Ein Mittagstisch im Sonnora
In vielen Restaurants ist in der Regel nicht nur das gereichte Essen einen doppelten und schärfenden Blick wert; mit ein wenig Zeit und Muße macht es auch einen irrsinnigen Spaß, die Gäste in Restaurants zu beobachten und seine komplett aus der Luft gegriffene eigene Phantasie zu diesen Menschen zu entwickeln.
Ein allein sitzender Mann, der nach jedem zweiten Bissen der gereichten Speisen und bei fast jedem Schluck aus seinem Weinglas die Stirne runzelt, die Augen knapp schließt, kurz sinniert und in sich geht, um dann in sein kleines schwarzes Notizbuch etwas zu schreiben, ist sicherlich ein Restaurant Kritiker, der auch im Restaurant als solcher wahrgenommen werden möchte. Für jemanden, der bis zum Digestif alles alleine knallhart durchzieht, wäre eine nette lachende Begleitung sicherlich ein Geschenk fürs Leben.
Ein zunächst über eine Stunde allein sitzender Mann, der sich ausgewählte Speisen bringen lässt, dazu delikate Weine glasweise trinkt und in aller Ruhe ein Buch liest, muss wahrscheinlich in die Kategorie Privatier eingeordnet werden. Dass irgendwann seine Frau dazu stößt und noch ein paar Gläschen Champagner schlürft, erhärtet diesen vergnüglichen und leicht neidisch angehauchten Verdacht.
Ein weit über siebzig Jahre alter sportlicher Mann und seine fast halb so alte Begleitung nähren zunächst die Vermutung, dass es sich hier um Vater und Tochter handeln muss. Doch die Liebeleien sind dann doch zu offensichtlich, um diese erste These so stehen lassen zu können. Es muss sich hier eher um einen Wirtschaftskapitän aus einem DAX Unternehmen mit seiner neuen, frischen Liebe handeln. Er schwelgt im jugendlichen Champagner Rausch in alten Erinnerungen und träumt von der ewigen Jugend, während sie in ihrem Handy daddelt. Hoffentlich nicht auf einer neuen und noch exklusiveren Partnerbörse.
Dann sind da noch die treuen, älteren Stammgäste, die sich hier mehrmals im Jahr an den Wundern und Werken der aus der Küche getragenen Leckereien erfreuen und an ihren schönen Erinnerungen auch das zuvorkommende Service Team teilhaben lassen.
Jemand, der einfach nur feiert und laut schwelgt ist selbstredend auch immer mit von der Partie. Da wird Mittags schon alles mitgenommen was geht, es könnte ja Abends auch schon alles wieder vorbei sein. Aber in der Regel geht es dann am nächsten Tag mit leichtem Kater, guter Laune und neuen Plänen wieder an den Start.
Auch das normal wirkende Pärchen lässt sich in der gehobenen Gastronomie immer wieder finden. Bescheiden wirkend, aufmerksam und lernend zuhörend sind es die sympathischen Bewunderer der abgelieferten essbaren Kunstwerke.
Phantasien sind schön, regen diese doch die Kreativität an. Die Realität jedoch sieht meistens anders aus und findet sich im Restaurant des Waldhotels Sonnora auf den Tellern wieder. Und diese sind, wie immer hier, einfach nur die wahre und pure Wonne. Schon die ersten Häppchen wie die Schwertmuschel und das Kalbstartar sind so liebevoll und Aromen intensiv heraus gearbeitet, dass einem der Speichel im Mund zusammen läuft.
Eine Weltklasse mit Gurke, Kaviar und Dill gepimpte Gillardeau Auster und ein frisch gezupfter Taschenkrebs mit Apfel und Minze überstrahlen ein wenig den auch als Amuse-Gueule gereichten Lachs.
Die perfekte Gänseleber kann schon fast als neuer Klassiker abgefeiert werden, während die Torte vom Rinderfilet-Tatar mit Kaviar eben genau dieser schon lange ist. Total dekadent, aber total lecker… und das muss Mann, Frau und Divers im Sonnora einfach essen. Punkt.
Klassisch und perfekt sautiert dann der Kaisergranat, und von einer begnadeten Qualität die „zum Finger ablecken“ leckere Sauce.
Das zarte Wagyu Filet hat überraschender Weise viele asiatische Komponenten, schmeckt natürlich auch so, und beweist, dass Gastgeber und Koch Clemens Rambichler langsam seinen eigenen Stil entwickelt. Das ist modern, das ist sehr, sehr gut und wird die Geschmacks Bandbreite im Sonnora noch ein wenig erweitern.
Der schwächste Gang in dieser Reihe von makellosen Leckereien dann sicherlich der Steinbutt. Wobei diese Aussage eines Laien an sich schon eine Unverschämtheit darstellt. Dies sei hiermit verziehen und ist auch gar nicht so gemeint.
Die Wildgerichte im Waldhotel Sonnora sind immer eine Klasse für sich und auch dieses Mal überstrahlt der Rehrücken aus der Eifler Jagd alle anderen Gerichte dieses genialen Mahls. Noch ein, zwei neidische Blicke auf den Tischgefährten, der sich vergnüglich und voller Lust gleichzeitig drei Rotweine in den Körper schraubt und von dem besten Match zwischen Essen und Rotwein seines noch jungen Leben fabuliert. Es sei ihm gegönnt, doch das nächste Mal darf er das Automobil nach Hause fahren.
Bei den Desserts ist die Stimmung ein wenig raus. Der Gastraum leert sich, zwei Tische werden wohl nochmals von den selben Personen wie diesen Mittag besetzt. Es muss sich dabei wohl um unverwüstliche Zeitgenossen handeln. Verneigung, Respekt und Neid für diese anscheinend unkaputtbaren Körper.
Als letztes tänzelt der, in der eigenen Fantasie als längst in den Ruhestand gehörende, eingeordnete DAX Vorstand mit seinem jungen Küken aus dem Lokal. Es bleibt die Erkenntnis, dass es wohl gut ist, wenn solch robuste, vitale und erfahrene Menschen die Geschicke unseres Landes führen, und natürlich die Einsicht, alsbald wieder ins Sonnora zu kommen, um wieder auf allerhöchstem Niveau zu essen und dann endlich auch trinken zu dürfen.






Waldhotel Sonnora, Auf dem Eichelfeld 1, 54518 Dreis, Deutschland, Telefon: +496578406, www.hotel-sonnora.de
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