De Librije – Zwolle – Niederlande
Aus Sicht der Deutschen gelten die Niederländer vollkommen zu Unrecht als kulinarische Muffel. Ein Besuch im Restaurant De Librije von Jonnie und Théresè Boer in Zwolle beweist einmal wieder das Gegenteil.
Seit diesem Jahr ist dieser Gourmet Tempel in das ehemalige Frauengefängnis gezogen, wo Jonnie Boer vorher bereits sein Hotel und seine Kochschule untergebracht hatte. Der Gast wird hier nach einem sehr herzlichen und lockeren Empfang nicht wie früher in eine ehemalige Gefängniszelle gesteckt, sondern direkt in den Hof der Anstalt geführt. Dieser ist überdacht, voller Pflanzen, einem Kräutergarten und einem großen Anrichtetisch an dem viele Köche fleißig ihre Hände kreisen lassen. Modernes Design prägt hier dieses besondere Ambiente.
Gäste und Personal geben sich hier sehr locker; legere Kleidung ist angesagt und es wird herzlichst gelacht. Auch die chillige Musik sorgt für einen absoluten Wohlfühlfaktor. An diesem Ort, wo früher den Insassen viel Leid widerfuhr, herrscht heutzutage nur noch pure Freude.
Kaum hat der Gast sich auf seine vier Buchstaben gesetzt, werden in einer atemberaubenden Geschwindigkeit einige hervorragende Amuse Bouche serviert. Den Auftakt machte ein fantastischer Rotkohl Tee mit Pfefferblättern. Durch die vorangegangene Fermentation dieser Kohlsorte gelingt es dieser Speise auf der einen Seite den Mund zu reinigen und durch die daraus entstehende saure Komponente ein gutes Appetitgefühl zu entwickeln; die Pfefferblätter sorgten noch für den richtigen Schärfegrad im Mund. Der anschließend gereichte „knusprige Kartoffelsnack“ bietet dann das geschmackliche Gegenteil: Stärke, fettige Attribute und Wärme; uns wohl bekannte Geschmacksnuancen. Beide Snacks bilden eine geniale Ergänzung und gleichfalls den Einstieg in ein furioses Menü. Spannend dann die Kombination Auster, Gänseleber, Ananas und die folgende Aufmerksamkeit Nordseekrabbe auf hauchdünner Kartoffelhaut; eine Art Edel- Chip für Fortgeschrittene. Geschmacklich genial dann die marinierte junge Tulpenzwiebel, die mit Kabeljau gefüllt wurde. Zart, knackig, leicht säuerlich und sehr lang anhaltend im Nachhall. Der Kabeljauchip auf dekorativen Gräten präsentierte sich leider doch recht zäh und widerspenstig und sorgte auch geschmacklich für Irritationen (hat wohl Feuchtigkeit gezogen). Dass sich dies nur als ein kleiner Ausrutscher erwies, zeigte dann sofort das schmackhafte und spektakulär auf den jeweiligen Handrücken der Gäste zubereitete Rinder Tartar mit Auster, Schnittlauch Majonaise und Kartoffelchip. Das ist kreativ und locker und der staunende Gast wird direkt mit in das Geschehen eingezogen. Die Steinpilz Brioche sorgte kurz danach wieder einmal für den herzhaften Kontrapunkt.
Dass herzhafter Kohl und feine Gänseleber auch gut zueinander passen, beweist dann die folgende Speise. Der Karottensaft bringt noch eine erdige Grundstimmung in diese Komposition und die Magnolien den richtigen Grad an Frische. Anders als sonst gewohnt dann der kalt gegarte Kaisergranat. Recht sauer, eigentlich irritierend und doch sehr gut an dieser Stelle platziert. Diese Speise räumt Mund und Magen auf und macht Hunger auf mehr. Es ist eines dieser Speisen, wo Geschmack neu entdeckt werden muss und das alte Sprichwort „sauer macht lustig“ greift.
Die Seezunge aus der Nordsee entpuppte sich dann leider als etwas schwächerer Gang; der Mut zu regionalen Produkten ist jedoch lobenswert.
Die auf einem 180 Grad heißen Stein direkt am Tisch gegarte, alte niederländische Kuh sprengt dann aber alle Vorstellungen von Wärme und Perfektion. Das stark marmorierte Fleisch hat einen so starken Fettgehalt aufgebaut, dass sich die ein oder andere Gänseleber dahinter verstecken müsste; die Pilzkomposition erinnert an einen Waldspaziergang und das Seegras bringt salzige und frische Merkmale in dieses grandiose Gericht hinein.
Dass die Wild-Taube danach nur verlieren kann, liegt in jedem Fall an dem genialen Vorgericht.
Der folgende Käsegang Epoisses Semi-Sphäre mit sauren Kaninchen-Nierchen, Kartoffelsaft und Chorizo klingt nicht nur ungewöhnlich, er schmeckte auch so. Der Käsegeschmack mächtig und vordergründig (aber sehr lecker), wodurch die anderen Zutaten leider leicht untergingen.
Mit etwas zu viel Lakritze und folglich zu viel Gerbstoffen im Mundgefühl folgte dann der etwas schwächere Dessert Gang.
Alles in allem wird hier im De Librije aber eine großartige Show geboten. Großes Kino für alle Sinne mit genialen Einfällen und einem lockeren und souveränen Service Team in einem wirklich einmaligen Ambiente.
Fermentierter Rotkohlsaft als Tee gereicht mit Pfeffer Blättern.
Nordseegarnele auf Kartoffelgebäck.
Zweierlei vom Kabeljau. Gefüllte Tulpenzwiebel und Kabeljauchip.
Rinder Tartar, Schnittlauchmajonaise und Auster direkt auf der Hand serviert.

Steinpilz Brioche.
Kalt gegarter Kaisergranat, Kombucha.
Nordsee Seezunge, Avocado, unreife Wacholderbeeren.
Die alte Kuh wird direkt am Tisch auf einem 180 Grad heißen Stein gegart.
Die Speise des Abends: Niederländische alte Kuh mit Pilzen und Seegras.
Geschlagene braune Butter mit frischem Brot.
Wild-Taube, Tauben Innereien Spähre, Haselnuss, Anis im Kohlrabi Saft.
Epoisses Semi-Sphäre, Kaninchen-Nierchen, Kartoffelsaft, Chorizo.
Rote Bete, Lakritzeis mit Lakritzsauce.
De Librije – Zwolle – Niederlande
Spinhuisplein 1
8011 ZZ Zwolle
Niederlande
Telefon: +31 (0) 38 421 2083
www.librije.com














