El oso alemán

Quo vadis Tempranillo?

Wenn der Benedict mit der Albilla

Irgendwo in Castilla, es ist wohl noch keine sechstausend Vollmonde her, verliebte sich der Benedicto in die Albilla Mayor, die ältere Tochter der Albillo-Familie; deswegen steht da Mayor. Klammheimlich heirateten sie, nicht einmal die katholische Kirche, sonst auf der Meseta omnipräsent, war eingeladen. Und dann begab es sich, dass sie schwanger wurden und sie gebaren ein Kind. Eigentlich wollten sie es Adam oder Eva nennen, je nach Geschlecht. Da es nun aber etwas kleinwüchsig war und auch vorzeitig auf die Welt kam, nannten sie ihr kleines Frühchen einfach Tempranillo. So oder so ähnlich muss das gewesen sein, in jener Zeit. Die väterliche Linie, Benedicto, ist im Laufe der Zeit ausgestorben, Albilla Mayor, in der Rioja auch Túrruntes genannt, gibt es noch, die Sorte feiert gerade in Ribera del Duero ihr Comeback.

Und dann geschah es: den Tempranillo in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Ganz Spanien wurde von dieser Sorte überrannt, selbst Galiza, Asturias und Cantabria widersetzten sich nicht. Was im Norden von Euskadi zur Zeit der französischen Reblaus angebaut wurde, ist nicht wirklich klar, im Süden von Euskadi ist aber Errioxa, Tempranillo ohne Ende.

Ein deutscher spanischer Weingutsbesitzer sagte mir einmal, dass selbst in den Höhen der Sierra Nevada Tempranillo stehen müsse, weil dies doch die spanische Sorte schlechthin sei. Das, mit Verlaub, kam mir spanisch vor, denn wenn dort etwas nicht ordentlich reift, dann ist das Tempranillo.

Tempranillo reift überall dort, wo es im späten Winter regnet (oder schneit), wo der Boden das Wasser konservieren kann, wo es im Frühjahr eher weniger regnet, wo es insbesondere im August und im September hohe Temperaturdifferenzen gibt, wobei die Minima schon niedrig liegen sollen, von vierzig auf zwanzig, aka Mancha, güldet nicht. Das Problem: Tempranillo wächst auch überall dort, wo diese Bedingungen nicht gegeben sind, nur muss das Resultat dann auch irgend jemand trinken.

Ein interessantes Beispiel: eine mittelgroße Bodega in Ribera del Duero, genauer gesagt beheimatet in Valbuena de Duero, ist von Weinbergen umgeben, in jedem steht ein Schild: „Vega Sicilia“. Nur: alle Trauben die für die Únicos dieser Welt verarbeitet werden, stammen nicht aus diesen Parzellen. Stattdessen werden Trauben rund um Roa und Gumiel eingesammelt, in Baños de Valdearados, in der Riboja (Soria) auch. Dort ist es nachts kühler, die phenolische Reife klappt einfach besser. Herr Sisseck hat seine Bodega zwar in Quintanilla de Abajo stehen, die Pingustrauben jedoch stammen aus Roa, aus La Horra, aus Anguix; Hacienda Monasterio funktioniert mit Trauben aus Pesquera, weil in dem Wein ein gerüttet Maß an Merlot und/oder Cabernet Sauvignon ist. Das ist ein Vorteil von Tempranillo, er ist wie ein Hefeteig, man kann den Most eigentlich mit fast allem verkneten. Wer aber nur über Trauben aus Riberadolid verfügt, geschätzt etwa einhundert Bodegas, hat da ein Problem: viel Alkohol, kaum Säure, in der Regel sind das betont nichtssagende Weine, wenn nicht schlechter.

Die Wanderbewegung des Tempranillo kann man nicht wirklich genau nachverfolgen, es gibt aber ein paar Anhaltspunkte. Unstrittig ist, dass Toro ein, vielleicht das Tempranillozentrum war und noch immer ist. Es gibt den Toro-Klon: kleinbeerig, die Blätter sind ebenfalls klein und stark eingebuchtet, die Erträge sind gering. Die alten Weinberge der Region bestehen fast nur aus solchen Stöcken. Die alten Anlagen in Ribera del Duero sehen ähnlich aus, wobei dort diverse andere Rebsorten zu finden sind: Mencía, Bobal, Cariñena, Maturana, Garnacha, weiße Sorten, natürlich auch Albillo Mayor. Diese Sorte findet man in Toro im Übrigen kaum. Anfang der Neuzeit war Toro ein wichtiger Produktionsstandort für all jene Weine, die im Norden Spaniens zusammengemischt wurden. Nur zur Erinnerung: damals kauften Händler Wein aus verschiedenen Ecken Nordspaniens, um ihn dann in ihren Lagern zu mischen. Astorga, Sahagún, Santander, später auch Bilbo, das waren die Zentren der Weinmixer. Ein ehrenwertes Handwerk dereinst, nicht dass wir uns da falsch verstehen.

Rioja kam damals nicht vor, denn dort gab es nur wenig roten Wein. Und wenn es ihn gab, dann waren es eher Garnacha, Cariñena, Maturana, Graciano und noch ein paar andere Sorten, Tempranillo eher weniger. Läuft man heute durch die alten Weinberge von Samaniego, Leza, Guardia oder Lantziego, dann findet man viele Stöcke, in denen Toro-Klone stehen. Aber auch andere.

Und diese anderen Klone machen die Sache spannend. Denn, DNA-Spezialisten sind sich da einig, es handelt sich ohne Zweifel um Tempranillo, jedoch sind diese Stöcke ganz anders gebaut: große bis sehr große Blätter, große bis sehr schwere Trauben, fette Beeren. Man nennt diese Variante Tempranillo Aragonés oder Catalán oder Valenciano, je nach dem Vorurteil, das gerade gepflegt wird. Dahinter steckt der Vorwurf, diese Sorte existiere nur, weil jemand viel ernten wolle, schmecke es, wie es schmecke. Mag sein. Nur: fast alle in den letzten drei Jahrzehnten angelegten Weinberge in Toro sind voll von diesem Zeuch.

Dazu kommt, dass weder in Catalunya noch in València Tempranillo wirklich eine Rolle spielt. In Catalunya steht Tempranillo vor allem im Süden von Costers del Segre, wo Raimat und die Familie Cusiné den Ton angeben, beides Großweinbauern. Vor allem aber findet man Tempranillo im Penedès und im küstennahen Teil von Tarragona. Man nutzte die Ernte, um den Most mit anderen Sachen zu verschneiden. Sortenreine Tempranillos, wie man sie aus der Rioja und aus Castilla zuhauf kennt, sind dort eher nicht die Regel. Ähnliches gilt für die Comunitat Valenciana. Tempranillo baut eigentlich nur die Weinindustrie an, um den Wein dann mit aromatischen Sorten zu verschneiden.

Bodega San Isidro ist vielleicht die größte Bodega aus Aragón, die Tempranillo verarbeitet; kein Wunder, die in Cariñena ansässige Cooperative ist die größte Weinschleuder dieser autonomen Region, selbst Viñas del Vero mit etwa acht Millionen Litern Wein pro Jahr ist eine Hütte dagegen. Das hat einige Nachahmer gefunden. Als man in Aragón begann, Alternativen zu Garnacha und, wenn auch weit weniger stark präsent, Cariñena zu suchen, dann war, neben CabMeSy, Tempranillo immer dabei, selbst in Somontano, wenn auch weit hinter Merlot oder Cabernet Sauvignon.

Für Extremadura gilt, was für Aragón gilt: dort, wo die Weinindustrie stark ist, gibt es Tempranillo. Ansonsten stehen da andere Sorten, nämlich solche, die die Hitze besser ertragen können. In der Mancha ist Tempranillo schon seit langem vertreten, wenn auch fast ausschließlich in und um Valdepeñas. Noch vor dreißig Jahren bestand die D.O. La Mancha fast ausschließlich aus Airén, Cencibel dümpelte bei zehn bis zwanzig Prozent der bestockten Fläche herum.

Abgesehen von den beiden Kastiliens ist Tempranillo also eine eher neuere „Erfindung“, zwanzigstes Jahrhundert fast überall, letztes Drittel des neunzehnten Jahrhunderts in der Rioja. Es fällt aber noch etwas anderes auf: Tempranillo gibt es kaum in wirklich bergigen Regionen. Gut, ein wenig in Covarrubias, in der Arabako Errioxa, aber das war es dann auch schon. Tempranillo steht vor allem dort, wo man gut mit Maschinen arbeiten kann, wo Krumen eher fett sind, wo man gute (hohe) Erträge einfahren kann, wo man eher langweilige Weine keltert.

Nicht, dass mich hier jemand falsch versteht: es gibt großartige Tempranillo-Weine, sowohl aus der Rioja oder aus der Errioxa als auch aus Ribera del Duero, Toro oder benachbarten Regionen (Dominio de Sexmil mit ihren zweihundert Jahre alten Weinbergen etwa). Es gibt aber auch ziemlich viel belangloses Zeuch. Um wirklich gute Tempranillos zu keltern, muss man hart arbeiten. Das gefällt nicht jedem Winzer. Text: el oso alemán

*Punktesystem 0 bis 365 Punkte

Die Punkte stehen für die Tage eines ganzen Jahres. Je höher die Punktezahl ist, umso häufiger wünscht man sich an diesem Ort essen gehen zu können oder eben den beschriebenen Wein trinken zu dürfen.

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