Burg. Und?
Laut einer vor wenigen Jahren veröffentlichten Umfrage war die Hälfte der Spanierinnen und Spanier noch nie außerhalb Spaniens. Das macht sich gelegentlich bemerkbar.
Manchmal versuchen sie jedoch, ihr komplettes Nichtwissen mit ein paar bekannten Worten aufzufrischen, um das dann dem unbedarften Besucher aufzutischen, glaubend, dass, wenn schon Spanierinnen und Spanier nicht in der Welt herumgekommen sind, das Menschen aus anderen Ecken und Winkeln der Welt auch nicht tun würde.
Ein Lieblingswort dieser Unwissenden ist Bourgogne, Borgoña auf spanisch. Da der Spanier an sich davon ausgeht, dass ihn besuchende Spanier noch nie im Burgund waren, setzt er oder sie dieses Wort gerne ein, um auf etwas himmlisches, verführerisches oder schlicht dick machendes Etwas hinzuweisen.
Vor mehr als einem Jahrzehnt begegnete mir das spanische Burgund zum ersten Mal, in Bierzo, und selbst dort sollte es nicht das letzte Mal sein. „Willkommen im Burgund Spaniens“ begrüßte mich ein sichtlich gut gelaunter Miguel Ángel Amigo in seiner kleinen Bodega. Was er denn damit meine, fragte ich ihn. Nun, hier gäbe es viele kleine Parzellen, so wie auch im Burgund. Aha. Natürlich war Miguel Ángel noch nie in Burgund, freimütig gibt er zu, einen Artikel über die Region gelesen zu haben.
Vor wenigen Monaten veröffentlichte der Consejo Regulador dieser hügeligen, nicht sonderlich großen Weinbauregion, die die meisten Besucher nur am Rande kennenlernen, dann nämlich, wenn sie auf dem Pilgerpfad gen Villafranca del Bierzo marschieren, um dort erst einmal ein Bier zu trinken. Nun sei man, so verkündete man vollmundig, schon fast so etwas wie das Burgund. Was war geschehen? Nun, sie haben ein Regelwerk geschaffen, dass Ortsweine, Lagenweine und Großlagenweine (zumindest so etwas ähnliches) vorsieht. Aha. Also so wie in Österreich, in Deutschland, in Teilen Italiens, in verschiedenen Regionen Frankreichs, auch im Burgund. Nur halt bis zu einhundert Jahre später als die Originale, und dann haben sie beim Kopieren auch noch etwas gepfuscht. Aber egal: die Tatsache, dass man sich nach vielen Jahren etwas bewegt hat, wird gefeiert, in dem man das B-Wort locker einstreut.
Nun kennt der Bär das Burgund ein klein wenig. Richtig schlimm wird es erst, so ernsthafte Burgund-Experten dort auftauchen….
In Kastilien ist man hier und dort „wie im Burgund“, weil man die weißen Moste direkt in Holztanks vergärt. Ein Weingut wähnt sich im Burgund, weil sie ihren Weißwein per Quoten zuteilen, was man, wie zumindest siebenundvierzig Millionen Spanierinnen und Spanier wissen, im Burgund stets so macht.
In der Rioja, genauer gesagt in Guardia, gibt es ein Weingut, das einen Wein auf den Markt bringt, der doch so sei wie ein Burgunder. Auf die Frage einer durchaus nicht unbekannten Önologin aus dem Elsaß, die auch in Bourgogne gearbeitet hat, wieso der Wein „Bourg…“ heiße, meinte der Bodegabesitzer: „Nun, das komme daher, dass die Trauben mit den Füßen getreten werden. Das mache man doch so in Bourgogne.“ Ein zehn Minuten anhaltender Lachanfall war die Folge und der Bourg…-Winzer verstand die Welt nicht mehr.
Diese Liste kann man durchaus vielfältig fortsetzen, oder aber ergänzen. Um Riesling etwa. Deutscher Riesling, nicht etwa jener aus Österreich oder Frankreich, den kennt ja keiner, ist in Nordspanien ein beliebtes Opfer. Im Land des Txakoli erklärte mir mal ein eifriger Weingutsbesitzer, dass sein Tschacko so etwas sei wie ein deutscher Riesling, weil er ja viel Säure habe. So, so, die Säure als Bruder im Bunde.
Alba-rhin-yo hat das Problem ja schon im Namen stecken. Leider kamen die Mauren nicht bis nach Salnés, sonst würde es sich lohnen, mal nachzuschlagen, was al-Barinyo so bedeuten könne. Aber das mit dem Weißen vom Rhein hält sich hartnäckig. Und natürlich sucht man dann immer Vergleichspunkte, die nahelegen, dass die beiden doch zumindest echte Kumpel sind.
Unlängst entdeckte ich in einem zwei Jahre alten Albariño die Defektgrenze überschreitende Menge an Petrolnoten. Als ich den Wein vor den Augen der Weinmacherin zerlegte, war sie betroffen, verärgert, sogar sauer. Das sei doch wie in Deutschland, wo die Rieslinge alle Petrolnoten hätten. Sie als Sommelière wisse dies, denn sie habe schon drei Rieslinge verkostet,die auch Petrolnoten aufwiesen. O Herr, lass Gras regnen…
Natürlich ist das alles ein Eintopf aus Überheblichkeit, Minderwertigkeitskomplexen und Missachtung des Gegenüber. Es kommt daher, dass nur wenige Spanierinnen und Spanier reisen, gen Europa schon gar nicht so gerne. Man malt sich einfach ein Bild, die Welt, wie sie mir gefällt….
Charles de Gaulle hat mal bemerkt: Europa endet in den Pyrenäen. Lassen wir das einfach mal so stehen. Text: el oso alemán