Teil 2. Albariño, denn auch Galegos wollen gute Geschäfte machen
Die Sache mit dem Albariño ist so einfach nicht. Vor sieben oder acht Jahren kam der damalige und heutige Ministerpräsident Alberto Núñez Feijoo auf eine lustige Idee: er wollte per Gesetz verbieten lassen, dass außerhalb von Galiza Albariño angebaut werden dürfe. Bestehende Anlagen, etwa in Valencia oder aber in manchen Ecken von Castilla, hätten weiterleben dürfen, großzügig, wie man nun einmal ist. Natürlich wurde aus dieser Idee nichts. Im Juni des Jahres zwanzig neunzehn beschloss die Weinbauregion Bordeaux, dass dort, unter anderem, ab jetzt auch Albariño angebaut werden darf. Natürlich war der Ministerpräsident Alberto Núñez Feijoo hellauf begeistert. Sachen gibt’s.
Die Sache mit dem Albariño ist aber auch aus anderen Gründen so einfach nicht. Denn eigentlich ist das eine Rebsorte, die keine wirklich lange Geschichte im Rucksack hat. In Val do Salnés, dem Epizentrum dieser Rebsorte, findet man kaum alte Rebstöcke, und wenn, dann steht da ein Mischsatz aus Caiño branca, Caiño negro, Espadeiro und Albariño.

In ganz Galiza war der Weinbau schon seit dem Mittelalter extrem zersplittert, einzig der Klerus und der Landadel verfügten über größere Flächen. Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es mit A Coruña genau eine etwas größere Stadt, Vigo hingegen, heute mit dreihunderttausend Einwohnern der größte Ort in Galiza, kam gerade einmal auf gut zwanzigtausend Einwohner, Ourense war noch kleiner, ebenso Lugo, wo in etwa so viele Menschen lebten wie in Santiago de Compostela. Während Lugo und Ourense vor allem von den im Inneren von Galiza gelegenen Weinbauregionen versorgt wurden, fand man in den Tavernen in A Coruña, Santiago und Pontevedra vor allem Wein aus den Küstenregionen. Lange Zeit war die Versorgung der größeren Orte kein Problem, wurden doch bis an die Nordküste von Galiza Reben kultiviert. Oidium brachte das zum Erliegen, alleine in der Provinz Pontevedra sank die bestockte Fläche um zwei Drittel auf gerade noch gut sechstausend Hektar, weiter im Norden blieb von ein paar tausend Hektar nur das, was rund um den Ort Betanzos angebaut wurde. Gut ein Jahrzehnt später verstärkte Mehltau die Krise, aber damals waren bereits Behandlungsmethoden bekannt, mit Kupfer und Schwefel rückte man beiden Krankheiten zuleibe. Auch den Reblausbefall überlebte der Weinbau an der Küste relativ problemlos, wusste man doch, was zu tun sei: neu bestocken auf amerikanische Rebunterlagen.
In jener Zeit indes war Albariño eher spärlich anzutreffen. Im Süden der Makroregion Rías Baixas, am Nordufer des Miño, dominierten andere Sorten: Godello, Loureira, Treixadura, Caiño blanca, auch rote Sorten wie Sousón waren häufig. Neunzig Prozent dessen, das sagt zumindest der Volksmund, was damals in Salnés gekeltert wurde, war Rotwein.
Lange Zeit stand sich die Region selbst im Weg, Vermarktung war nicht unbedingt die Stärke von Salnés. Bis zur Gründung der D.O. Rías Baixas gab es nur wenige größere Weingüter, fast alle, die auch heute noch aktiv sind, waren klein, stammten aus dem Dreieck Cambados-Ribadumia-Meaño oder aus dem Südosten von Condado do Tea, wo sich Weinbau an die D.O. Ribeiro anschließt.
Gleichwohl gab es damals schon einen strukturellen Unterschied zwischen Salnés und dem Süden. Nicht nur die älteste Bodega in Rías Baixas, Santiago Ruiz, gegründet im Jahr achtzehnhundert siebzig, sie verfügte nie über mehr als gut einen Hektar Rebland, eigentlich fast alle Weingüter von dort unten betrachteten sich als Bodegas, die den Weinbauern Trauben abkauften. Marqués de Vizhoja kelterte, und macht das bis heute, vor allem Tafelwein, die Trauben stamm(t)en aus Irgendwo. Señorío de Sobral verfügt auch über kaum eigene Weinberge, O Aforado auch nicht. Einzig As Laxas und Divina Fernández Gil entsprachen dem, was man sich unter einer Winzerbodega vorstellt. Mehr gab es damals da unten nicht.
In Salnés war das anders, auch wenn Palacio de Fefiñanes bis heute in obige Gruppe gehört, die Vorzeigebodega des simplen Weintourismus lebt fast ausschließlich von zugekauftem Lesegut, auch hier steht gerade einmal ein Hektar Rebland in den Büchern. Zarate, C.B. Pintos, Chaves, María del Carmen, Gerardo Méndez, Quinteira da Cruz Carballal oder Viña Blanca del Salnés verarbeiteten hauptsächlich eigene Trauben. Gut, auch all diese Bodegas kauften zu, und mit Boado-Chavez und Terra Santa gab es auch hier die ersten Auftragskellereien. Dennoch: die Vielfalt war größer.
Und genau diese Vielfalt führte dazu, dass man sich einmal im Jahr, immer am ersten Wochenende im August, in Cambados traf, um den Albariño zu feiern. Denn das war schon ein gewaltiger Schritt nach vorne: alle diese Bodegas kelterten (fast) ausschließlich Albariño. Die Fiesta de Albariño gibt es heute noch, sie hat sich aber inzwischen in vier Tage Besäufnis verwandelt, von Kultur ist da nicht mehr viel zu sehen.
Anfang der achtziger Jahre wurde genau dort, am Meeresufer, nahe des Paradors, darüber diskutiert, ob man denn nicht eine kontrollierte Weinbauregion ins Leben rufen sollte. Die Idee gewann schnell viele Freunde, auch wenn man den sauren Apfel Rías Baixas Süd in Kauf nehmen musste. Man konnte damals keine D.O. Salnés gründen, auch wenn das, zumindest aus heutiger Sicht, die einzig richtige Lösung gewesen wäre.
Das konnte man damals nicht wissen, überhaupt war das alles ein großer Sprung ins Ungewisse. Denn als die D.O. Rías Baixas gegründet wurde, standen dort in den Büchern gerade einmal zweihundert dreiundsiebzig Hektar Rebland! Und davon kam noch ein nicht unwesentlicher Teil aus dem Süden. ¿Hep?
Nun, für die vielen kleinen und sehr kleinen Produzenten, die ihre paar tausend Liter Wein im Laufe des Jahres so oder so verkauften, meistens in einer Taverne neben der Bodega, Zentrum des gemütlichen Saufens der Einwohner von Salnés, mehr oder weniger legal, war eine kontrollierte Weinbauregion nicht unbedingt von Vorteil. Sie konnten schlecht ihren Wein jetzt teurer verkaufen, nur weil da ein amtliches Etikett der D.O. Rías Baixas auf den Flaschen klebte. Und was macht man mit den Karaffen? Die Kunden dieser Bodegas wollten einfach Wein saufen, wenn dann da ein wenig Palomino aus Ribeiro drin war, dann war das halt so.
Dennoch setzte rund um das Gründungsjahr, zwei Jahre zuvor bis vier Jahre danach, ein wahrer Gründungsboom ein. Unter anderem wurden damals die beiden Cooperativen, die Rías Baixas jahrelang prägen sollten, ins Leben gerufen: Martín Códax und Condes de Albarei. Noch heute sind dies, zusammen mit der Cooperativa Vitivinícola Arousana, besser bekannt unter dem Markennamen Paco & Lola, die wichtigsten Abfüller der Region. Insbesondere Martín Códax, beheimatet in Vilariño, im Osten von Cambados, schaffte es in relativ kurzer Zeit, sich einen Namen zu machen.
Aus der Distanz betrachtet ist es durchaus erstaunlich, dass man zuvor keine Cooperativen gründete. Noch heute werden die gut zweitausend Hektar Rebfläche in Salnés von deutlich mehr als viertausend Weinbauern beackert, insgesamt gibt es mehr als fünfzehntausend Parzellen, alles ist total zersplittert. Der durchschnittliche Weinbergsbesitz von fünftausend fünfhundert Quadratmetern erlaube es einem tüchtigen Weinbauern, in einem guten Jahr ein paar tausend Liter Wein zu keltern und zu vermarkten, in schlechten Jahren blieb oftmals nicht viel. Vollerwerbsweinbauern, wie man sie aus der Rioja, aus Ribera del Duero oder aus Toro kannte, gab und gibt es in Salnés kaum. Wer keine eigene Bodega hatte, der lieferte an eine der beiden Cooperativen, oder aber an die Handelshäuser, die damals ihren ersten Boom erlebten. Für manche war es indes auch ihr letzter.
Die Epoche der Gründung der Weinbauregion fiel zusammen mit der Hochphase des Drogenschmuggels, Haschisch, vor allem aber Kokain aus Columbia auf dem Weg gen Mitteleuropa. Salnés wurde überschwemmt von Drogengeld und natürlich hatte das auch Auswirkungen auf den Weinbau. Diverse Großbodegas wurden zu nicht geringem Teil mit Koka-Peseten finanziert. Das schillerndste Beispiel ist Pazo Baión, dort investierte Laureano Oubiña, einer der vier Drogenkönige in Salnés, eine Menge Geld. Als er verurteilt wurde, zog der Staat auch sein Vermögen ein, darunter diese Bodega inmitten von einem Meer von Weinbergen. Jahre später wurde Pazo Baión versteigert, heutiger Eigentümer ist Condes de Albarei; das in der Zwischenzeit dort installierte Zentrum für jugendliche Drogenaussteiger wird weiterhin betrieben.
Qualitativ waren die achtziger, vor allem aber die neunziger Jahre in Salnés eher von überschaubarer Güte, es ging oftmals darum, viel Wein zu keltern, Flaschen, auf denen Albariño steht, deren Innenleben aber eher unwichtig war. Jenseits von Galiza kannte man damals nur wenige Albariños, weiche, leicht säuerliche Weine ohne viel Struktur galten schnell als das, was in Salnés typisch sei. Dies sollte sich noch bis in das einundzwanzigste Jahrhundert hinziehen, etwa bis ins Jahr zweitausend und sechs oder zweitausend und sieben, als damals komplett unbekannte Bodegueros namens Rodrigo Méndez oder Xurxo Alba begannen, die Szene aufzumischen. Fünfzehn Jahre zuvor war der Markt noch nicht bereit für solche Weine.
Es war jedoch die Zeit mancher Weingoldgräber, allen voran José María Fonseca, Gründer einer damals hypermodernen Bodega in O Rosal: Terras Gauda. Sein damaliger Önologe, Pepe Domínguez, galt als einer der besten Weinmacher in Galiza. Gemeinsam schuf man den ersten in kleinen Barricas ausgebauten Albariño, Terras Gauda Etiqueta Negra, der in den ersten zehn Jahren jedoch einem wuchtigen Holzungeheuer nahe kam. Er wurde in Spanien für mehr als dreitausend Peseten verkauft, ein Preis, der einzig deswegen so festgelegt wurde, weil ein gewisser José Peñín einen damals noch beachtenswerten Weinführer herausgab, in dem es eine Kategorie „Weine teurer als dreitausend Peseten“ gab. In der fand man zuvor keinen Weißwein, Terras Gauda Etiqueta Negra war der erste. Spielchen dieser Art gab es damals viele, man wollte Albariño und Rías Baixas auf der Iberischen Halbinsel bekannt machen. Dies gelang, aber aus einem ganz anderen Grund.
Als erste Bodega kam La Rioja Alta; man ließ sich im Süden von Rías Baixas nieder, gründete Lagar de Cervera, man war Pionier in Sachen auswärtige Investition in Rías Baixas. Viele sollten folgen, zumeist kamen sie aus der Rioja. Dies ist nicht weiter verwunderlich, war dies in jener Zeit doch die einzige Weinbauregion Spaniens, die eine halbwegs funktionierende Vertriebsstruktur aufweisen konnte, sowohl national als auch international. Marqués de Vargas, Marqués de Murrieta, Ramón Bilbao, dies sind nur drei weitere Rioja-Bodegas, die sich in Rías Baixas ihren Platz schufen. Oftmals wurden bestehende Bodegas übernommen, in manchen Fällen versuchte man, den Rioja-Deckel zu verstecken, Bodegas Riojanas etwa ist so ein Fall. Irgendwann kaufte LAN dann die Vorzeigebodega Santiago Ruiz.
Dies war der Startschuss eines eher industrialisierten Weinbaus in Salnés. Aber es waren nicht nur die Weingüter aus der Rioja, aus Catalunya, natürlich sind auch die beiden Großbodegas Felix Solís und J. García Carrión vertreten, diverse Weingüter aus anderen Teilen von Galiza kamen gen Küste. Am auffälligsten war dies am Unterlauf des Miño, in Arbo oder auch in Salvaterra do Miño, wo sich Weingüter aus dem nahen Ribeiro Bodegas kauften, selbst gebaut hat man eher nicht. Rectoral do Amandi aus Sober kam gen Salnés, um Rectoral do Umia zu gründen, eine Riesenbodega, die eigentlich vom ersten Moment an Probleme hatte. Sogrape kam aus Portugal, errichtete im Süden von Meaño, inmitten von Wald und Granit, eine Riesenbodega, in der man gut und gerne zwei Millionen Liter Wein keltern konnte, und scheiterte. Inzwischen heißt dieses Projekt Vionta, es gehört Freixenet, die wiederum gehören inzwischen Henkell.
Für die Großinvestoren aus dem In- und Ausland war Rías Baixas ein leichtes Spiel, gab es doch viele Weinbauern, die nicht wussten, wohin mit ihren Trauben. Die beiden traditionellen Cooperativen Martín Códax und Condes de Albarei schlossen bald ihre Mitgliederlisten, sie mussten ihren Socios viel Geld für ihre Trauben zahlen, mehr als dreihundert Peseten für ein Kilo Trauben, mehr als einen Euro und achtzig Cent. Daran hat sich auch bis heute nicht viel geändert. Daher hat Martín Códax eine Zweitfirma gegründet, die als Comercializadora, als Vermarkter fungiert. Man erwarb im Süden von Rías Baixas diverse Bodegas, Adegas Galegas (Don Pedro de Soutomaior) etwa, man kooperiert mit einigen, zum Beispiel mit Tollodouro in O Rosal, und mit anderen. Überall dort entsteht relativ billiger Albariño, billiger zumindest als das, was Martín Códax in Vilariño produzieren kann.
In jener Zeit begannen die Albariños auch jenseits der Grenzen von Galiza auf sich aufmerksam zu machen, insbesondere auf der anderen Seite des Atlantiks, in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dort half, dass viele Menschen aus Galiza auswandern mussten, um Geld zu verdienen, die USA war ein beliebtes Ziel, schon seit Jahrhunderten ist das so. Albariño schuf sich einen kleinen Markt. Und dann begab es sich, dass eine in California ansässige Firma namens E&J Gallo auf Albariño aufmerksam wurde. Sie sahen sich etwas um und firmierten wenig später einen Vertrag mit Bodegas Martín Códax. Was genau die Absicht dahinter war, ist nicht wirklich klar. Gallo sagt, dass sie nur eine Kooperation wollten, die Übernahme der Bodega hätte nie zur Debatte gestanden. Die nachlassenden Aktivitäten in den folgenden Jahren stützt diese These indes nicht. Auch war man damals ziemlich vollmundig unterwegs, man wollte zehn Millionen Flaschen Albariño füllen. Etwas ambitioniert, gab es in jener Zeit doch gerade einmal dreitausend Hektar mit Albariño bestockte Rebfläche. Auch wenn man die veröffentlichten spanischen Exportstatistiken immer mit etwas Vorsicht und einer Prise Salz genießen sollte, die Absätze der D.O. Rías Baixas in all den Jahren seit dem Beginn dieser Kooperation sind von den angepeilten Mengen Lichtjahre entfernt. Dafür gibt es inzwischen Martín Códax Bierzo Edition und auch ein Riojawein namens Ergo, hergestellt in einer Cooperative, ist einer der meistverkauftesten spanischen Rotweine auf den US-Markt, vertrieben via Códax-Gallo.
Insgesamt wird aktuell etwas mehr als ein Viertel der Jahresproduktion der D.O. Rías Baixas exportiert, das ist eine ganze Menge. Nur: die Einheimischen können dafür nicht viel. Neben Gallo sind es vor allem die Bodegas aus anderen Teilen Spaniens, die für den Export verantwortlich sind.
Im Laufe der Jahre war Rías Baixas an seine Grenzen gestoßen, in Salnés gibt es nur wenige Stellen, an denen noch Reben gesetzt werden können. Gleiches gilt für O Rosal, das Mündungsgebiet des Miño. Weiter im Landesinneren, in Condado do Tea, könnte man zwar noch mehr pflanzen, die Gegebenheiten sind für Albariño indes nicht gerade günstig: es ist zu trocken und zu heiß, beides mag Albariño nicht wirklich. Daher kam um die Jahrtausendwende eine andere Erweiterung aufs Tapet: Ribeira do Ulla, ein besserer Bach, der an der Grenze zwischen den Provinzen Pontevedra und A Coruña herumschwimmt. Natürlich sind die klimatischen Gegebenheiten auch hier anders, aber zumindest wird es dort nicht zu heiß. Diese Erweiterung jedoch hatte ein G’schmäckle: schon bevor die Erweiterung beschlossen wurde, legte die damals zu den Top-Betrieben der Region zählende Bodega Pazo de Señorans dort eine große Parzelle an. Die langjährige Präsidentin des Consejo Regulador der D.O. Rías Baixas, Marisol Bueno, boxte die Erweiterung durch, wohl nicht zuletzt aus Eigeninteresse, schließlich ist sie auch die Eigentümerin von Pazo de Señorans. Die rechte Hand wäscht die linke. So richtig attraktiv ist diese Region jedoch nie geworden, ihr Anteil an der gesamten Albariño-Produktion liegt bei gut drei Prozent.
Leben kam in die Bude erst wieder, als die Cooperativa Vitivinícola Arousana gegründet wurde, man sprang quasi von null auf drei Millionen Kilo Trauben, viele Weinbauern, die weder bei Martín Códax noch bei Condes de Albarei Aufnahme fanden, hatten plötzlich ein Zuhause. Dumm nur, dass die Märkte gerade alle gut satt waren, außerdem lugte die Krise schon um die Ecke. Die Genossen aus Meaño machten aus der Not eine Tugend, die Bodega wurde zum Heim vieler weißer Marken, vor allem von Bodegas aus anderen Regionen Spaniens, die erst einmal sehen wollten, ob das mit Albariño klappen könnte. Freixenet war dort, Felix Solís ist wohl immer noch dort, aber auch viele kleinere Bodegas, die aus dem einen oder anderen Grund einen Albariño mit eigenem Etikett vertreiben wollten, besorgten sich dort ihre Weine. Tollodouro macht solche Dinge auch, und noch ein paar Bodegas mehr. Insgesamt ist der Markt an weißen Marken so groß aber dann doch wieder nicht. Dreißig Millionen Flaschen, das ist am Ende des Tages noch immer eine überschaubare Größe.
Nach etwa zwei Jahrzehnten qualitativem Stillstand bewegte sich Salnés in der zweiten Hälfte der ersten Dekade des einundzwanzigsten Jahrhunderts dann doch. Den Anfang machte Rodri, Rodrigo Méndez, ein Stahltankverkäufer aus Meaño. Mit Raúl Pérez als Weinmacher kam er mit diversen Rotweinen und ein paar interessanten Albariños auf den Markt. Gut, man produzierte auch diversen Unfug, wie etwa einen Wein, der ein paar Monate in einem Barrique reifte, das im Atlantik herumschwamm. Kann man machen, bringt Aufmerksamkeit. Kann man aber auch bleiben lassen. Xurxo Alba hängte damals seinen Job in Salnesvin an den Nagel, um die familiäre Bodega zu übernehmen. Eladio Pineiro, lange Zeit Direktor von Mar de Frades (Ramón Bilbao) begann mit Frore de Carmen, Weine zu keltern, die zumindest exotisch waren. Manuel Moldes, „Chicho“ verwandelte die wirkliche Garagenbodega seiner Eltern in Sanxenxo in eine der innovativsten Bodegas der Region. Rosa Pedrosa kam aus Madrid zurück, sie beackert einen Weinberg ihrer Familie und gründete Narupa, eine der kleinsten Bodegas der Region mit durchaus innovativen Weinen. Eulogio Pomares verbesserte zum einen die Top-Weine der Familienbodega Zarate, für den normalen Zarate gilt dies nicht, zudem begann er, auf eigene Rechnung, den einen oder anderen interessanten Wein zu keltern.
Auf dieser Welle schwammen und schwimmen ein paar Bodegas im Schatten mit, die qualitativ dort eher wenig zu suchen haben. Nanclares etwa, wo eigentlich nur die Parkerpunkte groß sind. Viña Blanca del Salnés, könnte, will aber offensichtlich nicht können wollen. Altos de Cristimil müsste einfach mal den Önologen wechseln, diverse andere Bodegas müssten einfach mal einen Önologen beschäftigen. Aber wie soll das gehen, wenn man gerade einmal zehntausend Flaschen keltert, die dann in der Taverne für sieben Euro die Flasche verschoben werden? Es gibt in Salnés viele Parzellen, die gut genug für erstklassige Weine sind. Aber solange man für diese Weine nicht wirklich mehr Geld einnehmen kann, kommt das dem Quirlen von Nebel gleich.
So abrupt der Qualitätsboom im Jahr zweitausend und sechs begann, so abrupt brach er wieder in sich zusammen, nur gut sechs Jahre später. Natürlich gibt es immer mehr große und großartigen Weine (großmäulige leider auch), sie (die großen) stammen aber immer wieder von den gleichen Weinmachern; Rodri, Raúl, Xurxo, Chicho, Rosa, Eulogio, und dann noch einmal von vorne: Rodri… In den letzten fünf Jahren, wurde, von einer im Großgeld schwimmenden Unternehmung in Vilagarcía de Arousa einmal abgesehen, genau eine Bodega wirklich neu gegründet: Cambados Urban Winery. Wenn man schon so heißt…
Albariño und mit ihm Salnés und, im Schlepptau, Rías Baixas, steht schon an einem Scheidepunkt. Der Anteil industriell daherkommender Weine steigt immer weiter, die Top-Produzenten kann man weiterhin mithilfe von zwei Händen aufzählen. Man kennt sie inzwischen auch in Restspanien, jedes Sternelokal kann zumindest fünf gute Produzenten aufzählen, und führt auch Weine von ihnen: Rodri, Raúl, Xurxo, Chicho und Eulogio. Zusammen füllen die aber gerade einmal eine halbe Million Flaschen. Weltbekannt wird man so eher nicht. Text: El oso alemán
Teil 3. Galiza in Rot: noch immer eine Herausforderung erscheint auf diesem Blog am 21.08.2019 um 11.00 Uhr.
Teil 4. Galiza, ein Land der Cuvées? Vor allem um Ribeiro geht es hier, aber auch um die komplizierte Nachbarschaft mit Portugiesen erscheint auf diesem Blog am 28.08.2019 um 11.00 Uhr.

