Teil 4. Galiza, ein Land der Cuvées?
Die Sache mit den südlichen Nachbarn, den Portugiesen, ist so einfach nicht. Denn, aus welchem Grund auch immer, die Galegas und die Galegos fühlen sich den Nachbarn von der anderen Seite des Miño schon etwas überlegen. Ernsthafte Gründe hierfür gibt es jedoch nicht.
Über Weinbaugeschichte vor dem späten Mittelalter steht wenig geschrieben, man ist auf Vermutungen und Annahmen angewiesen. Klar indes scheint zu sein, dass die Phönizier mit Wein handelten. Sie kamen, gesichert, bis Oporto, nach manchen Berichten auch weiter gen Norden, bis nach Galiza. Sie brachten wohl den einen oder andere Rebstock mit, da sie aber, anders als in al-Andalus, an der nördlichen Westküste keine festen Siedlungen errichteten, ist ihr Einfluss wahrscheinlich weniger stark. Als der Klerus begann, Weinbau zu betreiben, so um das neunte oder zehnte Jahrhundert, waren die meisten alten Rebsorten bereits vorhanden, sowohl in Galiza als auch in weiten Teilen Nordportugals. Eigentlich nehmen alle, die sich berufen fühlen, zu diesem Thema etwas zu sagen, an, dass sie von Süden gen Norden kamen. Übernehmen wir das einfach.
Lange Zeit grenzte sich Galiza von Nordportugal dadurch ab, dass es dort eigentlich nur Vinho Verde gab, grün, säuerlich, etwas bitter. Da er wenig prickelt, kann man ihn gut von einem Weißwein aus Getaria oder Zarautz unterscheiden. Für die Galegos aus Albariñistan war das sowohl Fluch als auch Segen. Letzteres, weil Alvarinho einfach billiger war als Albariño und weil man mit ihm gerade im Süden, in O Rosal oder Condado do Tea, den alkoholgetriebenen, säurearmen Albariños einen Schuss Kühle und Säure beifügen konnte. Wenn da nicht die Guardia Civil wäre. Da zumindest in der Provinz Pontevedra der Miño die Grenze markiert, kann man diese gut kontrollieren. Dennoch: nicht jeder Fischkutter, der Alvarinho gefangen hatte, wurde aufgebracht, der Schmuggel war weit verbreitet. Unterhielt man sich, vor etwa zehn Jahren oder so, mit Verantwortlichen „unter C“, dann wurde schnell klar, dass man eher die Vermischung mit Airén aus der Mancha oder mit Verdejo aus Verdejistan unterbinden wollte; es gab jedes Jahr eine oder zwei spektakuläre Aktionen der Guardia Civil, um zu zeigen, dass man an der Grenze zu Portugal präsent sei; ansonsten ließ man die Bodegas in Ruhe.
Dies geschah auch aus einem ganz anderen Grunde: es gab gar nicht so viel Wein. Und bevor die Galegas und Galegos anfangen, Airén aus der Mancha zu saufen, dann doch lieber etwas internationalisierten Wein aus Galiza.
In Monterrei gibt es ein Weingut, dessen Weinberge zur Hälfte in Monterrei, zur Hälfte in Portugal stehen, der Wein indes ist komplett D.O. Monterrei. Natürlich weiß das der Consejo, aber da es sich um gerade einmal achttausend Flaschen handelt, Hälfte Galiza, Hälfte Portugal, macht da nicht einmal ein Zwerg einen Aufstand.
In O Ribeiro ist das schon etwas anders. Denn dort gibt es große Bodegas, die über keine eigenen Weinberge verfügen, oder nur über eine symbolische Parzelle, für Photos mit Lokalpolitikern, Lokalsangeskünstlern oder lokalen Kochgrößen. Da kämen ein paar Tonnen Trauben aus dem Süden schon recht. Aber das ist einigermaßen unterbunden.
Ribeiro eint mit Nordportugal, dass man Cuvées mag, sortenreine Weine sind dort eher selten. Dies hat mehrere Gründe. Einer davon: eigentlich passiert immer etwas. Regen, Hagel, Frost, Fäulnis, aber in der Regel nicht übers ganze Jahr hinweg. Hat man nun früh austreibende und früh reifende Sorten, aber auch spät austreibende und spät reifende, so wird stets zumindest eine Sorte schon etwas Vernünftiges erbringen. Dazu kommt, dass die klassischen Sorten, also Treixadura, Godello, Albariño, Lado, Loureira und mit latentem Sicherheitsabstand, Torrontés, unterschiedliche Felder abdecken: Treixadura bringt Stoff, Dichte, einen leicht öligen Charakter, Albariño bringt Frucht und Säure, Godello etwas Säure, Fenchel, Anis, Kümmel und so’n Zeuch, Loureira bring grüne Noten und Säure, und Torrontés füllt das Fass. Lado kennt man eigentlich nur aus dem Süden, aus Arnoia und Cortegada.
Aus der Distanz betrachtet ist Ribeiro ein mehr oder weniger runder Fleck mit Ribadavia als Zentrum. In Wirklichkeit handelt es sich um drei komplett unterschiedliche Regionen, die auch bis heute mehr oder weniger für sich alleine agieren. Gut, Viña Costeira, die große Cooperative, hier finden in jedem Herbst zwischen fünf und acht Millionen Kilo Trauben ihr Zuhause, besorgt sich Trauben von überall, sonst könnten sie diese Menge auch gar nicht stemmen. Die Bodega liegt strategisch gut, wenn man so will, ist sie eigentlich das Zentrum von Ribeiro.
Ribeiro ist die einzige Weinbauregion Spaniens, in der es zwei amtliche Klassifizierungen von Weingütern gibt: Colleiteiros (Winzer) und Adegas. Colleiteiros dürfen nur die Trauben ihrer eigenen Weinberge verarbeiten, außerdem gibt es da ein Limit von sechzigtausend Litern pro Jahr. Alles, was diese Grenzen nicht einhalten will oder einhalten kann, findet man in der Gruppe der Adegas. Die bekommen während der Ernte auch einen Aufpasser in die Bodega gestellt, damit da kein Unsinn passiert. Passiert natürlich trotzdem. Die Colleiteiros bekommen keinen, weil man, so sagt es der Consejo, davon ausgeht, dass die nicht schummeln. Soso. Und wieso gibt es von manchen Colleiteiros dann Rotweine, obwohl die gar keine roten Sorten in ihren Weinbergen haben? Die Wahrheit ist eine andere: summiert man die Höchstmengen auf, die alle siebzig Colleiteiros produzieren können, so kommt man auf vier Millionen zweihunderttausend Liter, weniger als das, was Viña Costeira produziert. Und ein Großteil der Colleiteiros arbeitet schon sauber, die kleinen Abweichungen der anderen nimmt man, die Augen fest geschlossen haltend, in Kauf.
Auch sind die Höchsterträge so kalkuliert, dass sie ein Colleiteiro kaum erreichen kann: elftausend Kilo pro Hektar für die Qualitätssorten, sowie derer zwanzigtausend Kilo pro Hektar für Palomino und Alicante Bouschet. Wie auch in den anderen Weinbauregionen im Inneren von Galiza so waren es nach der Reblaus auch in Ribeiro diese beiden Sorten, die fast ausschließlich bestockt wurden. Und da diese Rebstöcke fast ewig leben, findet man auch heute noch viel davon. Hinter vorgehaltener Hand sagt der Consejo Regulador, dass etwa vierzig Prozent der Rebfläche der Region, derzeit noch um die zweitausend zweihundert Hektar, von knapp viertausend kommend, mit Qualitätssorten bestockt seien. Mag sein. Wenn die aber nur die Hälfte oder noch weniger an Ertrag bringen als die beiden Massenträger, kann man sich die reale Bedeutung von Palomino und Alicante Bouschet unschwer ausmalen.
In Ribeiro gibt es aktuell fünftausend siebenhundert zweiundfünfzig Weinbauern, Colleiteiros und Adegas eingerechnet. Bei gerade einmal zweitausend zweihundert Hektar Rebland kann man sich die Gegebenheiten gut vorstellen. Colleiteiros, die von dem leben, was sie als Wein verkaufen, haben in ihren Weinbergen kaum Palomino stehen, Alicante Bouschet eher auch nicht. Aber das sind gerade einmal gut fünfzig, grob geschätzt. Der Rest liefert an eine der beiden Cooperativen oder an eine der diversen Handelskellereien, die fast alle in Ribadavia beheimatet sind. Die aber brauchen vor allem Mengen. Aber auch das ist ein eher kompliziertes Geschäft. Unvergessen bleibt die Aktion von Viña Costeira, vor etwa zehn Jahren: wer eine Palette normalen Weißwein kaufte, bekam eine Palette Pazo, der Palomino der Cooperative, gratis dazu. Was der Kunde dann damit machte, nicht das Problem der Cooperative.
Es gibt noch immer viele Handelskellereien in Ribeiro, einige von ihnen findet man, wie Perlen an der Schnur, am Ostausgang von Ribadavia, gen Ourense. Sie heißen Loeda, Docampo, Pericocho, Castro Rei oder Alanis, alle keltern mehrere hunderttausend Liter Wein, alle haben kaum Weinberge, alle Weine sind eher schlicht, manche auch sehr schlicht.
Wenn man Viña Costeira, die sind auch dort beheimatet, mal außen vor lässt, dann ist dies aber nicht das Zentrum des industriellen Weinbaus von Ribeiro. Dieses Zentrum findet man weiter im Osten, am Ostrand der Weinbauregion, an beiden Seiten des Stausees, der die Verhältnisse in Ribeiro nachhaltig verändert hat.
Der Bau der Staumauer war alles andere als unumstritten, Mitte der sechziger Jahre leisteten etwa dreihundert Menschen erbitterten Widerstand. Die Schergen von Franco wiesen die Guardia Civil an, auf die Rebellen zu schießen, was die aber ablehnten. Die Staumauer erreicht eine Höhe von fünfundsechzig Metern, der Stausee, der erst hinter Toén, weit im Osten der Region, endet, hat die Landschaft nachhaltig verändert. Der direkte Weinbau war zwar weniger stark betroffen, überflutet wurden vor allem fruchtbare Böden, auf denen Gemüse und Obstbäume kultiviert wurden.
Die indirekten Auswirkungen indes sind enorm. Zum einen bildet sich hier inzwischen oft Nebel, auch in Zeiten, in denen dies für den Weinbau ein Problem darstellt. Zum anderen gingen vor allem am Nordufer viele Anbauflächen verloren, heute ist dort, wo sowohl Autobahn als auch Nationalstraße verlaufen, kaum mehr Platz für andere Dinge. Ein paar Häuser, ein paar wenige Gemüsegärten, drei Weinberglein, vielleicht auch derer vier. Den Süden hat der Weinbau inzwischen fast komplett in Beschlag genommen. Und hier findet man dann auch das andere Weinindustriezentrum von Ribeiro, in Toén und in Castrelo. Dort stehen Bodegas, die schon ein paar Millionen Kilo Trauben stemmen können: Pazo do Mar, Cunqueiro, Campante, die sich aus Marketinggründen gerade einen neuen Namen zugelegt haben: Bodegas GRM, Rey Lafuente, Rodríguez Méndez (hat nichts mit Rodri Méndez zu tun), Vilanueva Senra, Ramón do Casar oder Uceira, Vázquez Nievez hat seine Bodega unlängst an Carlos Moro aus Ribera del Duero verkauft. Sie sind dort, weil man so einen guten, schnellen Zugang zu Ourense hat, einer der wichtigen Absatzmärkte. Auch gibt es schon lange eine gut ausgebaute Straße gen Santiago de Compostela und weiter, nach A Coruña. Und: in Tóen und in Castrelo gibt es jede Menge Weinberge, wesentlich größer als die in Arnoia oder Gomariz, einfacher zu beackern als jene in Beade oder Cenlle. Für Handelskellereien ist das ideal, eine der größten in Galiza, jedoch nicht in der Weinbauregion Ribeiro beheimatet, befindet sich genau gegenüber von Toén, an der Nationalstraße gen Ourense.
Der Bau des Stausees hat den Weinbau in Castrelo den Hang hochgeschoben, für die Traubenqualität ist das nicht wirklich schlecht. Gleichwohl findet man dort vor allem Palomino, und selbst wenn Reboredo vollmundig verkündet, dass man gerade die für Ribeiro gigantische Menge von zehn Hektar mit Qualitätsrebsorten bestockt habe, dann ist das bei einer Jahresproduktion von drei Millionen Flaschen gerade einmal ein kleiner Tropfen auf einem großen Stein. In Castrelo do Miño gibt es schon ein paar gute Winzerbodegas, wobei fast alle einen guten Wein haben, von dem es wenige Flaschen gibt, dann aber viel Palomino verkaufen möchten, weil sie den eben auch in ihren Rebgärten gepflanzt haben. Wenn man Geduld hat und wirklich an Ribeiro aus Castrelo do Miño interessiert ist, dann kann man bei Antonio Montoro, Eduardo Peña, Bodegas Peña oder Pousadoiro schon den einen oder anderen guten Wein finden, das Geschäft indes ist durchaus mühsam. Toén kann man gleich von der Liste streichen.

Betrachtet man die Geschichte von Ribeiro, dann ist das Tal des Avia natürlich die Keimzelle aller Erfolge, die Region, die Ribeiro in England, aber nicht nur dort bekannt machte. Als es Jerez noch nicht wirklich gab und auch Oporto nicht, da war es das Tal des Avia, das vorzügliche Süßweine gen London und anderswo in England lieferte. Dieser Wein wurde aus Treixadura gekeltert, relativ spät gelesen und dann in einer Kammer unterm Dach noch einmal für ein paar Tage oder Wochen getrocknet. Am Stock konnte man nicht trocknen lassen, weil Graufäule im Tal des Avia ab Mitte Oktober perfekt zu bestaunen ist. Diese Weine wurden dann erst einmal lange in Holzfässern gereift, ehe er seinen Weg antrat. In Galiza selbst wurde nur wenig davon getrunken, die Eingeborenen schienen kein Interesse an solchen Dingen zu haben. Heute gibt es noch derer drei, der von Manuel Formigó ist noch der beste. Allerdings wird es bald einen vierten geben, wohl das beste, was ich je an Süßwein in Spanien verkosten konnte. Zehn Jahre Barriquereife, da werden ein paar Trockenbeerenauslesen Ausschlag bekommen, wenn sie das sehen. Gut, das Schnäppchen der Woche wird das nicht werden, aber das ist dann auch egal. Große Weine finden immer ihren Markt.
Das Tal des Avia war auch das erste, das so etwas wie eine kontrollierte Weinbauregion schuf, Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, kurz vor der der Asociación de Viticultores de Medina del Campo. Man wusste schon früh, wie man sich zu schützen und abzugrenzen habe.
Das Tal des Avia kann man recht einfach verstehen und auch bereisen. Im Westen geht es von Ribadavia aus an Beade vorbei, über Teile von Leiro bis hin gen Gomariz. Dort kehre man um, dann kommt wieder etwas Leiro, Cenlle, und schließlich landet man wieder in Ribadavia. Wenn man nicht nur auf Qualität, sondern auch ein klein wenig auf Produktion schielt, dann ist dies die Quelle für ordentliche bis gute Weine aus Ribeiro.
Um es kurz zu machen: das Ostufer ist besser, selbst für Weißweine. Im Westen ist Beade in der Mitte, das ist verschärftes Palominoland. Gut, Manuel Formigó keltert mit Finca Teira und Teira X zwei wirklich ordentliche Weine, in den anderen Tanks indes schlummert Palomino. Ab und an versucht sich mal ein kleines Weingut, die Betriebsdauer indes ist überschaubar. Leiro ist ganz gut, aber vor allem auf der Ostseite. Doert werkelten bis vor kurzem Viña Mein und Emilio Rojo, einst von José Peñín als Vorzeigeribeiroaner ausgeguckt. Nun gehört das alles zu Pago de Carraovejas. Dominio do Bibei ist auch dort aktiv, ansonsten ist da niemand mehr aktiv. Weiter oben, im Norden, in Gomariz, da sieht die Welt wieder ganz anders aus.
Gomariz, das ist eine Art großes Amphitheater, steile Hänge, wenig kompliziertes Land, selbst die Steilhänge, die den Nordhimmel anblicken sind gut. Wenn nur die Winzer nicht so kompliziert wären. Caco Carreiro, Gründer von Coto de Gomariz, und Arsenio Paz, Gründer von Adegas Vilerma, waren zumindest im Norden die ersten, die in den achtziger Jahren das alte, das klassische Ribeiro wieder aufleben ließen, weg von Palomino und Alicante Bouschet, hin zu den alten, den autochthonen Sorten, allen voran Treixadura, Loureira, Godello und Caiño. Sie hatten eigentlich ganz Ribeiro in der Hand. Nur: die Dinge begannen, schräg zu laufen. Arsenio hatte keine Lust auf modernes Zeug, lieber viel spritzen, lieber den klassischen Ribeiro-Markt bedienen. Das reichte für seine kleine Bodega völlig aus, als gut ausgelasteter Rechtsanwalt wollte er wohl auch nicht mehr. Ricardo Carreiro übernahm die Bodega seines Vaters, er war schon gut bei der Sache, Coto de Gomariz vor gut zehn Jahren, das war eine der innovativsten Bodegas in ganz Galiza. Doch dann gab es ein paar familiäre Nackenschläge und Probleme, davon hat sich die Bodega leider nie wieder richtig erholt. Eine von diesen vielen Bodegas, wo zwei oder drei anders getroffene Entscheidungen viel bewirkt hätten.
José Luis Cuerda ist einer der bekanntesten spanischen Filmemacher, vielleicht die Nummer zwei, aber Lichtjahre hinter Pedro Almodovar. Irgendwann traf er wohl ein paar berühmte Filmemacher, die auch eine Bodega haben. Und er wollte auch eine, er gründete Adega San Clodio. Gut gelegen, sechs Hektar Rebland, ordentliche Qualität. Allerdings meinte er, dass seine vielen Freunde auch seinen Wein kaufen würden. Mit dieser Idee ging schon Antonio Banderas baden. José Luis auch. Aber er, auch Eduardo Bravo, der sich in einem Kleinkrieg mit dem Weingut seiner Eltern aufreibt (Hey, wir sind in Galiza!) und noch ein paar mehr zeigen, dass Gomariz so schlecht auch nicht ist.

Weiter unten im Avia-Tal wieder in Ribadavia, gibt es dann noch einmal ein paar sehr gute Hänge, sie werden von Casal do Arman und Adega Sameirás beackert. Casal do Arman, mit seinen vielen, verzweigten Aktivitäten, ist die lautere der beiden Bodegas, Antonio Cajide, Chef von Sameirás ist eher der Tüftler. Ordentliche Rotweine, gute Weißweine aus dem Stahltank, besser werdende Barriqueweine. Aber auch die anderen kleinen Bodegas könnten gut sein, wenn sie keinen so guten Markt für ihre eher einfachen Weine hätten.
„Als ich in Ribadavia zur Schule ging, mussten wir den Miño per Boot queren.“ Mit diesen Worten beschreibt Luis Ánxo Rodríguez Vázquez die Situation des Weindorfs Arnoia. Erst vor vierzig Jahren entstand eine Straße, die Arnoia mit der Welt verbindet. Vorher gab es nur eine gen Cortegada, das nächste Dorf im Süden, und von dort aus, so kein Hase oder Wildschwein im Weg stand, gen Zivilisation.
Arnoia ist eigentlich nicht wirklich Ribeiro, man ist eher mit den anderen Dörfern im Süden und im Südosten verbandelt. Arnoia ist, was Weinbau angeht, auch ganz anders gelagert als alle anderen Orte. Der, hmmm, Ort befindet sich auf nicht einmal siebzig Metern über Meeresniveau, alles ist Granit, bis auf eine kleine Parzelle purer Kalk, wo Luis Ánxo rote Sorten gepflanzt hat. Aktuell verfügt er über sechs Hektar Rebland, zersplittert in mehr als einhundert und achtzig Parzellen. Damit ist er aber nicht alleine, José Merens Merens, auch einer der guten Winzer aus dem nicht einmal eintausend Menschen beherbergenden Dorf, verfügt über knapp vier Hektar Rebland, mehr als einhundert und zwanzig Parzellen. Für Arnoia ist das ganz normal, in den anderen Orten der Weinbauregion sind die Parzellen so klein dann doch nicht. In Arnoia gibt es mit Lado eine Rebsorte, die lange Zeit nur in Arnoia kultiviert wurde, neben Luis Ánxo haben sie auch Pepe Estevez und Emilio Rojo im Programm, aber keiner bringt einen sortenreinen Lado auf den Markt. In Arnoia bestehen die guten Weißweine aus Albariño und Treixadura, komplettiert mit etwas Godello, Loureira und Torrontés. Und Lado, of course. Auch hier gibt es natürlich zwei oder drei Winzerbodegas, die betont schwache Weine keltert. Das Durchschnittsniveau ist hier aber schon betont hoch. Natürlich sagen alle, sie würden Luis Ánxo, nie, nie, niemals kopieren wollen. Sie schauen aber alle schon, was der Altmeister macht, und setzen dann das eine oder andere um. Dieses Dorf ist schon in Ordnung, und die Weine von Luis Ánxo, die weißen, aber insbesondere der rote Escolma gehören schon zum besten, was Galiza zu bieten hat.
Es mag an der langen Geschichte der Region liegen, oder an der Vielfalt der Rebsorten, oder an der Bodenständigkeit der Weinbauern, oder an was auch immer. Aber hier in O Ribeiro gibt es zumindest Jahr für Jahr fünf, sechs oder sieben neue Projekte, von denen das eine oder andere schon nicht schlecht ist. Sie müssen nur aushalten, Geduld haben und fleißig an sich und an ihren Weinen arbeiten.
Ein kleines persönliches Fazit: alle fünf Weinbauregionen in Galiza sind spannend, selbst Monterrei und Valdeorras. Wenn mich jemand dazu verdonnern würde, Adega do Oso zu gründen, ich würde mir einen Flecken in O Ribeiro suchen, die haben das beste Potential. Text: El oso alemán
