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Wer kann das eigentlich noch glauben. Spätestens alle drei Jahre erwartet uns von allen Seiten der berühmte Satz: Es wird ein Jahrhundertjahrgang! Insbesondere die schreibende Presse und hier noch detaillierter die Presseorgane der bekanntesten Anbaugebiete dieses Planeten, versprechen uns Überirdisches im Minutentakt. Spricht man im Nachhinein mit dem ein oder anderen Winzer über diesen oder jenen “Wunderjahrgang”, raunen diese schon mal : “Gott sei Dank ist der Wein nun endlich weg” oder “Der Wein hat sich nicht so entwickelt wie gedacht”…
Eigentlich kann man da nur noch mit dem Kopf schütteln. Weine werden aus Trauben gemacht (so sollte es zumindestens sein) und dieses “Göttergetränk” sollte uns schmecken, munden, animieren und ausgelassen machen und in Glücksfällen auch schon mal in Ehrfurcht vor der Geschmacksvielfalt, die Mutter Natur uns zuweilen bietet, positiv erschaudern lassen. Wobei jeder seinen eigenen Geschmack hat und diesen auch immer haben sollte. Manche Weine reifen besser, andere schlechter und manche gar nicht (inzwischen sind dies die meisten). Aber diese ganzen Superlative werden immer irrwitziger. Kein Mensch kauft und trinkt die sogenannten schlechten Jahrgänge. Diese sind evtl. gar nicht so schlecht! Und kaum ein Mensch probiert die unbekannten Weine nach einigen Jahre Reifezeit, da diese Weine einfach nicht bekannt sind. Niemand wird auch je zugeben, wenn er einen “Jahrhundertjahrgang” gekauft und liebevoll über eine Dekade in seinen Katakomben reifen ließ, dass der Wein eigentlich gar nicht schmeckt oder schlichtweg kaputt ist. Viele der sogenannten Jahrhundertjahrgänge aus den ganz berühmten Jahren sind auch schlichtweg gefälscht, oder wie kann man sich erklären, dass tagtäglich, Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt, auf dem ganzen Erdball 1945er Mouton kredenzt wird? Oder dass bei den berühmtesten Versteigerungshäusern Weine feilgeboten werden, die noch nicht einmal produziert worden sind? Der Jahrhundertwein ist eine ganz, ganz große Illusion. Einen Jahrhundertwein, oder besser gesagt einen “Lebenswein” kann nur jeder für sich definieren, denn so ein Geschmackserlebnis hat man nicht alle drei Jahre, sondern in der Regel nur ein oder zweimal im Leben. Insbesondere sollte man sich immer sein eigenes Urteil erlauben können und nicht blindlings Geld ausgeben für eine Illusion, einen Geschmackstraum, den man uns verkaufen möchte. Wer trinkt in 40 Jahren eigentlich noch diese Jahrhundertweine? Sollten diese wirklich gut sein, sind sie in der Regel gefälscht (also doch wieder jüngeren Datums) oder wir selber erleiden an dem Alkohol, Gerbstoffen und spätestens an der Säure im eigenen gesetzten und gereiften Alter unser persönliches Jahrhundertwaterloo.