Sobald das Wort „vermutlich“ auftaucht, ist das Eis betont dünn. Es gibt Wissenschaftler, die, wohl (siehe vermutlich) mangels anderer Alternativen, behaupten, die Rebsorte wurde von den Phöniziern nach Spanien gebracht. Es gibt aber gewichtige Gründe, die dem widersprechen. Die spanische Heimat dieser Rebsorte findet man dort, wo heute Sagunt steht, etwas nördlich von València. Dort aber waren die Phönizier nicht. Eine andere Spur führt nach Mataró, nördlich von Barcelona gelegen; auch nicht gerade phönizisches Stammland. In den Gegenden, in denen Phönizier Reben setzten, vor allem in al-Andalus, gibt es indes diese Rebsorte nicht. Französische Weinwissenschaftler, sonst schnell bei der Hand, etwas als französisch zu klassifizieren, sagen, dass es eine spanische Rebsorte sei, die nahe Mataró und Murviedro kultiviert werde. Machen wir es kurz, denn letztendlich ist der ursprüngliche Ursprung auch nicht so wichtig: wir wissen nicht viel über die Frühgeschichte der Rebsorte Monastrell.
Wir wissen aber sehr wohl, dass diese Sorte, in Frankreich Mourvèdre genannt, im Südosten der Iberischen Halbinsel den Ton angibt. Um die Dinge richtig einzuordnen: während es Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts in Frankreich Mourvèdre auf knapp achttausend Hektar Rebland gab, waren es alleine im Südosten Spaniens etwa einhunderttausend Hektar, Tendenz fallend. Heute steht Monastrell dort noch auf etwa sechzigtausend Hektar Rebland. Das ist eine ganze Menge!
Monastrell ist eine der fünf wichtigsten spanischen Rotweinrebsorten, und das obwohl sie nur an drei Stellen verstärkt angebaut wird: im Süden der Comunitat Valenciana, in Jumilla und den benachbarten Orten, einschließlich Yecla, sowie in Bullas, etwas weiter im Landesinneren gelegen.
Monastrell ist zwar nicht so dunkel wie Alicante Bouschet, gleichwohl wird sie gerne zum Einfärben eher hell geratener Weine anderer Sorten genutzt, daher ist der Export als Fassware ein einträgliches Geschäft. Über das, was dann VERMUTLICH in anderen Ländern oder anderen spanischen Regionen geschieht, wollen wir hier mal nicht mutmaßen. Fast ist, dass Weinindustrielle wie Vinoval in Jumilla extra eine Bodega erreichtet haben, in der Millionen von Litern Monastrell gekeltert werden, um dann via Tanklaster gen València transportiert zu werden. Der Hafen der viertgrößten Stadt Spaniens ist der wichtigste auf der Halbinsel in Sachen Offenweinexport.
Der Süden von València, man nennt die Region Clariano, sowie das Landesinnere von Alacant sind wichtige Quellen für Monastrell-Weine. Gleichwohl vermarktet man dort vor allem Weine der unteren Preisschiene, wofür sich Monastrell zumindest sortenrein nicht eignet. Denn um einen guten, sortenreinen Monastrell zu keltern, bedarf es geringe Erträge und am Ende doch relativ viel Aufwand bei der Lese und der Kelterung. So gemachte Weine kann man nicht für zwei Euro verkaufen, egal wie viele Paletten ein Importeur abnehmen will. Daher kennt man von dieser Ecke vor allem Cuvées von Monastrell mit Merlot, mit Syrah, mit Cabernet Sauvignon oder mit ein klein wenig von allem. El Sequé, der Südostwein von Artadi, ist ein klassisches Beispiel: wohl geformt, ohne Ecken und Kanten, aber dann halt doch irgendwie langweilig. Und dann noch nicht einmal billichchch. El Sequé findet man am Fuße der Sierra de Salinas, eine der besseren Ecken für Monastrell. Villena, El Pinós, Sax, auch etwas weiter gen Alcoi, Monastrell steht dort in allen Tälern, alte Rebstöcke, relativ geringe Erträge. Dennoch: Weine aus der Ecke kennt man kaum.
Etwas bekannter ist Yecla, wobei die Region eigentlich nur aus drei Bodegas besteht: der Cooperative, Castaño sowie Antonio Candelas mit seiner Tochterbodega Señorío de Barahonda. Castaño ist vielleicht das bekannteste Gesicht der Region, die Cooperative ist vor allem im Fassweingeschäft aktiv; wohin der Fasswein geht, darüber wollen wir hier mal besser nicht VERMUTEN. Señorío de Barahonda exportiert etwa fünfundneunzig Prozent der Produktion, wobei sortenreine Monastrells vorhanden, nicht aber dominant sind. Bullas ist eine relativ kleine Region, man findet sie, wenn man nur lange genug sucht, zwischen Murcia und Caravaca de la Cruz. Letztendlich gibt es dort aber vor allem zwei Genossenschaften, die vor allem Fasswein verkaufen (>> València, Hafen, VERMUTLICH).
Letztendlich geht es also um Jumilla, ein mittelkleiner Ort, der sich gerade etwas herausputzt. Dort gibt es etwa fünfzig Bodegas, der Großteil verfügt über keine eigenen Weinberge. ¿Hep? Nun: Jumilla besteht aus zwei Teilen. Zum einen ist da Jumilla Ort, zum anderen was gerne Jumancha genannt wird: sechs Orte in Castilla La Mancha gelegen, die zur Weinbauregion Jumilla gehören. Früher entfiel auf diese Orte etwa ein Fünftel der Traubenproduktion von Jumilla, heute sind es derer drei. Fast alles sind Genossenschaften, die Fasswein an diverse Bodegas liefern, welche dann irgendetwas damit machen. Anspruchsvolle Bodegas muss man dort mit der Lupe suchen (siehe Bild oben, das mit dem Bären).
Glanz, Ruhm und Elend der Region, all das findet man in Jumilla Ort, besser gesagt in den verschiedenen Tälern, die von Jumilla aus gen alle Himmelsrichtungen strömen. Läuft man durch die Bodegas, so erzählen alle, was für tolle Weinberge sie hätten. Dabei gibt es nicht wenige Bodegas, die fremde Weinberge als ihre eigenen ausgeben, nur weil sie von dem Eigentümer jener Parzellen Fasswein zukaufen. Man VERMUTET WOHL, dass zugereiste Besucher ihnen das mal eben so abnehmen. Trauben werden nur selten gehandelt, einzig Juan Gil ist dafür bekannt, das, was nicht in den eigenen Weinbergen entsteht, als Trauben zuzukaufen. Fasswein kaufen ist auch einfacher, denn so kann man die Lagerkapazitäten klein halten und ein paar Millionen Flaschen verkaufen, auch wenn man nur Tanks für ein paar hunderttausend Liter Wein hat.
Ist Jumilla also nur ein Haufen eingedoster Nebel? Nun ja, nicht ganz. J. García Carrión ist der größte Jumillamaggler wo gibt, man bedient sich bei der Cooperativa BSI, eine der größten im Südosten Spaniens. Eine andere große Quelle ist Antonio Carcelen, in dessen Bodega schon ein paar Millionen Liter Monastrell entstehen. Jahr für Jahr werden dort fünftausend Flaschen gefüllt, der Rest geht lose ins Land.
Abgesehen von der Cooperativa, von Carcelen und von zwei oder drei kleineren Bodegas, die zumindest einen Teil der Produktion aus eigenen Weinbergen holen, gibt es in Jumilla gerade einmal drei Bodegas, die ernsthaft Weinbau betreiben. Juan Gil ist wohl die bekannteste, die Bodega hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten in halb Spanien breit gemacht. Die Produktion ist groß, die Weine sind dementsprechend mainstreammäßig aufgestellt, wobei man das Wort vorne oder hinten betonen kann. Casa Castillo ist derzeit ohne jeden Zweifel die beste Bodega der Region, es gibt sie auch schon länger, man konnte viel Erfahrung sammeln. Sortenreine Monastrells findet man hier, aber auch Cuvées mit Syrah und anderen Sorten, Lagenweine und Gutsweine, alles auf durchaus hohem Niveau. Die Bodega ist deutlich kleiner als Juan Gil, man macht auch viel weniger Lärm. Vielleicht sind die Weine deshalb nicht so bekannt. Gut, die Topweine sind nicht gerade billig, aber durchaus angemessen bepreist.
Xenysel ist die dritte Bodega im Bunde, Señor Martínez Verdú verfügt über zweihundert Hektar Rebland, neunzig Prozent Monastrell. Das hört sich nach viel an, bei nicht viel mehr als zweitausend Kilo pro Hektar kommt dann aber doch nicht so viel zusammen. Gerade einmal zweihunderttausend Liter verbleiben für die eigene Produktion, wobei da noch eine Vertragsabfüllung für ein Weingut aus Navarra integriert ist (aber Wein der D.O. Jumilla). Die Weine sind gut, betont trinkfreudig, was nicht zuletzt am Terroir liegt: fast neunhundert Meter über Meeresniveau, karge Böden, Kalksandstein mit knapper Lehmauflage, niedriger Ertrag, nicht allzu späte Lese. Und dann kann man natürlich noch auswählen, welche Weine in der Bodega verbleiben und welche an andere „Weingüter“ verkauft werden.
Mainetes in Jumancha und Viña Campanero in Jumilla runden das Spektrum der Bodegas, die sich mit Weinbau beschäftigen, ab.
Um es auf den Punkt zu bringen: da ist viel, woraus letztendlich verdammt wenig gemacht wird. ¡Argh! Text: El oso alemán