Lunya zum Errrscht’n – Conca de Barberà
Conca de Barberà kann man nur verstehen, wenn man dort war. Wenn überhaupt. Geologisch betrachtet handelt es sich um ein Becken, das im Süden von den Muntanyes de Prades begrenzt wird; diese wiederum bilden die Nordgrenze des politischen Priorats, will sagen von Montsant. Auch im Westen, im Norden und im Osten schirmen mehr oder weniger hohe Bergketten die Region von äußeren Einflüssen ab, das reicht weit über das Klima hinaus. Einzig im Südosten gibt es einen schmalen Durchbruch, der beschauliche Fluss Francolí hat sich hier einen kleinen Canyon gegraben. Kulturreisende und Religionsreisende besuchen die Region, weil hier das Monasterio de Poblet steht, eines der heiligsten Heiligtümer der Katholiken auf spanischem Boden. In Montblanc findet einmal im Jahr ein das Mittelalter verherrlichendes Fest statt, in dem viele junge Menschen fein herausgeputzt in altertümlichen Kostümen gar seltsame Dinge aufführen. Die Sache mit dem Wein aus der Conca ist auch seltsam.
Conca de Barberà ist eigentlich eine perfekte Region für Weinbau. Zwar ist das Becken an allen vier Seiten von Bergen begrenzt, jene im Südosten indes sind nicht so hoch, Meeresbrisen und Wolken schaffen es schon über die Hügel nahe la Cabra del Camp, die das Küstenland von Tarragona von dem Landesinneren trennen.
Die innere Struktur der Region haben Regen und Verwitterung geschaffen. Während im Süden Schiefer dominiert und somit wenig Verwitterungsgestein entsteht, stößt man im Norden und im Osten auf Mergel und Kalksandstein. Über Jahrmillionen haben Wind und Regen Material abgetragen, das sich dann im unteren Teil der Conca, rund um Montblanc angesammelt hat. Reben stehen dort auf durchaus tiefgründigen Böden; und das schmeckt man den Weinen auch an.
Conca de Barberà war zu keiner Zeit eine dicht besiedelte Region, Mitte des neunzehnten Jahrhunderts lebte dort gut dreißigtausend Menschen, heute sind es noch derer zwanzigtausend. Dies bedeutet, dass man nicht viel Land benötigte, um Getreide und Gemüse anzubauen, der Weinbau hielt sich auch in Regionen, die andernorts anderweitig kultiviert werden. Dies bedeutet aber auch, dass all der Wein, den man in der Conca kelterte, irgendwo anders getrunken werden muss, der heimische Markt ist mickrig.
Überall dort, wo Klöster eine wichtige Rolle spielten, ist auch der Weinbau seit Jahrhunderten stark präsent, Conca de Barberà macht da keine Ausnahme. Rund um das Monasterio de Poblet wurden Reben schon lange kultiviert, das im Vergleich dazu kleine Schloss Riudabella verfügt über Dokumente, die bestätigen, dass dort bereits im dreizehnten Jahrhundert Wein gekeltert wurde. Mangelnde Erfahrung kann man der Region also nicht ankreiden.
Die Bedeutung des Weinbaus in der Conca kann man auch an einer anderen Ziffer festmachen: zwischen achtzehnhundert vierundneunzig und neunzehnhundert achtzehn wurden in der Region nicht weniger als acht Genossenschaftskellereien errichtet, diverse imposante Gebäude entstanden damals. Die Cooperativen aus l’Espluga de Francolí und Sarral zählen zu den Weinkathedralen in Catalunya, architektonische Meisterwerke von namhaften Baumeistern aus Barcelona konstruiert.
Logischerweise entstanden diese Cooperativen, um Wein in anderen Regionen zu verkaufen. Alleine die Genossenschaft in l’Espluga de Francolí kelterte mehr als vier Millionen Liter Wein, zu viel für gerade einmal zwanzigtausend Menschen. Die Küste, insbesondere aber Barcelona und die Gegend um Manresa und Igualada, dies waren und sind die primären Absatzmärkte für die Produzenten der Region.
Auch wenn außer der Cooperative in Sarral keine der Genossenschaften mehr eigenständig ist, sind sie fast alle noch aktiv; einzig jene aus Montblanc musste schließen. Jedoch hat sich die grundsätzliche Handelsaktivität der Cooperativen stark verändert.
Im Großen und Ganzen ist Conca de Barberà heute ein Basisweinlieferant, sei es, um aus Weißweinen Cava zu bereiten, oder um billige Weine mit dem Catalunya-Rückenetikett herzustellen. Cellers Domenys aus dem Penedès hat sich die Cooperativen aus Blancafort, aus Pira und aus Rocafort de Queralt gegriffen, hier entsteht vor allem Basiswein aus Macabeo oder Parellada, die wichtigste Weißweinsorte der Region. Cevipe, eine im Penedès ansässige Cooperative der zweiten Stufe (sie bezieht Fasswein von anderen Cooperativen), hat sich die Cooperativen aus Solivella, aus Barberà de la Conca sowie aus l’Espluga de Francolí einverleibt. Cevipe kontrolliert inzwischen dreizehn Cooperativen, kürzlich erwarb man Cavas Hill, nach außen ist das Konglomerat mit der Marke Castell d’Or präsent.
Anders als bei Domenys ist hier auch das Thema D.O. Catalunya wichtig. Denn einer der großen Fehler, die in der Region begangen wurden, war, den Focus auf internationale Rebsorten zu legen. In den letzten beiden Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts, aber auch im ersten Jahrzehnt des aktuellen Jahrhunderts pflanzte man in der Conca vor allem internationale Sorten: viel Cabernet Sauvignon, viel Chardonnay, natürlich jede Menge Merlot (Torres war und ist gierig auf diese Rebsorte), wenig Syrah, aber vor allem kaum einheimische, traditionelle Sorten. Dies sollte sich rächen.
Der Ausgangspunkt dieses Missverständnisses war eine Aussage von José Luis Pérez, Hochschulprofessor, Berater von Perelada und Inhaber von Mas Martinet und anderen Projekten im Priorat. Ex Cathedra verkündete er, dass man international nur Erfolg haben könne, wenn man international bekannte Rebsorten kultiviere. Welch ein Unfug! Denn niemand wollte diese Weine haben, der Export ging nur deswegen nicht gen null, weil einige Betriebe ihre Weine zu Preisen verramschten, die nicht einmal Weingüter aus Chile oder Argentinien oder Cariñena aufriefen. Der regionale Markt konnte bedient werden, weil Katalanen lieber Cabernet oder Merlot oder Chardonnay aus Catalunya trinken als Cabernet aus dem Ausland (Restspanien fällt auch in diese Kategorie). Darauf kann man aber nicht bauen, außerdem gibt es da noch andere katalanische Regionen, in denen diese Sorten verstärkt angebaut werden.
Macabeo und Parellada indes boten und bieten einen stabilen Absatzmarkt, da man große Erntemengen einfahren kann, gelesen in Parzellen, die bequem mit Maschinen beackert werden können. Viele dieser Parzellen sind jung, man hat sie extra für die Cava-Basisweine angelegt. Unlängst wurde in Sarral eine Kelterhalle errichtet, in der mal eben drei Millionen Liter Parellada und Macabeo gelagert werden können. Global betrachtet ist Conca de Barberà für die Cava-Welt, in der Jahr für Jahr mehr als zweihundert und vierzig Millionen Flaschen gefüllt werden, natürlich nicht wirklich relevant, für die Region jedoch ist Cava als Standbein existentiell.
Schaumweine aus der Region, unter welchem Label auch immer gefüllt, gibt es nur wenige. Die wichtigste Kellerei ist die von Carles Andreu, heute von seinem Sohn Brunat geleitet. Dort entstehen diverse Cavas aus Macabeo, Parellada oder Chardonnay, Xarel.lo ist in der Region nicht zugelassen und von außerhalb will man keine Trauben kaufen. Sanstrave keltert auch etwas Schaumwein, der aber wird vor allem im hauseigenen Restaurant in Solivella, ein Tempel für Fleischfreaks, verkauft. Mas de la Pansa ist eine kleine Bodega, sanft an die Carles Andreu Bodega angebandelt; hier aber entstehen nur wenige Flaschen Schaumwein. Alles andere kommt aus dem Penedès oder wird, etwa in l’Espluga de Francolí, von Cevipe kontrolliert.
Anfang dieses Jahrhunderts darbte die Region mal wieder vor sich hin. Die Cooperativen hatten Probleme, die privaten Kellereien hatten sich mit den internationalen Sorten verzockt, keine fünf Prozent der geernteten Trauben landeten am Ende in Weinen, die als Conca de Barberà etikettiert wurden. Die klassischen Sorten, allen voran Trepat, aber auch Garrut, Garnacha oder Parellada fanden in der Flaschenweinproduktion kaum statt. Einzig plumpe Roséweine wurden gefüllt, vor allem in den Cooperativen; sie gingen für kleine Münze über den Tisch.
Dann hatte die Gemeinde Barberà de la Conca eine Idee:
Celler Viveristas – Die Rettung?
In Barberà de la Conca, ein kleiner Ort im Westen der Comarca, verfügte die örtliche Cooperative über zwei Komplexe: die alte Bodega, auch eine Art Kathedrale, gelegen mitten im Dorf, sowie eine funktionale Bodega etwas außerhalb des Ortes. Letztere wurde von der Cooperative lange nicht mehr genutzt. Dann kaufte die Gemeinde der Cooperative dieses Gebäude ab, renovierte es, stattete es mit zwei Dutzend Stahltanks sowie mit all den Gerätschaften aus, die man zum Keltern von Wein nun einmal braucht, um dann an junge Bodegaaspiranten günstig zu vermieten. Man muss Weinberge besitzen, Wein mit dem Rückenetikett Conca de Barberà vermarkten und wer Barricas nutzen will, muss diese selbst anschaffen; Stahltanks können gepachtet werden. Man wollte und will das finanzielle Startrisiko klein halten, Anfänger sollen probieren, ob ihr Business tragfähig ist. In der Spitze waren dort zehn Bodegas aktiv, in der Regel junge Leute, deren Familien Weinberge besitzen, aber keine Bodega. Man kelterte und keltert Trepat, Parellada, aber auch Cabernet und Merlot und Chardonnay.
Manche Betriebe begannen mit internationalen Sorten, um dann auf die klassischen Rebsorten der Region umzusatteln. Niemals war die Verschiedenheit der Weine der Conca greifbarer als in den besten Momenten dieses Projektes. Es läuft noch immer, aktuell (Frühjahr zwanzig zwanzig) sind dort sieben Projekte am Start, aber aktuell ist zumindest keine Bodega dort aktiv, die, Stand heute, wirklich gute Weine auf den Markt bringt. Regel war auch, dass man nach maximal sieben Jahren wieder ausziehen muss aus der Bodegawohngemeinschaft, mit Carlania Cellers und Succés Vinícola haben das zwei Bodegas auch geschafft. Denn wenn man wirklich selbständig werden will und willens ist, individuelle Weine zu keltern, dann ist dieses Gebäude nicht gerade die beste Lösung; Neid, Kopierwut und andere Dinge greifen um sich, letztendlich kämpfen viele um den gleichen Markt: Catalunya. Einige lernten, dass dies nicht ihre Business ist, andere schleppen sich von Jahrgang zu Jahrgang. Aber immerhin geschieht etwas, von manch anderen Regionen Spaniens kann man das nicht unbedingt behaupten.
Dann und wann tauchen auch außerhalb des Celler Viveristas neue Projekte auf, einige halten sich, andere verschwinden nach wenigen Jahren.
In Barberà de la Conca findet einmal im Jahr de Festa de Trepat statt, in dem alten Ortskern präsentieren sich Weingüter der Weinbauregion Conca de Barberà mit der Auflage, Trepat und/oder Parellada zu präsentieren. Dies ist eines der entspannteren Weinfeste der Region, es geht auch um Kunst und um Handwerk; natürlich wird gesoffen, aber weit weniger hemmungslos als normalerweise in diesen Events. Leider lernt man dort auch, dass Trepat, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, noch einen langen Weg vor sich hat.
Und wer macht was und warum? Wer ist wirklich gut und warum sind das nur so wenige?
Nun, der bekannteste Wein aus Conca de Barberà wird in der Regel nicht als solcher erkannt, er wird auch nicht als solcher vermarktet, und aus Trepat besteht er schon gar nicht: Grans Muralles von Torres, der aktuell teuerste Wein dieses Weingutes. Milmanda, der Weißwein aus Chardonnay, stammt auch aus der Conca; Codorniú ist auch am Start, aber nachdem Carlyle die Bodega erworben hat, ist nicht klar, welche Strategie gefahren wird. Tomas Cusiné aus dem benachbarten Costers del Segre ist mit seinem Wald- und Wiesenprojekt Celler Cara Nord präsent, die Weine wurden in den letzten Jahren in der Codorniú-Bodega in El Poblet gekeltert. Ansonsten hat sich niemand gen Conca de Barberà verlaufen.
Letztendlich gibt es in der Conca kein Projekt, kein Weingut mit ordentlichen, guten oder sehr guten Weinen, das nicht im Dunstkreis des Celler Viveristas agiert oder agierte. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass alle anderen Bodegas schon etwas älter sind, sie haben alle die internationale Phase eingeleitet oder mitgemacht. Rosa Maria Torres, Rendé Masdeu (deren Bodega hat im letzten Herbst leider der einen Tag lang wütende Francolí hinweggespült), Mas Foraster, Celler Roset, Vega Aixalà, Mas de Tossal, Vins de Pedra, Gatzara, Riudabella, Gerida gehört auch in diese Gruppe: all diese Bodegas beschäftigen sich mit CabMeSyChar, einige keltern ein paar Flaschen Trepat, um bei der Festa de Trepat ausstellen zu dürfen. Aber all das ist eigentlich egal, denn man findet dort nichts, was man nicht auch woanders gleich gut oder besser findet. Moli dels Capellans hat inzwischen den Schwung gen lokale Sorten geschafft, das ist ja immerhin mal ein Anfang.
Ein paar Weingüter der Conca haben sich den extremen „Naturweine“ verschrieben, die Bodega von Joan Ramon escod, Escoda-Sanahuja, ist klar führend, Jordi Llorens der Schüler und Carlania Celler wandelt auch auf diesem Weg; Jordi Miró und Sónja Gomà-Camps versuchen jedoch, dies mit Trepat hinzubekommen (die anderen beiden nutzen eher rustikale Sorten). Das endet einmal großartig, dann aber auch wieder relativ (oder absolut) bescheiden. Sobald sie das in den Griff bekommen, ist der Weg an die Spitze der Region so weit nicht. In den Weinbergen sind sie jetzt schon spitze, neben Succés Vinícola, aktuell das einzige Weingut aus Conca de Barberà, das Trepat und Parellada auf hohem internationalen Niveau keltern.
Natürlich gibt es auch bei Succés die eine oder andere Überraschung, schließlich gibt es dieses Weingut gerade einmal neun Jahre und es ist weit und breit niemand da, bei dem man etwas abgucken kann. Alles muss selbst erforscht werden, Rückschläge eingerechnet. Vor drei Jahren zogen Mariona Vendrell und Albert Canela aus dem Celler Viveristas aus, um in Pira in ihrer eigenen Höhle zu arbeiten: vier Trepats, darunter zwei Lagenweine, uralte Parzellen, ein Trepat Rosat, ein Cuvée aus Trepat mit Cabernet Sauvignon, zwei Parelladas, ein Ancestral Schaumwein, dann und wann eine Garnacha, wenn nicht gerade die Rehe die Parzelle ernten, das ist schon ein spannendes Programm.
Letztendlich ist aber dies genau das Problem: ein einziges Weingut, zwei junge Leute, achtzigtausend Flaschen, damit kann man diese Region nicht wirklich bekannt machen in der weiten Welt. Noch immer werden insgesamt gerade einmal zehn Prozent der Ernte der Region als Wein mit Rückenetikett Conca de Barberà abgefüllt (Carlania hat die Denominación de Origen inzwischen verlassen), Trepat spielt da keine Rolle. Conca kann man aber nur mit Trepat und Parellada bekannt machen. Zweimal zwei Füße stemmen das nicht. Text: El oso alemán
Teil 2. Costers del Segre erscheint auf diesem Blog am 14.08.2020 um 11.00 Uhr.



