Lunya wird politisch: Costers del Segre
Um diese Region zu verstehen, wäre ein Grundstudium in „politischer Winkelzügelei“ nicht verkehrt, ein Master in spanischer Geographie hilfreich, gesunder Menschenverstand indes ist nicht vonnöten; Miguel A. Torres schon. Aber der Reihe nach:
Catalunya gliedert sich in acht Vegueries, Provinzen gelten als von Zentralspanien aufoktroyiert und damit des Teufels; derer zwei beschreiben den Westen von Catalunya: Ponent und Alt Pirineu i Aran. Erstere umfasst den ganzen Süden, Flachland mit einigen Bergen an allen Seiten; letzteres reicht bis an die Grenze zu Frankreich, die Gebirgskette Montsec de Pallars ist deren südliches Ende. Diese beiden Vegueries bilden die Weinbauregion Costers del Segre. Wobei: so wirklich richtig ist das auch schon wieder nicht.
Im Jahr neunzehnhundert und achtzehn wurde die Kellerei Raimat gegründet. Vier Jahre zuvor hatte die Familie Raventós eine dreitausend zweihundert Hektar umfassende Fläche erworben, einen Kanal gegraben, um sie bewässern zu können; man begann, Reben zu setzen. Einhundert Jahre später sind es mindestens zweitausend dreihundert Hektar Rebland, vielleicht auch mehr. Die Familie Raventós hatte nun neben dem Stammhaus Codorníu in Sant Sadurní d’Anoia ein zweites, gigantisch anmutendes Projekt. Es dauerte etwa sechzig Jahre, bis man begriff, dass es da ein kleines Problem gibt: denn auch wenn man modern war und innovativ und auch nicht gerade arm, so war dies auch der Nachbar aus El Pacs de Penedès, der aber konnte seine Weine als Denominción de Origen Penedès verkaufen. Raimat befindet sich wenige Kilometer nördlich von Lleida Stadt, dort gab es keine amtliche Weinbauregion, die Raimat-Weine waren Vinos de Mesa, man durfte keinen Jahrgang, keine Rebsorte, keine Ausbauart auf das Etikett schreiben, während Miguel A. Torres stolz mit Etiketten aus dem Penedès wedelte. Dies konnte so nicht bleiben. Und daher rannte die Familie Raventós im katalanischen Weinbauinstitut INCAVI offene Türen ein und nur wenige Augenblicke später war die Weinbauregion Costers del Segre in trockenen Tüchern.
Der Familie Raventós half, dass sie zwar eine alte Bodega mit viel Historie war, aber etwas weiter im Osten, hinter den sieben Zwergen, ähhh Bergen, da stand noch eine Bodega, die viel, viel, viel älter war als Raimat: Castell de Remei, gegründet im Jahr siebzehnhundert achtzig. Ansonsten gab es nur ein paar Genossenschaften und ähnliche Betriebe, die neben Weizen auch Reben auf ihren Äckern stehen hatte. Castell de Remei spielte eine wesentliche Rolle, denn anders als Raimat, die nur von den Trauben ihrer eigenen Finca in Raimat lebten, arbeitete Remei mit Vertragsweinbauern und anderen Weinbauern zusammen, die über ganz Ponent und halb Alt Pirineu i Aran verstreut ackerten. Ohne Remei wäre Costers del Segre wohl bestenfalls eine Miniweinbauregion geworden, so ist sie, nimmt man die Fläche als Maßstab, die größte in Catalunya, größer als alle Weinbauregionen in Aragón. Aragón ist auch ein nicht unwichtiges Thema, denn in jener Zeit wurde die Weinbauregion Somontano designt, eine Art Blaupause für Costers del Segre.
Wer nun gedacht hatte, dass dies einen Boom auslösen würde, sah sich erst bestätigt, dann aber schwer enttäuscht. Denn dieser mittlere Teil von Costers ist eigentlich für Weinbau nur bedingt geeignet. Raimat hat das Riesenprojekt verwirklicht, weil man mehrere hundert Kilometer Wasserkanäle gegraben hatte, Brachland war plötzlich fruchtbar. Brachland wurde auch an anderen Stellen in Ponent fruchtbar, schließlich ist dies die zentrale Fruchtquelle Spaniens, insbesondere Äpfel und Birnen werden hier kultiviert, jede Menge Gemüse auch. Dies aber hatte und hat Vorrang, Reben findet man nur an wenigen Stellen. Sei es im Osten, in der Gegend um das Dorf Verdú, sei es im Norden von Raimat, gen Aragón, sei es im Südwesten von Lleida Stadt: überall stehen Reben dort, wo sonst nun auch wirklich gar nichts wächst, selbst nach Regenfällen ist der Boden staubtrocken, die Weine sind eindimensional, alkohollastig, ermüdend. Aus internationalen Rebsorten keltert man belanglose Weine, so etwas wie einheimische Sorten, Garnacha etwa, findet man wenig, Macabeo nur dort, wo Cava-Plantagen erlaubt sind. Gut zwei Dutzend Weingüter begannen in den letzten zwanzig Jahren. Die durchschnittliche Lebensdauer der Bodegas ist so hoch nicht, viele haben keine zehn Jahre durchgehalten. Andere mühen sich auf dem lokalen Markt ab oder verkaufen zu Preisen, die nicht einmal in Somontano aufgerufen werden.
Will man interessante Weine aus Costers del Segre kennenlernen, oder zumindest interessante Projekte, dann muss man in den Norden reisen oder in den Süden.
Artesa d’Segre ist ein netter, kleiner Ort, es gibt eine Genossenschaft, ein paar Möbelfabrikanten und auch das eine oder andere Weingut. Vall de Baldomar etwa, eine kleine Bodega aus dem Nachbardorf Baldomar, die das Pech hatte, genau in der Phase auf die Welt zu kommen, in der internationale Sorten gefragt waren. Merlot etwa, nur wer will Stahltankmerlot aus Baldomar. Oder aber Incrocio Manzoni; Weine aus Rebsorten, die schwer auszusprechen sind, verkaufen sich nicht. Oder aber die Cooperative: dort keltert man einen guten frischen Wein, Stahltankausbau, Tempranillo und Garnacha. Das kleine Problem: Weinbau macht etwa zwei Prozent der Handelsaktivität der Genossenschaft aus, da kommt man auf keinen grünen Zweig. Der Möbelproduzent ist Möbelproduzent, sein Weingut ist ein besseres Hobby, sobald er sich zur Ruhe setzt, wird sich auch das Weingut zur Ruhe setzen. Ein paar weitere Weingüter runden die Szene ab, allen haben mindestens einen guten Wein im Programm, aber niemand ist willens, den mühsamen Weg hin zu einer angesehenen Bodega mit erstklassigen Weinen zu gehen. Hierfür muss man etwas weiter gen Norden laufen, gen Tremp, durch die engen Schluchten, die der Segre oder die beiden Nogueras, der Noguera Pallaresa im Osten und der Noguera Ribagorçana im Westen, in den Fels geschlagen haben. Hat man das geschafft, dann ist man in der Vegueria Alt Pirineu.
Der Weinbau in Alt Pirineu hat mit dem in Ponent nichts zu tun. Seit Jahren versucht man, sich abzuspalten, eine neue Weinbauregion soll entstehen. Dumm nur, dass die beiden wichtigsten Weinentscheidungsträger dieser Ecke gar nichts davon halten. Pallars, der inoffizielle Name der Region, erstreckt sich von den Montsec-Bergen bis kurz vor die Pyrenäen, Sort ist der nördlichste Weinbauort, Tremp, etwas weiter südlich gelegen, der wichtigste. Die klimatischen Gegebenheiten sind speziell, man kann dies unschwer an den Weinen erkennen, die Raül Bobet in Castell d’Encus keltert. Man kann nun diskutieren, ob dies Terroir ist oder einfach „nur“ interpretiertes Klima. Raül hat auf eintausend Meter über Meeresniveau etwa fünfzehn verschiedene Rebsorten stehen, die in sechs bis zehn Weinen münden. Riesling findet man da, auch Sauvignon blanc und Albariño; Pinot Noir neben Cabernet Franc, und noch dies und noch das. Raül interessiert sich nicht so sehr für Rebsorten, er will Kühle und Granitnoten in Flaschen packen. Das ist gut, manche Weine sind sogar sehr gut, nur hilft das der Region Pallars nicht wirklich weiter.
Der andere Herr, die andere „Bodega“, hat mit Terroir ohnehin nichts am Hut. Miguel A. Torres hat vor über zehn Jahren im Westen von Tremp einhundert und siebzig Hektar Rebland bestockt, fast alles mit Merlot, seine Lieblingsrebsorte. Hier stiftet dies Sinn, da Merlot dort gut ausreifen kann. Es ist aber nicht geplant, diesen Merlot als Pallars-Wein abzufüllen, die D.O. Catalunya lässt grüßen.
Rückblende: vor ein paar hundert Jahren wurden in Pallars an vielen Stellen Reben kultiviert, es wurden diverse Weine gekeltert. Damals indes war die Region weit dichter besiedelt als heute, es gab einen größeren Markt, Wein war ein wichtiges Produkt. Mit der Zeit änderte sich dies, die Menschen folgten den Arbeitsplätzen, und die gab und gibt es nun einmal im Süden, in Ponent, in Lleida Stadt oder längs der Autobahn, die Lleida mit Barcelona verbindet. Oder gleich in und um Barcelona. Inzwischen ist Alt Pirineu gut an den Süden angebunden, für den Weinbau indes kommt dies zu spät. Vor fünfzig Jahren gab es in den engen Schluchten, die Flüsse durch das Montsec-Gebirge getrieben haben, kaum gut befestigte Straßen, Weintransport war ein Glücksspiel. Im Bürgerkrieg nutzte Franco die Stauseen im Norden, um mit plötzlichem Öffnen der Wehre den Ebro im Süden zu fluten, um die Truppen der Republikaner vor Probleme zu stellen.
Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es mit Vila-Corona in Pallars genau ein Weingut, und in dem wurden auch noch fast nur internationaltypische Weine gekeltert. Inzwischen gibt es dort wieder einige Betriebe, Batlliu de Sort und Miquel Roca, Sauvella und noch ein paar mehr: einige sind sehr gut, andere wiederum keltern extrem traditionelle Weine.
Mal wieder der klassische Zielkonflikt: die kleinen Bodegas keltern fünftausend Liter Wein, vielleicht derer zehntausend, die größten der Kleinen derer zwanzigtausend. Die kriegen sie inzwischen in Barcelona, in Lleida, aber auch in der Region (Hebsttourismus im Vorpyrenäenland) ganz gut vermarktet. Für alles andere fehlen erst einmal Rebflächen und, so diese einmal gepflanzt wären, Menschen, um sie zu beackern. Und Raül Bobet, Mitinhaber der Priorat-Kellerei Ferrer-Bobet, hat keine Lust, die Lokomotive zu spielen, wissend, dass an ihm die ganze Arbeit hängenbleiben würde, während die anderen bequem in seinem Windschatten segeln würden.
Richtig spannend ist dann wieder der Süden, dort, wo die Comarca Les Garrigues an Montsant, an das Priorat und an Conca de Barberà grenzt. Dies ist welliges Bergland, die Gipfel enden knapp über eintausend Höhenmetern, Sandstein, Sandmergel, kalkhaltig, knappe Lehmkrumen, dichte Steinauflage. Und halt, das ist so unwichtig dann doch nicht: Hänge, die gen Norden abfallen, oder gen Nordwesten oder gen Nordosten, etwas besser geschützt vor den Sonnenplage am Nachmittag. Hier kann man Garnacha mit vierzehn Umdrehungen ernten, im Priorat geht das nur bedingt. Das Problem: hier gibt es mit El Vilosell und La Pobla de Cérvoles gerade einmal zwei Dörfer, in denen vor allem alte Leute leben. Eine Zukunft hat der Weinbau hier nur, weil zwei Bodegas am Start sind, die schon bestrebt sind, Weine der Region zu präsentieren. Wobei: bei einer der beiden ist das so eine Sache, da muss man halt glauben, was Tomas so sagt. Tomas Cusiné hat in El Vilosell vor einigen Jahren seine eigene Bodega gegründet, er verfügt dort über eine gute Menge an Rebland, hier entstehen vor allem Weine, die in die Kategorie „einfach zu trinken“ fallen, aber auch der eine oder andere durchaus individuellere Wein. Im Nachbardorf gibt es die Bodega Cérvoles, die Zweitbodega von Castell de Remei, das Stammhaus der Familie Cusiné, Hauptsitz der Bodegagruppe, in Remei, mitten im Flachland. Inzwischen ist Tomas technischer Direktor in allen drei Bodegas, alleiniger Eigentümer seiner Kellerei in El Vilosell. Als dem noch nicht so waren, da waren die Dinge gut getrennt. Heute, das sagt er selbst, wandert schon Wein aus dem Süden gen Hauptbodega, umgekehrt eher nicht, da im Süden vor allem Garnacha steht, die gibt es im zentralen Tiefland nicht wirklich.
Das ist schon alles nicht schlecht (zumindest die Weine aus den beiden Süd-Bodegas), es ist aber vor allem wichtig, weil so nicht alles auf den Schultern einer kleinen Bodega lastet, die derzeit zumindest im Süden der Region Costers del Segre den Ton angibt: Mas Blanch i Jové. Joan Jové und seine Tochter Sara wollen gar nicht Costers del Segre repräsentieren, sie wollen aber das herausarbeiten, was Les Garrigues darstellen soll: stoffige, aber dennoch frische und von Frucht getragene Weine, vor allem aus Garnacha, komplettiert mit ein paar Einsprengseln internationaler Art, vor allem Cabernet Sauvignon und Tempranillo, Syrah für einen Quietsch-Rosado. Es gibt inzwischen Lagenweine von durchaus guter Qualität, die neueste Kreation ist der Troballa (Entdeckung), der in Amphoren, in einem Zementei und in ein paar Barricas reift. Ganz neu ist eine Zement-Entdeckung, dieser Wein kommt vielleicht in diesem Herbst erstmals auf den Markt. Frische Weißweine, unkomplizierte Rotweine, dies sind die wichtigsten Weine der Bodega. Die Barriqueweine leiden noch etwas unter traditionellem Barriqueverständnis, aber auch das ist nur eine Frage der Zeit.
Mas Blanch i Jové ist in der Kunst- und Künstlerszene von Barcelona stark verwurzelt, einmal im Jahr, am ersten Samstag im Juli, gibt es die Festa de Artistes, Jahr für Jahr kommen etwa fünfhundert Menschen, um zu feiern, zu essen und zu trinken. Die Gruppe der Artisten besitzt und beackert einen eigenen Weinberg, jedes Jahr installieren sie etwas in der Region, nach und nach entsteht dort ein kleines Freilichtmuseum. Auch so wird Les Garrigues, der Süden von Costers del Segre, bekannt.
Der Fall Costers del Segre ist anders gelagert als der Fall Conca de Barberà, denn hier könnte zumindest eine regionale Präsentation (Alt Pirineu, Les Garrigues) funktionieren, Raimat aka Codorníu aka Carlyle interessiert sich für so etwas nicht. Text: El oso alemán
Teil 3. Terra Alta erscheint auf diesem Blog am 21.08.2020 um 11.00 Uhr.




