Wanderer, kommst Du nach Spanien, bring einen Rebstock mit!
Da liegt er nun, wie ein mummelliger Wuschelhund, dem man auf den ersten Blich nicht ansieht, wo vorne und wo hinten ist. Von Hotelzimmer aus hat der Bär ihn fest im Blick, ständig verändert sich etwas, Licht und Schatten, ein Wölklein des nahen mittleren Meeres, sanfter Dunst am frühen Morgen. Müsste man nicht arbeiten, man könnte ihm den ganzen Tag lang beim Wandeln zusehen.
Er hat schon viel überstanden, selbst die Verunstaltung seines Namens durch zwei hyperbelanglose Weine eines hyperbelanglosen Weinzusammenmischers. Aber am Ende wird auch er weichen müssen, denn der Wind nagt an ihm, unbarmherzig; er hat schon tiefe Furchen in ihn geschlagen. Gut, weder die Bären noch die Menschen dieser Zeit werden das Ende dieses Berges erleben. Aber irgendwann wird es soweit sein: dann wird auch der Montgó der Vergangenheit angehören.
Es ist kein Tafelberg, der Höhenzug, der sich direkt von der Küste bis etwa zehn Kilometer ins Landesinnere zieht, ist wellig und schroff. Schon wenige hundert Meter nach der Küste erreicht er vierhundert Meter, in der Mitte des Massivs steht der Gipfel, auf sieben hundert und fünfunddreißig Metern. Steilste Hänge, kein Bär mag da hochkrabbeln.
Der Montgó markiert das Ostende der Betischen Kordillere, die mehr oder weniger gleichzeitig mit den Alpen, dem Himalaya, oder dem Kaukasus entstand. Und genau deswegen hat der Wind leichtes Spiel, denn das war die Epoche der Kreide, wäre es Granit, der Berg würde dem Wind einfach die kalte Schulter zeigen.
Warum interessiert uns dieser Berg, solche Teile gibt es in Spanien doch an jeder zweiten Ecke? Nun, ein kleiner Blick auf die Landkarte hilft weiter: Die Ecke um Dénia und Xàbia markiert eine Spitze, im Norden findet man die tiefe und weite Bucht von València, im Süden ist Alacant. Wein gibt es hier kaum. Das aber war nicht immer so.
Denn wie schon des Öfteren erwähnt, alles Rebmaterial kam vom Osten. Die Phoenizier, die Griechen, die Römer, sie waren es, die Weinleben auf die Ibärische Halbinsel brachten. Am Fuße des Montgó fand man eine Lagerstätte, die im Jahr siebenhundert vor unserer Zeitrechnung bewohnt war, wohl von Phoeniziern, die Griechen kamen später. Man fand, hmmm, Traubensamen, also die Überbleibsel der Kerne von Trauben. Im Labor sollte sich herausstellen, dass es sich um Moscatel d’Alejandria handele, eine der ältesten Rebsorten auf der spanischen Halbinsel.
Es gibt kein Rebsorteneinwanderungszentrum, überall von Roses bis Cadiz und noch darüber hinaus brachten Zuwanderer Rebsorten mit. Es gibt auch verschiedene Klone der gleichen Rebsorte, die wohl auf unterschiedlichen Wegen kamen. Malvasía und Moscatel etwa kamen auch via Sizilien, das Erbgut unterscheidet sich von dem, was direkt aus dem vorderen Orient kam, oder aus Griechenland.
Aber da sind nicht nur diese beiden Sorten, es gibt auch Verdil, Tortosí, oder aber die roten Sorten Arcos und Forcallat. Mehr als dreißig verschiedene Rebsorten hat man alleine in der Mitte der Provinz Alacant identifiziert, alle existieren noch, wenn auch manchmal nur in Kleinstauflage. Arcos und Verdil sind etwas weiter verbreitet, im Inneren der Comunitat Valenciana findet man sogar sortenreine Weine beider Typen.
Viele dieser inzwischen vergessenen Sorten wurden wohl nicht mehr angebaut, weil es sich einfach nicht lohnte. In Sachen Moscatel d’Alejandria war und ist das anders, denn dies Sorte diente und dient vor allem zur Gewinnung von Rosinen (nicht aber von Korinthen, deswegen heißen die auch anders). Vor gut einhundert Jahren waren Marina Alta und Marina Baixa berühmt für ihre Rosinen, heute machen dieses Geschäft die Andalusier unter sich aus. Vor allem Angelsachsen waren scharf auf die getrockneten Beeren aus Alacant. Erst die Reblaus und dann der Tourismusboom setzten diesem Treiben ein Ende.
Sie hätten den Weinbau auch fast komplett dahingerafft, denn heute gibt es da nur noch eine gute Handvoll Weingüter, manche keltern gerade einmal wenige dutzend tausende Flaschen. Sie halten sich und sie werden sich halten, weil die Küste einfach alles einsammelt, was auch nur halbwegs trinkbar ist. Schließlich ist da Benidorm, auch die Küste von Madrid genannt, eine Stadt, die im Sommer schon mal vierhundert tausend Menschen beherbergt, mehr als das sechsfache des „Normalzustandes“. Rentnerinnen und Rentner sowie Familien verbringen ihre Ferien dort, fast alles Einheimische. Das Internationalvolk ruht woanders, in Dénia etwa, oder in Xàbia, die so genannte mediterrane Schweiz. Holländer gibt es überall, of course. Und die alle saufen, und das nicht schlecht. Dazu kommt, dass mit Moscatel eine Rebsorte am Start ist, die fruchtbetonte, leichte, gerne auch einmal nur sensorisch trockene Weine hervorbringt. Da braucht man kein Terroirdiplom für.
Trotzdem, es gibt dort auch ordentliche Betriebe, auch wenn es letztendlich so viele nicht sind. Gutierrez de la Vega und Bodegas Enrique Mendoza sind die zwei Altmeister, wobei Mendoza viel mit Trauben hantiert, die an der Westgrenze von Alacant, in Vinalopó, gedeihen. Darüber reden wir ein andermal. Und Gutierrez de la Vega ist Spezialist für Süßweine, insbesondere für Fondillons, die er aus juristischen Gründen nicht mehr so nennen darf. Auch dieses Thema wird uns irgendwann noch beschäftigen, Bährenwort!
Einer dieser Betriebe nennt sich Celler Les Freses, man könnte die kleine Bodega auch das Moscatel-Interpretationszentrum bezeichnen. Ein kleiner Weinberg direkt vor der ebenfalls nicht sonderlich großen Bodega, gelegen, beherbergt zweiundvierzig Moscatel-Klone, vor allem weiße, aber auch rote, Moscatel d’Alejandria, Moscatel d’Frontignan, aber auch Moscatel de Hamburg (sic!), der wohl, anders als die anderen Moscatels, seinen Weg über Land genommen hat, via Balkan zugereist. Celler Les Freses ist das Heim von Marta Bañó Marí, eigentlich Sommelière, aber seit zehn Jahren begeisterte Weinbäuerin und Winzerin. Das, was sie macht, ist ganz anders als das, was man aus der Axarquía oder aus Manilva kennt. Dort, an der Küste von Málaga, stehen die Reben auf Schiefer (Axarquía) oder auf Granit (Manilva), in dem kleinen Weiler Jesus Pobre (gehört zu Dénia) ist es Sandstein mit einer beachtlichen Lehmkrume. Das gibt ganz andere Weine. Vierzehn Hektar hat sie in den letzten zwölf Jahren bestockt, alte Anlage gibt es hier kaum mehr. Und wenn, dann rücken sie die Eigentümer nicht raus, Trauben einfach dazukaufen mag Marta indes nicht. Es gibt einen durchaus guten Einstiegsmoscatel, den man auch ohne weiteres zum einem Lachs oder einem Kilo Honig verputzen kann; das gilt jetzt nur für die Bären unter uns, Menschen dürfen auch was anderes essen oder einfach eine Flasche am Samstag Nachmittag vor sich hin süffeln, dann fühlen sie die Niederlagen vom Clubb auch gleich weniger schwer an. Es gibt auch einen Amphoren-Moscatel, der dann doch ganz anders daherkommt: stoffig, dicht, schon irgendwie moscatelartig, Wenn Marta den Umgang mit den Tongefäßen noch perfektioniert, dann steht dem Erfolg dieses Weines nichts mehr im Weg. Der Naturalment Dolç heißt so, weil kein Alkohol hinzugefügt wird, die Trauben werden ein paar Tage getrocknet, dann wird gepresst und vergoren, bis die Hefen die Segel streichen.
Joan de la Casa ist auf einem ganz anderen Trip: er mag „Orange-Moscatel“, das sind die mit auf Schalen vergorenen Mosten. Das Lesegut wird nicht entrappt, hier handelt es sich jedoch um alte Parzellen, Miniparzellen in und um Benissa beheimatet, die Trauben sind von ganz anderer Struktur. Es gibt einen Stahltank-Orange-Moscatel, der sogar dem Bären schmeckt. Der hat es mit diesem Typ Wein sonst ja eher nicht so. Der Barrique-Orange-Moscatel soll beweisen, dass man Moscatel auch durchaus in Barricas ausbauen kann. Gut, Beweis geliefert, aber wozu man so etwas braucht, ist nicht wirklich klar. Gut ist dann wieder der Süßwein, der erneut aus getrockneten Trauben gewonnen wird.
Betrachtet man Catalunya, Alacant und al-Andalus, so kann man gut und gerne erkennen, dass Moscatel durchaus noch lebt, zweitausend achthundert Jahre nach seiner Ankunft. Text: El oso alemán




