Und im Dunklen leuchtet sie doch!

Man schrieb das Jahr fünfzehn und nochwas, Handel treibende bewegten Rebstöcke von Südosten den Stiefel hoch. Oben angekommen ging es gen Westen, erst durch Frankreich, dann gen Catalunya. Das alles ist bekannt. Weniger bekannt ist, warum die Rebsorte Macabeo genannt wird. Steckt vielleicht das Wort „makaber“ darin? Und dann heißt sie weiter im Westen auch noch Viura. ¡Aha!

Viura ist eine großartige Rebsorte, meint der Bär. Schuld an dem ganzen Mist haben mal wieder die Menschen, Winzernde vor allem. Und zwar genau jene, die ihre Kelter anspannen bis es quietscht. Denn Viura ist das, was man gerne Massenträger nennt. Lässt man die Rebstöcke in Ruhe wuchern, dann gibt es Trauben ohne Ende.

Dass Viura auch anders kann, sieht man leider nur an wenigen Weinen. Der wohl bekannteste stammt aus dem Hause López de Heredía, für ältere Semester muss man richtig Geld auf den Tisch legen, bis zu dreihundert Euronen. Gut, das ist nur zu neunzig Prozent Viura, den Rest steuert Malvasía (¿Rojal?) bei. Aber das macht nix.

Leider gibt es von diesem Kaliber nur wenige Weine und wenn man sich das aktuelle Feld ansieht, dann schüttelt sich der Kopf ganz von alleine. Selbst in der Rioja gibt es wenige Viuratropfen, die über das Gewöhnliche hinausgehen. Pujanza etwa, Olivier Rivière, Oxer Bastegieta, mit gewissem Sicherheitsabstand Bryan MacRobert, Mig. Áng. de Greg. bietet eine teure Variante. Dann ist da nicht viel mehr.

Weiter im Osten, in Aragone, in Catalunjet und in Fallència, verkommt die Rebe gerade gar sehr. Ihr Anteil steigt und steigt, weil es für Cava keine wirklich greifenden Ertragsbeschränkungen gibt. In Requena pflanzen Weinbauernde Viura wie blöde, denn nur so rechnen sich die billigen Cavas halbwegs.

Um wirklich gute Weine zu erbringen, müssen die Stöcke schon ein gewisses Alter haben. Dies ist im Osten Spaniens eher nicht der Fall. Und daher gibt es von dort auch kaum gute Viuras. In der Rioja findet man alte Viura vor allem in Arabako Errioxa, in Eskuernaga, in Samaniego, aber auch in San Vicente; in Guardia eher weniger, in Bilar und Lantziego dann schon wieder. Nur: die Weinbauern haben seinerzeit keine Viuraparzellen angelegt, sondern die Stöcke systembefreit in die Tempranilloanlagen gesetzt, drei hier, fünf dort, vier an andrem Ort.

Neue Viura-Anlagen gibt es in der Rioja kaum, nicht einmal in den Orten, in denen Cava erzeugt werden kann. Neue Anlagen gibt es auch weiter im Westen, in der einzigen Region in Castilla ohne León, in der Viura eine Rolle spielt, nicht. Was viel bedenklicher ist: die mit Viura bestockte Fläche nimmt dort kontinuierlich ab.

Es ist nicht wirklich klar, wann Viura gen Medina del Campo kam, zweihundert Jahre sind es aber mindestens. Die ältesten Stöcke findet man in Matapozuelos, auf sandigem Geläuf: wohl so um die einhundert und dreißig Winter haben sie gesehen.

In der Region war Viura lange Zeit ein wichtiges Thema, neben Verdejo und Palomino, dazu kam noch etwas Prieto Picudo blanco, wohl auch Rojal, von Albillo indes redet niemand. Noch in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts sammelten die Weinbauern der D.O. Rueda mehr Viura ein als Verdejo. Gut, das hat auch etwas mit den Erntemengen zu tun: ein Viura-Stock gibt nun einmal mehr Trauben als ein Verdejo-Stock, braucht aber die gleiche Fläche.

Viura ist gut, wenn die Stöcke alt sind und der Ertrag gering. Die Art des Bodens, wenn es nicht gerade Schwemmland ist, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Viura kann mit Sand, mit Lehm, mit Kalk, jede Art von Sedimentgestein ist geeignet.

Viura kann Frucht, nicht nur Apfel, Viura bringt aber vor allem Säure in die Kelter, die Sorte eignet sich vortrefflich für Cuvées. Selbst in Rotweinen findet man die Sorte gelegentlich. Sortenreine Viuras indes brauchen Zeit; mehr dazu ein paar Zeilen weiter unten.

Als der Bär erstmals durch die Kelterhalle von Bodegas Vidal Soblechero trampelte, fast zwanzig Winter ist dies nun her, gab es in dieser Bodega, sie wurde drei Jahre zuvor gegründet, keinen Wein, der Viura enthielt; wohl aber fast fünf Hektar Viura. Claudio Vidal Obregón beackerte zwei Parzellen: Finca El Tomillar und Finca Varrastrojuelos, in den Dreißigern wurde erstere angelegt, die zweite ist etwa dreißig Jahre älter.

Inzwischen gibt es da drei Weine, die mit Viura zu tun haben, und das ist noch lange nicht das Ende. Denn vor wenigen Vollmonden erwarben Alicia Vidal und ihr Bruder Vidal in Extremis acht Hektar Rebland, uralte Stöcke, kleine Parzellen, Verdejo, aber auch viel Viura. Viura auf Sand, Viura auf Lehm, ein Kessel Buntes. In Extremis, weil in der Region eine Seuche umhergeht. Hat schon niemand in den letzten fünfzig Jahren Viura gepflanzt, so wird aktuell Viura herausgerissen oder in Verdejo umgepfropft auf Dübl kümm russ. Moderne Hochleistungsanlagen ermöglichen es auch den Weinbauern, vom Ertrag zu leben; nur wenige haben eine eigene Bodega, der Großteil verkauft die Trauben an die Genossenschaften oder an die industriellen Großkopferten. Der Weg von Vidal Soblechero ist das nicht. Aber der Reihe nach.

Zwei Jahre nachdem der Bär nun also dort an die Tür hämmerte, gab es den ersten Wein, der Viura enthält, den klassischen „Rueda“, der damals in eigentlich allen Bodegas gekeltert wurde. Damals gab es dort noch nicht so viele Weingüter, die meisten fand man im Dreieck La Seca, Serrada, Matapozuelos, dort, wo auch Viura angebaut wurde. Fast alle kelterten diesen „Wein für alle Tage“: Verdejo mit Bitterstoffen und etwas Frucht, Viura mit Säure und etwas Apfel, zudem macht Viura diese Art von Wein etwas mundfüllender, cremiger.

Diesen Weintyp hat das moderne Verdejo-Marketing fast komplett vom Tisch gedrängt. Neue Bodegas, also gut die Hälfte aller Kellereien der Region, haben die Sorte gar nicht im Programm, in vielen älteren Bodegas wird sie zum Abrunden genutzt. Der Cepas Viejas ist nicht der einzige Überlebende, so wirklich groß ist die Gruppe dann aber auch nicht. Dabei ist dieser Wein durchaus spannend, denn wenn man ihn gut macht, dann kann so ein Tropfen auch schon einmal drei oder vier Jahre reifen. Verschließt man die Flaschen mittels Schrauber sogar noch etwas länger. Schrauber hilft, wenn man Frische und Jugendlichkeit bewahren will.

Aber eigentlich ist dies nicht das fetteste Pfund, mit dem Viura wuchern kann. Weine aus Viura können wunderbar altern, über Jahrzehnte, nur: dann muss man sie auch von Anbeginn an so konzipieren, siehe Viña Tondonia.

Die beste Viura-Parzelle, über die Bodegas Vidal Soblechero verfügt, ist Finca Varrastrojuelos, ein halber Hektar, die Stöcke haben ihren hundertsten Geburtstag schon gefeiert. Zumindest jene, die überlebt haben. Denn dort, in Varrastrojuelistan, bläst immer ein kräftiger Wind, er macht den Trieben der Stöcke zu schaffen. Heute ist die Situation schon fast pittoresk: ein halber Hektar uralte Stöcke inmitten einem Meer von Hochleistungsverdejo, beregnet bis zum Anschlag. Die freundlichen Nachbarn wären gerne bereit, die Parzelle zu kaufen, um sie durch Hochleistungsverdejo zu ersetzen. Is nich!

Der erste Jahrgang des Pagos de Villavendimia stammt aus dem Jahr zweitausend und sechs. Noch immer ist das ein frischer Wein; gut, die Frucht, aber wie schon erwähnt: Frucht ist nicht unbedingt das Ding der Viura. Von dem Jahrgang gibt es kaum noch Flaschen, denn einer der Stars des El Bulli feierte dereinst Hochzeit im Mugaritz und dort schenkte man diesen Wein aus. Und wech waren die wenigen Kisten.

Große Weine entstehen in der Regel auf relativ einfache Weise. Im Weingut kann man sie kaum verbessern, eher verschlechtern. Daher passiert hier eher wenig. Die Trauben werden gepresst, der Most bleibt einen Tag oder auch derer zwei in einem kleinen Stahltank, dann wird er vom Trub abgezogen und kommt in einen anderen kleinen Stahltank. Dort bleibt er, abgesehen von drei Monaten, in denen er in einem alten Barrique Urlaub macht, für gut ein Jahr. Dann wird abgefüllt. Und dann kommt das Wichtigste: mindestens sechs Jahr Flaschenreife, je nach Jahrgang noch länger. So acht bis zehn Jahre nach der Ernte beginnt der Varrastrojuelos, sich zu entfalten. Wie lange kann er reifen? Gute Frage, es gibt noch keinen Jahrgang, der das Zeitliche gesegnet hätte. Mit anderen Worten: fünfzehn Jahre hält er locker.

Damit gab es also derer zwei Weine dieser Sorte. Damit der Hocker nicht wackelt, braucht es aber derer drei. Der dritte kam deutlich später hinzu und in diesem Fall war es schon die Idee des Bären. Aus der Geschichte lernen wir, dass im sechzehnten Jahrhundert, aber auch danach, die besten Weißweine der Region vier Jahre in großen Fässern reiften, ehe sie auf den Markt kamen. Händler aus dem Norden Spaniens, aber auch aus Frankreich oder England, standen Schlange, wenn mal wieder Verkauf angesagt war. Medina del Campo war damals die wichtigste Messestadt Spaniens, dementsprechend groß war das Handelsvolumen. Irgendwie sollte diese Tradition wiederbelebt werden, aber halt angepasst an die Gegebenheiten des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Denn damals kelterte man diesen Wein wohl aus Verdejo und Palomino, beide Sorten kennt man in der Region seit dem dreizehnten Jahrhundert. Palomino bringt Säure, sonst aber halt nicht viel. Damit war der Wechsel schon angezeigt: Viura ist der neue Palomino. Nur: wenn man eine kleine Menge Viura gleich mit in den Tank wirft, dann geht die unter. Wenn man eine größere Menge nimmt, dann landet man bei Cepas Viejas, wie oben beschrieben. Es bedarf also einer anderen Lösung. Verdejo aus der Parzelle El Escribiente, relativ jung, gen Norden abfallend, immer etwas säurelastiger als die Trauben der anderen Verdejo-Lagen, bildet die Basis: achthundert und fünfzig Liter, ein Jahr lang auf der Feinhefe reifend. Und dann kommt der Viura hinzu, einhundert und fünfzig Liter, um auf insgesamt eintausend Liter zu kommen. Nur: der Viura, nicht auf feinen Hefen gereift, stammt aus der nachfolgenden Ernte, ist also immer ein Jahr jünger als der Verdejo. Will sagen: etwas mehr Frische, ein Touch Apfel, ordentliche Säure. Ein halbes Jahr gemeinsames Kuscheln im Stahltank und dann ab in die Flaschen. Zugeschraubt und erst einmal zwei Jahre in das Flaschen Lager, denn es geht ja um Weine, die vier Jahre Reife aufweisen.

Auch in diesem Fall ist nicht klar, wie lange dieser Wein sein Niveau hält. Der älteste Jahrgang des SEKKA 85/15 ist zwanzig vierzehn. Und da die freundlichen Nachbarnden so einen Wein nicht im Angebot haben, kann man auch nicht nachsehen, wann deren Vierjährige platt werden.

Und wie weiter? Nun: einige der alten Viuraparzellen fußen auf Sand. ¿Ein Sandiuarh? Man wird sehen. Text: El oso alemán

Der SEKKA hat es nicht in die Liste der besten spanischen Weißweine geschafft. Knapp, er landete auf Platz vierzehn. Der Varrastrojuelos ist da natürlich vertreten:

Bodegas Vidal Soblechero: 2013 Pagos de Villacendimia Finca Varrastrojuelos
100% Viura
Ausgebaut in einem Stahltank und einem Barrique
847 Flaschen gefüllt
El Oso Alemán Ranking Spanische Top-Weißweine 2021: Platz 4

*Punktesystem 0 bis 365 Punkte

Die Punkte stehen für die Tage eines ganzen Jahres. Je höher die Punktezahl ist, umso häufiger wünscht man sich an diesem Ort essen gehen zu können oder eben den beschriebenen Wein trinken zu dürfen.

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