100 Punkte, der perfekte Rotwein und nun?
Es gibt bei bekennenden Weintrinkern diese magische Zahl 100. Die Zahl, welche den perfekten, den vollkommenen Wein umschreibt: 100! Kurz, klar und einprägsam und der geschmackliche Mount Everest auf Erden. Ein Höhepunkt ohne Gleichen und ein im Leben selten bis nie wiederkehrendes Erlebnis.
Wenn zur Planung einer Weinprobe die Forderung lautet: „Jeder bringt einen 100 Punkte Wein mit“, ist die Vorfreude auf so ein Event und die Spannung und Ehrfurcht vor diesen vinophilen Meilensteinen der Menschheitsgeschichte riesengroß. Aber wie sind die persönlichen Eindücke nach so einer Gaumenschlacht?
Auf dem Programm standen mit dem Catena Zapata Malbec Adrianna Vineyard Mundus Bacillus Terrea Vino de Parcela 2011 (98 Parker Punkte), Clos Saint Jean Chateauneuf-du-Pape Deus Ex-Machina 2010 (100 Parker Punkte) , Sine Qua Non Raven Grenache 2006 (98 Parker Punkte), Remirez de Ganuza Gran Reserva 2004 (100 Parker Punkte) und dem Chateau Lafite-Rothschild 1990 (96 Parker Punkte) fünf Weine auf dem Tisch wie sie unterschiedlicher nicht sein dürften. Jeder für sich ein Aromengarant und eine sogenannte echte Rakete. Um so bedenklicher, dass bis auf den Lafite, der allerdings zu einer anderen Zeit vinifiziert wurde, alle Weine eigentlich nach der selben Geschmacksformel produziert wurden. Extrakt, Überreife, viel neues Holz, polierte Gerbstoffe, Alkoholwerte bis zum Anschlag und eine nicht wegzudiskutierende Fruchtigkeit, die bereits in eine gewisse Süße abschweift.

Der Höhenlagen Anden Wein Catena Zapata Malbec Adrianna Vineyard Mundus Bacillus Terrea Vino de Parcela 2011 bildete den Auftakt dieser bemerkenswerten Weinprobe. Die Malbec Reben fussen 1500 Meter über dem Meeresspiegel. Die Farbe begeistert mit einer tiefdunklen, violetten Schattierung. Aromen von so vielen dunklen und roten Früchten wie es sie auf dieser Erde eigentlich gar nicht gibt, begeistern die Sinne. Dazu viel Schokolade und bestes Holz, im Mund sehr reif, ziemlich beerig und genau den Schuss Säure, den es braucht, um den Wein nicht kitschig werden zu lassen. Der Abgang ist harmonisch lang, bietet auch ein wenig Frische und man kann hier nur von einem ganz großen Wein ohne Ecken und Kanten sprechen. Ein Terroir Profil trotz „Höhenlagen Wachstum“ weisst dieser geniale Tropfen allerdings nicht wirklich auf.

Der zweite Hauptdarsteller an diesem Abend war der Chateauneuf-du-Pape Deus Ex-Machina 2010 der Domaine Clos Saint Jean von der Rhone. Eine Cuvée aus den Rebsorten Grenache und Mourvèdre, die auf maximale Extraktion getrimmt wurde. Mehr ist hier auch mehr. Ein mehr an Frucht, Süsse, Holz, Alkohol und Kraft benebeln zunächst alle Sinne. Auch das ist beeindruckend und lässt zunächst Freudengeheul erschallen, auch wenn beim dritten und vierten Schluck klar wird, dass bei diesem Boliden Wein, den man eigentlich eher nach Übersee als nach Europa verorten würde, so einiges im Argen liegt. Es fehlt die Spannung, die Säure als bindendes Element und last but not least ein Abgang. Natürlich ist dieses Gewächs noch viel zu jung und wird sich noch irgendwie positiv entwickeln, an dieser Stelle war es allerdings der Verlierer des Abends.

Der Sine Qua Non Grenache Raven aus dem Jahrgang 2006 aus Kalifornien könnte als vinophile Krönung der Schöpfung durchgehen. Fruchtextrakt pur, Reife, aber auch eine aussergewöhnliche Fülle ist ihm zu eigen. Der korrekte Schuss Säure und ein perfekter sehr, sehr langer Abgang runden diesen Power Wein ab. Es handelt sich hier tatsächlich um absolute Perfektion. Bei diesem Grenache suchen die Trinkenden nach Fehlern, können diese allerdings nicht finden. Der perfekte Bodybuilder. Ein Arnold Schwarzenegger in roter flüssiger Form und in der Gestalt von Marilyn Monroe. Modern, moderner, extrahierter und dennoch geil und perfekt. Hier bleibt selbst dem schreibenden Meckerer die Spucke weg.

Einen Rioja im modernen Gewand stellte der Remirez de Ganuza Gran Reserva aus dem Top Jahrgang 2004 dar. Geschliffen, Röst- und Barriqueholz Aromen, auch hier noch sehr viel jugendliche Frucht an Bord und auf eigentümliche Weise auch recht kraftvoll und stark. Ein Tempranillo, der ein wenig an einen großen Ribera del Duero erinnert. Sicher perfekt, aber irgendwie zu tadellos; und das muss man diesem Rotwein ein wenig vorwerfen, ein sehr internationaler Zeitgenosse.
Eine der größten Rotwein Ikonen dieser Erde ist sicher das Bordeaux Weingut Lafite-Rothschild. Es ist eines der ersten Weingüter, welches überhaupt Weine in Flaschen abfüllte und damit eine eindrucksvolle Marke geschaffen hat. Hier trifft Wissen und Tradition aus Jahrhunderten auf eine neue Zeitrechnung. Und tatsächlich, dieser Wein ist an diesem Abend der einzige, der ein wenig anders schmeckt. Sicher, auch aufgrund seines Alters von immerhin 28 Jahren ist die Fruchtphase überwunden. Starke Graphit Noten, ein Hauch von Paprika, Zigarren und frische Holzaromen steigen dezent aus dem Glas empor. Der Wein ist kein „hau drauf“ wie seine vorher getesteten Brüder. Eher distinguiert, zurückhaltend und noch mit einem beeindruckenden Berg von Tanninen versehen. Ein noch sehr verschlossener Edeldiamant. In dieser Phase wirkte dieser Lafite nicht großartig, nein, eher zurückhaltend und abwartend. Viel Fantasie und noch mehr Zeit wird erforderlich sein, um diesen 1990er einmal in voller Blüte und Pracht erleben zu dürfen!
Nach diesem sensationellen und einmaligen Abend stellt man sich die Frage, was als Steigerung folgen könnte. Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand oder beim Winzer. Es sind die Terroir Weine; Weine, die eine eigene und keine internationale Handschrift tragen. Weine, die sich nicht wie die hier probierten Tropfen von alleine erklären oder erschliessen. Weine, die erobert werden wollen und die Geschichten erzählen.