Le Petit Nice Passedat – Lachnummer
Der Empfang im Restaurant Le Petit Nice ist kurios wie seltsam zugleich. Man wird kurz nach seinem Namen gefragt, um dann von einem kompetent wirkenden Mitarbeiter an einen runden Tisch geführt zu werden, an dem bereits ein Paar sitzt. Da persönlich in diesem Moment die Gepflogenheiten dieser französischen Restaurant Institution nicht bekannt sind, wundert man sich zwar, stellt aber ehrfürchtig keine weiteren Fragen und möchte Platz nehmen. Der Irrtum ist allerdings schnell aufgeklärt. Die beiden Sitzenden warten auf ihre Kinder, für die man uns irrtümlich gehalten hatte. Das Personal geleitet einen dann schnell zum nächsten freien Tisch. Dies geschieht noch unter großem Gelächter, auch wenn ein paar Minuten später einem das Lachen im Halse stecken bleibt.
Das vorab via Internet kompliziert gebuchte Menü (und hier konnte seinerzeit tatsächlich auch nur dieses eine Menü reserviert werden), so heißt es nun von dem Kellner, stehe leider nicht mehr zur Verfügung und man müsse nun doch das große und deutlich teurere Menü zu sich nehmen. Spätestens in diesem Moment formen sich erste Zweifel und schwere Sorgenfalten auf der Stirn, ob es in dieser Lokalität auch mit rechten Dingen zugeht. Ein kurz in Betracht gezogener Abbruch dieser dreisten Veranstaltung wird mit dem aufflackernden Gedanken verworfen, dass das Restaurant vorsorglich eine Garantie auf der Kreditkarte für dieses Essen geblockt hat. Schade eigentlich!
Als Grund für diese Änderung wurde kurz erklärt, dass das vorab gebuchte Menü nur von Menschen unter 35 Jahren gebucht werden könne. Das ist schon ein komisches Gefühl, da man ja nur ein paar Minuten zuvor noch als Kind an den Nebentisch gesetzt werden sollte. Auch die typisch deutsche Reaktion, die Restaurantbuchungsbestätigung heraus zu kramen, selbst noch einmal nach diesen Einschränkungen zu suchen und den Ober darauf anzusprechen, dass dem nicht so sei, blieben ohne jegliche Reaktionen.* Überhaupt, schwebte das Personal an diesem Abend auf einem ganz anderen Planeten. Wasser wurde erst nach langen Wartezeiten nachgeschenkt und der Wein teilweise erst nach Aufforderung. Das der georderte, sehr gute Chablis im Eiskübel irgendwann viel zu kalt wurde, musste dem müde und lustlos wirkenden Sommelier auch erklärt werden; aber der hatte mit der Wahl eines Bordeaux Glases von Anfang an darauf geschielt, dass der Wein sich nicht optimal entfalten konnte. Weder neue oder zumindest nachgefaltete Servietten wurden gereicht, und sehr augenscheinlich war die Lustlosigkeit des Servicepersonal bei der Erklärung der einzelnen Gänge. Dementsprechend war es den ganzen Abend im eigentlich hellen, weißen und schönen Speisesaal auch bei allen anderen Gästen quasi totenstill. Kein Lachen und kein Leben lockerten die Situation auch nur eine Sekunde lang auf.
Dass in so einem Ambiente und mit dem im Hinterkopf sitzenden „Abzockegedanken“ kein großartiger Abend entstehen kann, ist natürlich klar. Aber so weltklasse war dieses Essen dann so oder so nicht. Der Artischocken Gang sicher ordentlich, aber leider waren die Protagonisten noch viel zu kalt aus der Kühlung geholt worden. Der Pulpo auf zweierlei Arten gegart auf einer Art Käsesauce ohne Fehl und Tadel, hat aber in einem Lokal dieser Klasse eigentlich überhaupt nichts verloren. Er wirkte eher wie ein normaler Lückenbüßer ohne große Inspiration.
Eine fein geschichtete Fischportion aus hiesigen Edelfischen, Bottarga und Kaviar auf einer Blumenkohlcreme ließ dann erstmals aufblitzen, was in diesem Hause eigentlich möglich wäre. Diverse feine Geschmacksaromen marschierten durch den Mund und entwickelten sich dort zu einem kleinen, genialen Feuerwerk.
Auch die Tomaten, Seeigel, Sellerie- Komposition konnte begeistern. Der servierte Lachsbarsch kann mit einem perfekten Garpunkt und exemplarischer Produktqualität sogar als genial bezeichnet werden. Sicher gut die Desserts und Petit Fours, aber nun auch nicht so atemberaubend wie man es erwartet hat.
Ein kleines subjektives Fazit: solche Restaurants braucht die Welt wirklich nicht mehr. Dort, wo eingebildetes Personal über den Dingen zu stehen scheint und anstatt dem Gast einen unvergesslichen Abend zu bescheren, in absoluter Lustlosigkeit verharrt, sind Hopfen und Malz und die kulinarischen Errungenschaften der Grande Nation nur noch verloren. Eigentlich war dies alles eine große Lachnummer, wenn diese nicht so kostspielig gewesen wäre.
* inzwischen ist das Menü auf der Homepage vom Le Petit Nice tatsächlich für jüngere Menschen bis 35 Jahre gekennzeichnet. Ob es dort dann allerdings eine Ausweiskontrolle gibt, bleibt unklar. 🙂
Le Petit Nice Passedat – 17 Rue des Braves – 13007 Marseille – Frankreich – Telefon: +33 4 91 59 25 92 – https://www.passedat.fr

























