El oso alemán

Die Sache mit der Lage

Bären Lagen Analyse

Le Montrachet, na klar! La Tâche, La Romanée Conti, der Doctor zu Bernkastel, diverse top Lagen in Barolo, in Österreich, im Chablis, alle sie sind Meilensteine, die der Gourmetweintrinker auch nachts um vier noch unfallfrei aufzählen kann. Von einem Wein namens Pingus einmal abgesehen, sind alle betont teuren Weine Europas Einzellagenweine, denn selbst die großen Weingüter aus Bordeaux verfügen ja in der Regel über zusammenhängend Gebiete, die man problemfrei als Lagen definieren kann. In Sachen Spanien ist das, mal wieder, anders. Aber warum? Und: ist das nun besser oder schlechter? Um dies beurteilen zu können, muss man ein wenig in die Kulturgeschichte blicken.

In Deutschland trinkt man in den Weinregionen eine Kombination aus Rebsorte und Lage. Einheimische in Würzburg trinken gerne Wein vom Stein, danach kommt die Sache mit der Rebsorte: schon wieder Silvaner? Oder heute mal einen Riesling? Einen Rieslaner vielleicht? Erst dann kommt, wenn überhaupt, das Weingut. Das gleiche geschieht in Bernkastel, in Wehlen, in Trittenheim, in Trier, wobei da die Wahl der Rebsorte ausfällt oder zur Randnotiz wird. Auch im Burgund wird nach Lage gesoffen, auch wenn die Qualitätsunterschiede da schon durchaus groß sind. Das ist schon lange so, es ist keine neumodische Neuerung. In vielen Liedern diverser Jahrhunderte singt man von Würzburg oder Klingenberg, Rüdesheim kommt in Romanen vor, und wer an der Ahr war und weiß, dass er da war, der war nicht an der Ahr. Im Laufe der Zeit haben sich Lagen herauskristallisiert, die eben besser sind als andere, besser dahingehend, dass Menschen bereit sind, für ein Glas, für einen Krug, für eine Flasche Würzburger Innere Leiste mehr Geld auszugeben als für einen Dettelbacher Berg-Rondell. Dass dann ein Le Montrachet von DRC das Zehnfache vieler anderer Montrachets Grand Cru kostet, ist wieder eine andere Geschichte. Von Marketing soll hier und heute jedoch nur bedingt die Rede sein.

In Spanien, wie bereits erwähnt, ist das anders. Das liegt vor allem daran, dass hier Weine schon immer bunt miteinander vermischt wurden. Zwei oder drei Jahrhunderte zurück waren die Weine aus Toro deswegen so beliebt, weil Händler in Sahagún, in León, in Bilbo oder wo auch immer im Norden, sie mit eher dünnen Tropfen aus anderen Regionen mischen konnten. Man kaufte in der Region Offenware, transportierte sie ins eigene Lager, um dort Mischweine herzustellen. Die Spanierin und der Spanier, sie tranken Wein. Punkt! Natürlich waren sie nicht dumm, sie konnten schon guten Wein von anderem unterscheiden, nur das mit dem Ursprung war so eine Sache. Die älteste Denominación de Origen in Castilla y León, Rueda, wurde im Jahr neunzehnhundert und achtzig gegründet, mehr als dreihundert Jahre nach dem ersten Boom der Weine dieser Region. Damals gab es wahrscheinlich viele Lagenweine, denn ein jeder Weinbauer beackerte in der Regel ein Stück Rebland. Dies änderte sich, als die Genossenschaften Raum griffen, als die Bodegas im Stil des zwanzigsten Jahrhunderts in Spanien den Weinvertrieb für immer veränderten. Manche Bodega der Rioja des letzten Jahrhunderts, in der Liste findet man durchaus namhafte, verfügt(e) über keinen einzigen Weinberg, man kaufte (und kauft) Trauben oder gleich Fasswein. Zwar kommt es noch immer vor, dass Einheimische, meistens schon lange pensioniert, mit ihren Glasbehältern, die zwischen zehn und sechzehn Liter fassen, zur Bodega trotten, um dort zu tanken. Diese Tradition stirbt aus. Wie schon zu Beginn der Neuzeit im Norden Spaniens so ist seit der Mitte des letzten Jahrhunderts der Bodeguero die entscheidende Person, er oder sie bestimmt, welcher Wein mit welchem gemischt wird. Und daher ist es durchaus logisch, dass Namen von Bodegas mehr zählen als Namen von Weinbergsparzellen.

Großbodegas sind an Lagenweinen nur indirekt interessiert. Auf den ersten Blick bringen sie ihnen nichts, weil die im Raume stehenden Mengen einfach zu klein sind, so man betrachtet, dass der Erlös pro Flasche zwar deutlich höher ist als im Fall der „Normalweine“ oder des Fassweingeschäftes. Nur: wer drei Millionen Liter Wein keltert hat für einen Lagenwein mit einer Auflage von fünfzehnhundert Flaschen schlicht und ergreifend keinen Vorgang. Erschwerend kommt hinzu, dass die Absatzkanäle natürlich verschiedener Art sind. Den einzigen Vorteil, den diese Betriebe sehen, ist das mediale Interesse an Regionen, in denen derartige „seltsame“ Weine gekeltert werden.

Lange Zeit gab es in Spanien zwei Typen von Lagenzeuch: zum einen waren da echte Lagenweine, die von den Weingütern aber nicht als solche bezeichnet wurden (das hat sich teilweise bis heute gehalten), zum anderen gibt es diverse Weine, die auf ihren Etiketten von Finca oder Pago labern, Korken nach innen ist das dann aber oft nicht so. Pagos de Peñafiel redet zumindest von Pagos, also mehreren bis vielen, Pago de Carraovejas indes kauft Trauben zu wo immer es ordentliche Trauben zu kaufen gibt. Andernorts auch. Natürlich ist das legal; mit anderen Worten: das Verschaukeln des Konsumenten ist legal.

Hätten die Spanierinnen und Spanier es gewagt, öfters mal über die Pyrenäen zu klettern, um den Rest der Welt auch mal zu sehen, dann würden wir heute von anderen Dingen reden. Es ist ja nun nicht gerade Zufall, dass zwei Männer, die in Frankreich durch die Gegend tourten, das Thema Lagenweine (und Ortsweine) in Spanien juristisch angestoßen haben: René Barbier, vor allem aber Álvaro Palacios. Man mag zu den Weinen von Álvaro oder zu seinen Bodegas stehen, wie man mag, nur: ohne ihn hätte es das Klassifikationssystem im Priorat (Álvaro I) und infolge dessen das in Bierzo (Álvaro II) nie gegeben. Letzteres hat die Junta de Castilla y León inzwischen schon fast für allgemeinverbindlich erklärt, den einzelnen Regionen aber dreihundert Jahre eingeräumt, dies auch umzusetzen. Das mit den Viñedos Singulares in der Rioja ist ein kleines Marketingspielchen, aber, wie gesagt, um Marketing soll es hier und heute nicht gehen.

Auch in Ribera del Duero waren es Ausländer, die das Thema Lagenweine auf den Tisch warfen: Bertrand Sourdais in Dominio de Atauta warf den ersten Stein, Sophie Kuhn folgte in Gallego Zapatero, De Blas Serrano und Hacienda Solano, Jorge Monzón (gut, der ist Spanier, arbeitete aber im Burgund) hat das auch gerafft. Das war es aber dann auch schon fast. Die mit nur einem Lagenwein zählen nicht, man braucht schon zumindest derer zwei, um Unterschiede schmecken zu können. Vega Sicilia und Lagenwein? I wo! Peter Sisseck ist der Antilagenpapst schlechthin.

Und genau dieser Fall zeigt, auch wenn es sich hier um einen Dänen handelt, woran das spanische System „krankt“. In einem System genau bemessener und mit Namen versehenen Parzellen ist die Gesamtzahl der Flaschen dieser Parzelle mehr oder weniger festgelegt. Gut, Erträge schwanken, auch hat jedes Weingut seine persönlichen Vorstellungen. Aber seit hunderten von Jahren sind die Grenzen des Randersackerer Sonnenstuhls festgezurrt, da kommt nicht mal eben ein Hektarlein hinzu. In Deutschland nennt sich das Lagenumgehungsteil Großlage, aber auch die ist letztendlich limitiert. Wenn ein Winzer oder eine Winzerin nun mehr verdienen will, dann kann nicht einfach die Produktion dieses Lagenweines erhöht werden. Mehr einnehmen geht über den Weg des teurer Verkaufens. Das kann klappen, oder auch nicht. Spanier denken nicht so, Spanierinnen und Spanier denken, dass wenn man von einem Wein zwanzigtausend Flaschen gut verkaufen kann, warum dann nicht zweihundert tausend Flaschen füllen? Der Kunde wird schon nicht merken, dass die Qualität sinkt (und wahrscheinlich hat das Weingut damit sogar recht…).

Viele Weingüter, gerade in Galiza, haben aufgehört, Lagenweine zu produzieren, weil es ihnen nicht möglich ist, die Menge zu erhöhen. Auf die Idee, einfach einen weiteren Wein auf den Markt zu bringen, kommen sie nicht oder verwerfen sie umgehend, weil das ja den Konsumenten verwirren könnte. Man mogelt sich dann ein Konzept zusammen vom Typus „Ich nehme Trauben von Stöcken, die auf einem bestimmten Gestein stehen“ (eine bestimmte Hangausrichtung haben, von einem bestimmten Pferd getreten, ähh, gepflügt werden, und so weiter), Kriterien also, die smart an die Gegebenheiten angepasst werden. Eine Winzerin erklärte mir unlängst, dass sie in Salnés einen Wein mache, für den die Trauben eher im küstennahen Bereich eingesammelt werden, und einen anderen mit Trauben aus dem Landesinneren. Schon schön, nur: auf eine Grenzlinie will sie sich nicht festlegen.

Glücklicherweise gibt es eine Gegenbewegung, Weingüter aus diversen Regionen Spaniens, vor allem aus jenen, die nicht ganz so bekannt sind, die auf das Konzept Cru und Village setzen. In der Sierra de Gredos, in der Sierra de Francia, in Bierzo, in l’Alt Empordà, in Terra Alta, sogar in Galiza und in al-Andalus. Die namhaften Regionen tun sich noch immer schwer, auch wenn es Ausnahmen gibt. Im Priorat könnten achtzig Prozent der Weine ohne jede Änderung als Vi de Vila (Ortswein) verkauft werden, viele Weingüter haben aber schlicht und ergreifend keine Lust. Sie glauben noch immer, dass ihr Name über allem stehen würde.

Ein Lagenwein muss nicht automatischerweise besser sein als ein Gutswein oder ein Zusammengekauftwein, er visualisiert jedoch eine Sache, klar und deutlich: die Gegebenheiten einer genau definierten Einheit. Bären, glücklicherweise aber auch viele Menschen, trinken Lagenweine, weil man Terroir nun einmal nicht essen kann. Text: el oso alemán

*Punktesystem 0 bis 365 Punkte

Die Punkte stehen für die Tage eines ganzen Jahres. Je höher die Punktezahl ist, umso häufiger wünscht man sich an diesem Ort essen gehen zu können oder eben den beschriebenen Wein trinken zu dürfen.

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