Weingeschichte(n)
Die Rückkehr Deutschlands auf die politische und diplomatische Weltbühne nach 1945 vollzog sich langsam, aber stetig und vor allem stringent – zumindest im Großen. Im Kleinen, genauer gesagt auf den Tafeln der Staatsempfänge und Galadiners, war die Lage wesentlich schwieriger. Nicht nur Präsidenten und Könige werden das Gesicht verzogen haben, auch Weinkennern krampft sich der Magen zusammen, wenn sie heute lesen, was damals in der Villa Hammerschmidt in die Gläser floss.
Die frühe Bundesrepublik litt an wahrlich schlechten Voraussetzungen für noble Selbstdarstellung, wie sie in Ländern wie Frankreich oder Großbritannien damals üblich war und es auch heute noch ist. Zum einen herrschte die Sorge, nach der überbordenden Prunksucht der Nazizeit besonders vor ehemaligen Kriegsgegnern negativ aufzufallen, wenn man direkt wieder Spitzenklasse auffuhr. Zum anderen herrschte in Deutschland stets eine diffuse Genussfeindlichkeit, die kulturelle oder architektonische Ausschweifungen noch stillschweigend tolerierte, bei kulinarischer Extravaganz allerdings empfindlich reagierte. In der direkten Nachkriegszeit, als an allen Ecken und Enden Mangel herrschte, durchaus eine verständliche Haltung, doch auch später wurde meist die Masse der Klasse vorgezogen. Hinzu kam die Ansiedlung der Regierung im provinziellen Bonn, das anders als Berlin so gar keine weltmännische Atmosphäre aufkommen ließ. Immerhin beginnt wenige Kilometer südlich Bonns mit dem Mittelrhein das damals nördlichste bundesdeutsche Weinbaugebiet, und auch einige der frühen Staatsmänner residierten in nächster Nähe zu den Weinbergen. Konrad Adenauer etwa, ein Anhänger süßer Rieslinge, der mit einer Steinberger Trockenbeerenauslese von 1921 einen Spitzenwein auftischen ließ, der auch im Dritten Reich schon zu großen Ereignissen ausgeschenkt worden war und sich ansonsten gern an die Rieslinge und Spätburgunder des Staatsweingutes Eltville hielt, dessen Assmannshäuser Höllenberg etwa damals einer der ganz wenigen deutschen Spitzenrotweine war. Damit bildete der erste Bundeskanzler einen ziemlichen Kontrast zu Präsident Heuss, der zwar sogar über das Thema Weinbau promoviert hatte, bei der Weinauswahl allerdings kein gutes Händchen bewies. Gern ließ er wenig ansprechenden Lemberger aus seiner württembergischen Heimat ausschenken, Haile Selassie wurde 1954 in Bonn mit Söhnlein Rheingold im Sektglas bedacht. Das Umschwenken auf jahrgangslose Kessler Hochgewächse bis in die 80er Jahre zeugt von der Uninspiriertheit der Protokollchefs in Sachen Schaumweine.
Die Auflistungen der abendlichen Menüs in Bonn sind nur in Teilen erhalten und keineswegs so feinsäuberlich archiviert worden wie etwa in Paris, wo etwa auf einer Karte zum 50. Jahrestag des Kriegsendes 1995 passenderweise ein 45er Mouton Rothschild ausgeschenkt wurde, der geschichtsträchtige Jahrgang war obendrein einer der besten des 20. Jahrhunderts. Möglicherweise war es den deutschen Verantwortlichen peinlich, was in die Gläser der Staatsgäste floss: zwar war der Vorratskeller auch mit Topweinen wie Chateau Lafite gefüllt, fast alle Weißweine wurden aufgrund der meist kopflosen Einkaufspolitik aber zu jung serviert, außerdem gab es fast nur durchwachsene oder wirklich schlechte Jahrgänge.
Die Unbeständigkeit endete erst ab Mitte der 80er Jahre, wobei zwei Faktoren eine Rolle spielten. Zum einen wurde 1984 mit Richard von Weizsäcker ein Mann Bundespräsident, der über Ahnung und Klasse verfügte und den von Walter Scheel begonnenen, damals noch von der Presse bespöttelten Weg der distinguierten Selbstdarstellung fortsetzte: wurden bis in die frühen 80er aus Höflichkeit dem jeweiligen Gast gegenüber meist Rotweine aus dessen Heimatland aufgefahren, ließ Weizsäcker immer mehr deutsche Tropfen auf die Karte setzen. Was allein schon deshalb eine weise Entscheidung war, weil sich die Verantwortlichen bei französischen Weinen regelmäßig komplett vergriffen und etwa dem König von Saudi-Arabien 1980 einen simplen Haut-Medoc aus dem Horror-Jahrgang 1977 servierten. Weizsäcker hingegen setzte auf gute Winzer wie etwa Jean Stodden, gute Lagen wie den Scharzhofberg und vor allem auf gute Jahrgänge.
Zum anderen stieg das Qualitätsniveau der deutschen Weinproduktion sukzessive an. Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau reformierte als Präsident des VDP die Politik des Verbandes und etablierte gemeinsam mit einer Generation ambitionierter Jungwinzer, die experimentierfreudig war und es sich zum Ziel gesetzt hatte, deutschen Wein wieder auf die internationale Bühne zu bringen. Ihnen mag es zu verdanken sein, dass seit den 90er Jahren wieder vermehrt auch auf deutsche Rotweine zurückgegriffen wurde: Cuvée Anna hieß der Tropfen aus dem Hause Seeger, fein komponiert aus Lemberger, Schwarzriesling, Spätburgunder und Portugieser und einer der ersten deutschen Cuvées, die durch Eichenfasslagerung zu einer gewissen Schwere gekommen waren.
Einen weiteren Glücksgriff stellte Gerhard Schröder dar, der zwar wie die meisten seiner Vorgänger eher wenig Kennerschaft vermuten ließ, aber als bekennender Barolo-Trinker und Havanna-Raucher wenigstens zu seinem Hang zu exquisiten Genussmitteln stand und dies auch immer wieder gegen den puritanischen Johannes Rau vertrat, der lieber beim Bier blieb. Schröder wäre es wohl kaum eingefallen, in der konstituierenden Sitzung des Bundestags Prosecco servieren zu lassen wie dessen damaliger Präsident Wolfgang Thierse.
Und heute? Queen Elizabeth jedenfalls war von der Auswahl während eines Staatsbesuchs 2015 nicht begeistert und frotzelte gegen den Chardonnay Reserve von Thörle als Jedermannswein. Im Verkauf ab Hof kam die Flasche auf 21 Euro, was im internationalen Vergleich sicherlich nicht auf einen Spitzenwein schließen lassen würde, aber die deutschen Rebensäfte sind ja bekanntlich ohnehin sehr preisgünstig.
Über schlechtes Personal kann sich das Präsidialamt indes nicht beschweren: mit Hilton-Ausbildung und gerade einmal 22 Jahren wurde 2000 Jan-Göran Barth dort Chefkoch, hat unter Rau, Köhler, Wulff, Gauck und Steinmeier auftragen lassen. Und sich als kulinarischer Patriot von Importen freigemacht: Champagner ist handgerütteltem Mosel-Sekt gewichen, der Portwein stammt aus der Pfalz und der Whisky aus Bayern. Auf sein Konto ging anlässlich des Jubiläums der Römischen Verträge 2007 in Bellevue auch die Cuvée „X“ von Knipser, mit über 40 Euro einer der teuersten Tropfen der jüngeren Bankettgeschichte und mit den verwendeten Rebsorten Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc einem dreistelligen Franzosen absolut ebenbürtig. Sogar an eigenen Abfüllungen versucht man sich mittlerweile, das badische Weingut Huber füllte bereits 2001 einen sehr passablen Spätburgunder „Schloss Bellevue“ ab.
Neben dem altbekannten Understatement ist also auch ein gewisses Quäntchen Selbstbewusstsein Kennzeichen der kulinarischen Repräsentation Deutschlands im 21. Jahrhundert. Einziges großes Manko in der Spirituosendiplomatie der zusammengewachsenen Bundesrepublik: Weine aus Sachsen sucht man immer noch vergeblich auf der Karte. Text: Dario Sellmeier
Dieser Text beruht auf dem Buch von Knut Bergmann „Mit Wein Staat machen. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, erschienen im Insel Verlag. https://www.suhrkamp.de/buch/knut-bergmann-mit-wein-staat-machen-t-9783458681229