Die lokalen Identitäten des Weinviertels
Es ist schon ganz sinnig, dass man beim größten Weinbaugebiet Österreichs bereits an der Benennung erkennt, worum es geht – dem größten spezifischen, muss man präzisieren, denn die Österreicher unterscheiden ebensolche von den generischen, die sich lediglich an den Grenzen der Bundesländer orientieren. Das Weinviertel lässt namentechnisch tatsächlich wenig Interpretationsspielraum zu. Jener ist allerdings wesentlich älter als die Weinvermarktung nach Regionen und geht auf die vier traditionellen Viertel zurück, in die Niederösterreich lange Zeit unterteilt war und die für die regionale Identität ihrer Bewohner nach wie vor Bedeutung haben: dies sind das Most-, das Wald-, das Industrie- und eben das Weinviertel, das im Habsburgerreich offiziell als Kreis Unter dem Manhartsberg geführt wurde. Mit 14 000 Hektar nimmt es nahezu ein Drittel der gesamten österreichischen Anbauflächen ein.
Weil hier aufgrund dieser Größe eben auch viel Masse produziert wird, haben sich Anfang der 2000er 15 von insgesamt 2800 Winzern zu den PWW, den Premium Weingütern Weinviertel, zusammengeschlossen, um besonders den Hauptdarsteller auf der Rebsortenbühne, den Grünen Veltliner, auf neue Höhenflüge zu schicken. Es gibt wohl nur wenige Weinbaugebiete im Land, die so sehr mit einer bestimmten Rebe verbunden sind und nach außen mit dieser assoziiert werden. Die Hälfte des gesamten österreichischen Bestandes wächst hier auf 7000 Hektar, und im Jahr 2002 war der Weinviertler Veltliner der allererste Wein, der einen DAC-Status verliehen bekam, womit nach dem Vorbild des französischen AOP- oder des italienischen DOCG-Systems die Herkunftsbezeichnung in besonderem Maße geschützt und ein in jeder Hinsicht „gebietstypischer“ Wein garantiert wird. 2009 folgte die Stufe Reserve, 2020 dann auch die Große Reserve für die reiferen und alkoholischeren Tropfen. Das kleine Bonmot, das Weinviertel sei eben der Ort, „wo das Pfefferl wächst“, ist zwar schon oft bemüht worden, trifft aber nach wie vor den Nagel auf den Kopf, denn die charakteristische Note des typischsten aller österreichischen Weine wird hier zur Perfektion getrieben. Für sie verantwortlich ist eine chemische Verbindung namens Rotundon, derjenige Aromastoff, der Pfeffer selbst seinen typischen Geruch verleiht und beim Veltliner – aber zum Beispiel auch beim Syrah – in den Schalen enthalten ist und ebendiese Assoziation hervorruft. Kenner behaupten, die feinen Nuancen zwischen den milderen Aromen weißen und grünen Pfeffers bei leichteren und schwarzen Pfeffers bei kraftvolleren Veltlinern allein durch das veränderte Kitzeln in der Nase unterscheiden zu können. Wer mit den Winzern direkt darüber fachsimpeln möchte, ist gut beraten, sie beim uralten Brauch des „in die Grean gehen“ am Ostermontag zu begleiten. Früher in Anlehnung an den biblischen Gang der Jünger Jesu nach Emmaus die Art der Weinbauern, den Lesehelfern für ihre Arbeit im vergangenen Jahr zu danken, indem man gemeinsam an einem lauschigen Ort in der Natur einige Flaschen des Jungweins leerte, hat sich daraus mittlerweile ein wahres Happening entwickelt, welches die Wiesen und Flussufer des Weinviertels in eine riesige Picknickfläche verwandelt. Denn heutzutage ist die Teilnahme nicht mehr den Arbeitern im Weinberg vorbehalten; die Winzer freuen sich über jeden Gast, der nach dem Winter ihre Keller wieder mit Leben füllt.
Ebendiese finden sich in insgesamt etwa 800 Kellergassen, über die fast jede Gemeinde verfügt und die von der Ansammlung einer Handvoll schummriger Erdlöcher bis zu gigantischen Ausmaßen reichen: die europaweit längste liegt im 1800-Seelen-Dorf Hadres kurz vor der tschechischen Grenze und erstreckt sich über sage und schreibe 400 Keller auf 1,6 Kilometern. Trotz ihres archaischen Aussehens sind die Keller eine Erfindung der Neuzeit und entstanden fast alle innerhalb einer Zeitspanne von nur 300 Jahren: bis dahin lag die Weinbereitung nahezu ausschließlich in geistlicher Hand, die Verarbeitung der Trauben und die Lagerung des Weines fand in den Klöstern statt. Erst nach den Umbrüchen in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gelangten Weinberge auch in den Besitz einfacher Bauern. Zur Straße hin präsentieren sie sich mit weißgekalktem, grüntürigen Presshaus, während weiter hinten eine Treppe hinab in die eigentliche Kellerröhre führt. Oft ging man beim Bau sehr pragmatisch vor: die Poysdorfer Gstetten, ein in seiner architektonischen Geschlossenheit einzigartiges Ensemble aus Press- und Lagerhäusern, entstand in einer zum Schluss dreieckigen Lehmgrube, deren Inhalt, zu Ziegeln gebrannt, man zum Bau von Dorfkirche, Kloster und Spital verwendet hatte. Die Gstetten ist die Herzkammer des Poysdorfer Winzerfestes im September, zu dem alljährlich Zehntausende Menschen, insbesondere auch aus den jeweils nur wenige Kilometer entfernten Nachbarstaaten Slowakei und Tschechien, in das kleine Örtchen strömen. Legendär ist das Amt des Präsidenten: 1984 etabliert, übernimmt jedes Jahr ein anderer österreichischer Prominenter. Peter Weck hatte es ebenso inne wie Richard Lugner, aktuell setzt man mit Skispringer Thomas Morgenstern und Sänger Otto Jaus auf ein junges Duo, das sich wie die Vorgänger auch seine Sporen erst dadurch verdient, dass es in wirklich jedem der über 30 Keller der Gstetten mit den Gästen ordentlich zecht.
Insbesondere wenn Kellergassen in Hohlwegen entstanden sind, erkennt man in den senfgelben bis ockerfarbenen Wänden zwischen den Gebäuden den vorherrschenden Bodentyp des Weinviertels, den Löss. Ein Besuch in Röschitz zeigt, dass der Löss nicht nur Weinen zu markantem Ausdruck verhelfen, sondern auch für bildende Kunst eine geeignete Fläche bieten kann: der Weber-Keller ist mit seinen innerhalb vieler Jahrzehnte in die Wände und Decken geschnitzten detailreichen Darstellungen aus Mythologie, Religion und Weltgeschichte wahrscheinlich eine der kuriosesten Sehenswürdigkeiten des Weinviertels.
Von der Weltgeschichte kann das Weinviertel tatsächlich einiges berichten: als sich der Eiserne Vorhang über Europa senkte, wurde es auf einen Schlag von seinen historisch etablierten wichtigen Absatzmärkten in Böhmen und Mähren abgeschnitten und geriet auf diese Weise ins geografische Abseits direkt an der Grenze zwischen Ost und West. Der berühmte Brünnersträssler, der Wein, der rechts und links der alten Handelsroute von Wien nach Brünn wuchs, hatte plötzlich nur noch symbolische Bedeutung. Als verzweifelte Reaktion darauf versuchten die Winzer, die sinkenden Einnahmen durch höhere Produktion abzufedern, was allerdings zu einem rapiden Qualitätsverlust führte: ein nicht geringer Teil der Erträge war so minderwertig, dass er lediglich versektet wurde. In Kombination mit der touristisch kaum erschlossenen Region, deren ausgestorbene Dörfer nicht gerade einladend auf Weinfreunde wirkten, und der fehlenden Vernetzung der Weinbauern untereinander ergab das ein regelrechtes Bückware-Image für die Tropfen aus dem Weinviertel. Doch ebenso wie es im Zuge der Blockbildung auf dem Kontinent bergab gegangen war, ging es nach 1990 auch wieder stetig aufwärts, insbesondere durch eine Reduzierung der Rebflächen um mehr als 5000 Hektar.
Und vielleicht auch durch kluge Tourismus-Offensiven. Das wohl schönstmögliche Rendezvous mit der Region und ihren Erzeugnissen kann man in den Sommermonaten genießen, wenn alljährlich „Tafeln im Weinviertel“ ansteht. In Schlosshöfen, Kellergassen, Kurparks und Weingärten, immer unter freiem Himmel, werden dann an langen, weißgedeckten Tafeln neben einem Fünf-Gänge-Menü auch ausgezeichnete Veltliner serviert, die bei der Gelegenheit unter Beweis stellen dürfen, dass sie sich für derart viele Gerichte als perfekter Speisenbegleiter anbieten wie kaum eine andere Rebsorte. Idealerweise kann das Weinviertel, die heimliche Speisekammer der angrenzenden Hauptstadt Wien, mit einer Vielzahl von Zutaten dafür auch noch selbst aufwarten: insbesondere der Marchfeldspargel genießt überregionale Bekanntheit, hinzu kommen Retzer Kürbis – dem übrigens mit dem Kürbisfest eine der größten Veranstaltungen des Weinviertels gewidmet ist -, Schweinezucht, Getreideanbau und die ausgedehntesten Marillenpflanzungen des Landes.
Früher unterschied man den Bereich Falkenstein im Osten und den Bereich Retz im Westen. Die Gegend um die namensgebende Stadt ist, da im Regenschatten des Manhartsberges gelegen, einer der heißesten und trockensten im ganzen Land mit regelmäßig unter 500 Millimetern Niederschlag und gleichzeitig den meisten Sonnenstunden. Eine klimatische Insellage im ohnehin schon pannonisch warmen Waldviertel. Hier wird mit Passion Rotwein angebaut, in erster Linie der österreichische Allrounder Zweigelt, aber ebenso Blauer Portugieser, auch wenn diese alte, hauptsächlich in Deutschland, Österreich und Ungarn noch gepflegte Rebe aufgrund seines geringen Potentials für Spitzenweine immer mehr an Boden verliert. Dafür graben die ersten Syrah-, Cabernet Sauvignon- und Merlot-Stöcke ihre Wurzeln in den warmen Untergrund. So warm es oberirdisch ist, so kühl wird es unter der Erde: 16 Kilometer misst das System aus Kellern und unteririschen Gängen unterhalb von Retz insgesamt und zeugt von der enormen Bedeutung, die der kleinen Gemeinde damals als Metropole des europaweiten Weinhandels zukam – bis an den russischen Zarenhof gelangten die Fässer aus dem Weinviertel. Südlich von Retz in der Gegend um Röschitz ist die Lössauflage dünn bis kaum vorhanden und lässt so das im Weinviertel normalerweise verborgene Urgestein durchschimmern – viel wohler als der Veltliner fühlt sich auf dem Granit der Riesling, der hier ebenso wie am nördlich der Wiener Stadtgrenze gelegenen Bisamberg eine für das Weinviertel fast schon ungewöhnliche Mineralität annehmen kann. Eine weitere Insel stellt das uns schon bekannte Poysdorf weiter im Osten dar, die Sekthauptstadt der Alpenrepublik kultiviert in ihrer Umgebung auf kalkreichen Böden Welschriesling und Weißburgunder.
Trotz seiner Größe ist das Weinviertel also recht kleinteilig: Klimainseln und Ausreißer im Bodenprofil brechen die Veltliner-Dominanz an so mancher Stelle auf und setzen interessante, unerwartete Akzente. Dazu kommen die vielen lokalen Identitäten – eines Landstrichs, dessen größte Gemeinde nicht einmal 17 000 Einwohner zählt -, die sich in unzähligen Burgruinen, Barockschlössern, liebevoll instand gehaltenen Kaiserdenkmälern und Bildstöcken und eben in den allgegenwärtigen Kellergassen niederschlägt. Und dann gibt es da auch noch die große Klammer, die das alles zusammenhält. Die besteht darin, stolz zu sein auf das, was man hat. Natürlich kann man qualitativ nicht mit der edlen Wachau wetteifern, aber das will man auch gar nicht, dafür hat man die Vielfalt auf seiner Seite und das Vermögen, die ganze große Bandbreite dessen zu zeigen, was ein Veltliner geschmacklich zu bieten hat – und damit den Menschen ein Stück Lebensfreude zu schenken. In Anspielung auf die österreichtypische Füllmenge des Glases kann man da nur sagen: Wein? Ein Viertel! Text: Dario Sellmeier