ist, verdeutlicht eine Ziffer: Jose Meréns beackert vier Hektar Rebland, aufgeteilt in einhundert und dreiundzwanzig Miniparzellen!!! Das einzige Problem: eben aufgrund dieser Lage hat, wenn man die Dinge nun einmal genau nimmt (Bären machen das), Arnoia mit Ribeiro in etwa so viel zu tun wie Grünkohl mit Gourmetküche.
Das zweite Gebiet, was nicht wirklich zu O Ribeiro gehört, befindet sich an den beiden Ufern des Stausees, der hier vor etwa sechzig Jahren errichtet wurde. Heute sind die beiden Orte Toén und Castrelo de Miño für knapp ein Drittel der Traubenproduktion zuständig. Auch wenn es dort viele kleine Bodegas gibt, die Qualität der Weine ist eher bescheiden. Dem Nordufer wurde durch den Stausee fast das gesamte beackerbare Land genommen, an den steilen Hängen im Norden wachsen keine Weinstöcke.
Das klassische Ribeiro findet man noch immer an den Ufern des Avia, von Ribadavia hoch bis nach Gomariz. Das ist keine große Distanz, ein alter Ford Focus schafft das in zehn Minuten; gleichwohl gibt es diverse Unterschiede. Kaum unterschiedlich ist das Klima, aber genau das ist eines der Probleme, mit denen sich Ribeiro herumschlagen muss. Nach dem Tal des Guadalquivir (Córdoba, Sevilla) ist das Tal des Avia, zumindest der Unterlauf, dort, wo die Reben stehen, das heißeste Tal in Spanien. Das nicht so sonderlich weit entfernte Ourense gehört zu den Top Ten Städten in Sachen Sonnenstunden pro Jahr, der Strand ist stets gut bevölkert.
Daran denken Konsumenten oftmals nicht, wenn sie eine Flasche weißen Ribeiro kaufen; in der Regel wird ein frischer, fruchtiger, nicht allzu körperbetonter Weißwein erwartet. Das, was dann ins Glas strömt, hat damit nichts zu tun. Ribeiro ist eben nicht die Fortsetzung von Rías Baixas ins Innere, das sind zwei völlig verschiedene Welten! Die Struktur der Weine erinnert eher an das südliche Rhône-Tal oder an das Languedoc als an Loire, Wachau oder Nahe. Das hat natürlich auch mit den Rebsorten zu tun. Albariño wird, so er kein Meer sieht, dick und träge, Godello ist so fruchtbetont dann nun auch wieder nicht und Loureiro, die einzige weiße Sorte, die etwas frisches Grün in die Gegend bringt, wird kaum angebaut, weil die Trauben in nicht ganz so heißen Jahren nicht ausreifen. Ribeiro weiß, das ist zu achtzig Prozent Treixadura, eine intensive, leicht ölige Rebsorte. Sortenreine Treixaduras sind oftmals betont langweilig, daher sind Cuvées aus vier oder fünf Rebsorten die Regel.
Ribeiro ist die einzige Weinbauregion Spaniens, in der es eine Klassifizierung der Weingüter gibt, ähnlich wie in Deutschland, in Frankreich, in der Schweiz, in Österreich oder in Italien. Es gibt die Colleiteiros, die keine Trauben zukaufen und maximal sechzig tausend Liter Wein keltern dürfen. Auch wenn das gerne etwas gedehnt wird, im Rahmen des Galicischen werden die Vorgaben schon ganz gut eingehalten. Auf der anderen Seite gibt es die Adegas, die im Prinzip keinerlei Beschränkung unterliegen. Man kann kaufen was und wo man will und man kann keltern bis die Kelterpresse jault. Manche Adegas, Coto de Gomariz bis vor vier oder fünf Jahren, oder aber Viña Mein (noch immer) kaufen nicht zu, die anderen Adegas schon. Insgesamt gibt es davon aber gerade einmal derer acht, alle anderen findet man in Ribadavia oder im Osten von Ribeiro. Haaalt: kurz vor Redaktionsschluss schneit die Meldung herein, dass Dominio do Bibei, Vorzeigeweingut aus Bibei-O Bolo, in San Clodio beginnt, Wein zu keltern. Das könnte Leben in die Bude bringen, ist es doch die erste wirklich angesagte Bodega von außerhalb, die in Ribeiro an den Start geht.
Das klassisch Ribeiro ist nach wie vor eine Region der kleinen und kleinsten Winzerbetriebe, Weinbauern, die, gelegentlich im Nebenerwerb, das keltern, was in ihren Rebgärten eingesammelt wurde. Das Limit der sechzig tausend Liter erreichen nur wenige, dreißig tausend Liter sind schon eine große Menge. In de Regel gibt es dann zwei Weißweine und einen Rotwein, oder aber drei Weißweine und keinen Rotwein. Achtunddreißig Winzerweingüter gibt es aktuell, wobei manche eher aus steuertechnischen denn aus weintechnischen Gründen existieren, ständig kommen neue hinzu, gleichzeitig verschwinden manche nach nur wenigen Jahren wieder von der Bildfläche. Oftmals handelt es sich um ehemalige Mitglieder einer Genossenschaft, die auf eigene Faust loslegen, dann aber schmerzhaft lernen, dass Weinbauer und Winzer zwei Paar Stiefel sind. Außerdem muss Wein auch verkauft werden.
Welches sind die besten? Gute Frage, in vielen Betrieben ist die Qualität stark schwankend. Die mit Abstand zuverlässigsten sind Finca Teira (Manuel Formigo) und Adega Sameirás ( Antonio Cajide), in Sachen Rotwein nicht zu unterschätzen. Lombre (Jorge Pérez) ist zwar sehr gut, gleichwohl sind ihm gerade die Weinberge „abhanden gekommen“. Son de Arrieiro könnte ein neuer Stern am Avia-Himmel sein. Allerdings gibt es bislang gerade einmal einen Jahrgang, das ist schon etwas knapp, um ein Urteil abzugeben. Cuñas d’Avia ist natürlich ein Kandidat, das sind halt fette Weine.
Sea lo que sea – nach ein paar eher müden Jahren scheint sich die Karawane nun endgültig in Bewegung zu setzen. In der Spitze (Viña de Martín-Escolma) ist Ribeiro ohnehin schon an der Spitze von Galicien angelangt, Rías Baixas spielt nicht in der Liga. Das klassische Avia-Tal könnte ein Quell von guten bis sehr guten Weinen sein, von denen man auch mal eine ganze Schachtel kaufen kann. Text: El oso alemán

