Der Ring, der fast geschlossen
Gegebenheiten, deren Ursprung in der Vergangenheit liegen, haben in der Regel ein Problem: es gibt immer etwas, das noch etwas weiter zurück liegt, aber dennoch betrachtet werden sollte. Versuchen wir, das Dilemma so zu lösen: es scheint gesichert zu sein, dass während des Urknalls auf spanischem Boden keine Reben standen. Über das, was nach dem Urknall, aber vor dem zwanzigsten Jahrhundert geschah, reden wir gerade nicht.
Ende des neunzehnten Jahrhunderts war in Spanien mal wieder Krise: Naturkatastrophen, Mißernten, politische Unruhen und soziale Umwälzungen reihten sich aneinander. Gleichzeitig war dies indes auch eine Epoche des Aufbruchs: Textilindustrie, chemische Industrie, Handel im Allgemeinen, es entstanden viele Arbeitsplätze, die zwar harte Arbeit erforderten, dafür aber auch ein mehr oder weniger geregeltes Einkommen versprachen. Menschen, insbesondere junge Menschen, zogen zu den Arbeitsplätzen, diese aber befanden (und befinden) sich vornehmlich an der Küste. Weinbau indes wurde etwas weiter im Landesinneren betrieben, oftmals dort, wo man sonst nicht viel anderes tun konnte.
Eine Comarca, in der es eigentlich nur um Weinbau ging und geht, befindet sich nur gut dreißig Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt, die mit heute mehr als einhundertzwanzig tausend Einwohnern große Stadt Reus ist von ihr nur gut zwanzig Kilometer entfernt. Aber weil da zwei Gebirgszüge des Katalonien von unten nach oben querenden Serralada Litoral thronen, war das eine vom anderen schroff abgeschnitten. Und so kam es, dass die Bevölkerung im Camp de Tarragona wuchs, während die Comarca Priorat ausblutete.
Die Comarca Priorat, das ist indes deutlich mehr als nur die Weinbauregion gleichen Namens. Sie beinhaltet all das, was zwischen dem Montsantgebirge, den Prades-Bergen und diversen kleineren Gebirgen im Süden liegt, im Westen reicht die Comarca fast bis an den Ebro. Heute leben in der gesamten Comarca Priorat gerade einmal zehntausend Menschen, wenn überhaupt.
Das Priorat, wir sprachen darüber in der allerersten Ausgabe der Notizen des oso alemán, ist eine spezielle Region, weil auf einer durchaus großen (bergigen) Fläche eher wenig passiert. Rings um das Priorat (Weinbauregion) werden aber auch Reben kultiviert. Lange Zeit firmierte dieser Teil der Comarca als D.O. Tarragona – Zona Falset, eine Art Subregion der D.O. Tarragona.
Ein paar Jahrzehnte lang funktionierte das ganz leidlich, weil in der Zona Falset kaum jemand daran interessiert war, Wein in Flaschen zu füllen, um diese überregional zu vertreiben. Noch vor dreißig Jahren wurde fast die komplette Produktion dieser Region, die vor allem den Süden und den Westen der Comarca Priorat umfasst, in Genossenschaften, es gab derer elf, in jedem Dorf eine, ausgebaut. Ein Großteil der Produktion wurde von Großbodegas, allen voran Miguel Torres, als Fasswein gekauft und weiterverarbeitet, der gleichwohl nicht unerhebliche Rest ging in das Tarragona-Flachland, wo die kräftigen, oftmals alkoholreichen Weine mit eher leichtem Rotweinen aus dem Camp de Tarragona, wo damals Tempranillo dominierte, vermischt. De Muller und die Cooperative aus Vilalonga del Camp waren und sind die wichtigsten Betriebe.
Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts jedoch war es vorbei mit dem Frieden in der Comarca Priorat. Zwar gab es mit Celler Capafons-Ossó und Celler Joan d’Anguera noch immer nur zwei privat geführte Weingüter, jedoch zeigte der Erfolg des benachbarten Priorat, dass selbst eine eher traditionelle Region wie das Priorat binnen weniger Jahre durchaus bekannt werden konnte. Diverse Weinmacher des Priorat schielten gen den Südwesten der Comarca, diverse Önologen mancher Genossenschaften aus Marçà, Capçanes, els Guiamets oder el Masroig wollten mehr machen als nur traditionelle Rotweine, die jenseits der Region kaum jemand kannte.
Es sollte noch einmal fünf Jahre dauern, aber kurz nach der Jahrhundertwende war es dann soweit: die Zona Falset, bereinigt um einige Unebenheiten an ihrem Westrand, verließ die D.O. Tarragona, um eine eigene Weinbauregion zu bilden: Denominación de Origen Montsant. Einem Ring nicht unähnlich umschloss die neue Weinbauregion das Priorat, einzig im Osten gibt es ein drei Kilometer langes Stück, dass den kompletten Ringschluss verhindert. Aber die Grundstruktur wird dadurch nicht verändert: innen Priorat, außen Montsant.
Was auch immer sich die Einen oder die Anderen erhofft haben mögen, es trat so nicht ein. Natürlich wollten die Montsantis vom Ruhm des Priorat profitieren. Die Wirklichkeit indes bestehe darin, dass vielerorts das Montsant als des Priorats kleine Schwester (oder kleiner Bruder) angesehen wird, mit dementsprechend kleinen Weinpreisen. Feuchte Träume, die Montsant neben dem Priorat stehen sahen, blieben ungeträumt, von deren Realisierung gar nicht erst zu reden.
Am Anfang hatte das Montsant keinen Markt, es gab zudem in den wenigen Bodegas und Cooperativen nur wenige Menschen, die sich mit der Welt der Weine jenseits der Comarca Priorat und jenseits von Torres, Codorniu und anderen Großbodegas auskannten. Es begann die Zeit der Glücksritter.
Die Glücksritter kamen von überall her: aus Tarragona, aus Barcelona, aus Belgien, Berlin, London oder dem Südwesten von Texas. Die Glücksritter hatten Geld und einen registrierten Weinnamen. Und mit beidem kamen sie, um mit den Genossenschaften zu verhandeln, allen voran mit der größten Cooperative der Region, jener aus el Masroig. In der Spitze gab es nicht weniger als dreißig Firmen, die dort irgendwelche Etiketten auf irgendwelche Flaschen kleben ließen, um das so gewonnene als ihre Montsant-Weine zu vermarkten. Das spanische Weinrecht ist diesbezüglich ziemlich löchrig.
Montsant als Region interessierte die Glücksritter indes nicht, entscheidend war die Nähe zum Priorat. In gewissem Sinne wäre dies auch in Empordà möglich gewesen, gleichwohl gab es dort keine Story, um die man das alles hätte stricken können. Was all diese Unternehmen wollten, war ein „Fast-Priorat“ zu kleiner Münze. Wenn man die Dinge genau betrachtet, erkennt man, dass sich Montsant bis heute nicht davon erholt hat.
Die anderen Imageverhinderer der Region Montsant kamen aus der unmittelbaren Umgebung, aus dem Priorat. Anfangs waren es die Familien Barbier und Pérez, die neben ihren Stammhäusern im Priorat nun auch Bodegas in Montsant, gerne in Falset angesiedelt, betrieben. Die Logik war unschwer zu erkennen: man hat einen Namen, und in Montsant gab es Trauben und/oder Fasswein. Man darf nicht vergessen, dass es um die Jahrhundertwende im Priorat gerade einmal eintausend Hektar Rebland gab, fast alles alt, fast alles niedriger Ertrag. Mit Montsant-Weinen konnte man Geld verdienen und da es sich um fest etablierte Weingüter handelte, musste man kein aufwendiges Marketing betreiben. Gleichwohl vertrieben diese Glücksritter ein ganz anderes Produkt. Es nannte (und nennt) sich: ¡ICH! Schaut her: wir, die Pérez-Barbier-etc, machen großartige Weine. Jetzt auch aus Montsant. Und morgen vielleicht aus Terra Alta, Alicante, California oder Chile. Montsant als Region interessierte nicht. Das hat sich ein klein wenig verbessert, die heutigen Glücksritter dieses Genre (Alfredo Arribas, Dominik Huber, d’en Castell und noch ein paar wenige mehr) versuchen schon, Terroir mit einfließen zu lassen, auch wenn auch da nicht alles Gold ist, was da so glänzt.
Das dritte Problem der noch jungen Weinbauregion indes ist ein hausgemachtes. Eigentlich ist es kein Problem, aber am Ende eines langen Tages ist es dann doch eines: die Qualität der einfachen Weine zumindest der Genossenschaften aus Capçanes und el Masroig ist, für Cooperativen-Verhältnisse, ziemlich hoch. Die Genossen aus els Guiamets kommen da nicht ran, jene der fusionierten Genossenschaft Falset-Marçà sind vor allem mit internen Problemen beschäftigt. Von Capçanes und von Les Sorts bekommt man gute Weine, die in Weinläden in Mitteleuropa für weniger als zehn Euro erhältlich sind, Steuern eingeschlossen. Kleine, privatwirtschaftlich organisierte Weingüter können das, Selbstausbeutung ausgeklammert, nicht leisten.
Montsant jenseits der Zehnergrenze kann man aber eigentlich nur dann gut verkaufen, wenn da ein klingender Klangname dahintersteht. Natürlich wäre ein Montsant von Álvaro Palacios hilfreich, gerne für sechzehn Euro im gut sortierten Weinfachhandel. Bedauerlicherweise ist Álvaro zu schlau, um in diese Falle zu tappen. Denn ihm würde das nicht viel bringen.
So erlebt man, dass sich die wenigen „unabhängigen“ Weingüter aus Montsant mehr oder weniger durch den Markt mogeln. Eigentlich ist nur Joan d’Anguera gut bei der Sache, alle anderen haben schon die eine oder andere Weinleiche im Keller, aktuell gibt es Masia Esplanes Jahrgang zweitausend und neun als Neuheit….
Unlängst hat der Consejo Regulador eine Klassifizierung in Teilregionen vorgestellt. Dies wird dem Terroir-Aspekt vielleicht schon helfen. Das alleine indes wird nicht reichen. Was Montsant braucht, ist Zeit. Und die kann man bekanntlich nur schwer kaufen. Das mussten schon die grauen Männer verstehen, die Momo dann doch besiegte. Text: El oso alemán