El oso alemán

Weinvielfalt kills the Internet star!

In Zeiten, in denen sich aus Franken, noch dazu aus Mittelfranken stammende Ministerpräsidenten mühsamst eine bayuwarische Flaggenmaske überstülpen, scheint eigentlich alles möglich zu sein. Fast alles, schließlich gibt es himmlische Heerscharen von Apps und Kwarks und Kwums. Wein jedoch kann man noch nicht per Vinona-App verkosten, vergleichend schnüffeln (und ein klein wenig süffeln) auch nicht. Dafür braucht es Gebäude mit Menschen und Flaschen drin, mit einem Tisch, auf dem offene Flaschen stehen und mit Gläsern, in die man Flüssigkeit träufeln kann. In der alten Welt nannte und nennt man das Weinhandlung. Auch Bären kennen solche Einrichtungen.

In Nach-Corona-Panikdemie-Zeiten soll das also nun ganz anders werden, Tag für Tag liest man, dass der Online-Handel von nun an alles dominieren werde, der stationäre Handel gehe schweren Zeiten entgegen. O Hirrn, lass‘ Gras regnen! Jahr für Jahr gibt es zehn Millionen verschiedene Weine, mindestens. In Deutschland gibt es gut siebzehntausend Weingüter, im Schnitt füllen die mindestens derer zehn Weine, die Rhein-Hessen schaffen auch schon einmal locker derer dreißig. Und in Fronkroich und in Bella Italia gibt es jeweils fast doppelt so viele Weingüter. Und alle die machen in der Regel ordentlich trinkbare Weine, da kommt schon was zusammen.

Wenn es ein System gibt, das an dieser Tatsache jämmerlich scheitern wird, ja jämmerlich scheitern muss, dann ist das der Internetweinhandel, wobei, das sollte schon erwähnt werden, wir hier nicht über Weinhandlungen brummen, die neben dem stationären Gewerbe auch noch via Internet verkaufen.

Das wichtigste Werbeargument einer Weinflasche ist die Weinflasche. Da trottet man als Bär in einen Weinladen und sieht da Weinflaschen, in denen sich Wein aus Makedonien befindet, oder aus Ungarn, oder aus der Basilicatze. So einen der Wein anspricht oder anspringt, kann der schon einmal in den Weinrucksack gepackt werden. Im Internet findet das nicht statt. Niemand (also gut,…) läuft auf einer Webseite mal eben zufällig über das Uruguay-Angebot, man sucht dort nur, wenn man ein Video vom Monte flüssig begleiten will. Regel 1: Lateraleinkäufe finden im Weininternethandel nicht statt.

Bären und Menschen sind Gewohnheitstiere, da unterscheiden wir uns nicht so sehr. Die meisten Weinkonsumenten haben einen festen Bezugskreis, will sagen eine Menge X an Weinhandlungen, wo man einkauft. Ausnahmen gibt es natürlich, etwa wenn man einen Wein sucht, den es bei den üblichen Verdächtigen nicht gibt. Will sagen, der Michel kennt seinen Michel und anders herum. Da kann man es sich als Weinhändler schon einmal leisten, ein paar Weine einzukaufen, die nicht auf der Mainstream-Liste stehen. Schließlich kann man beraten, schließlich weiß man, welche Kundinnen oder Kunden schon mal etwas Neues kennenlernen wollen. Natürlich gibt es auch jene, die sich zehn Jahre lang an die fünf gleichen Weine klammern, was zumindest aus juristischer Sicht nicht zu beanstanden ist. Der Internetweinhandel kann das nicht. Nun gut, die Internetdealer können auch kaufen auf Düvel kümm rüss, nur hilft das nicht weiter. Denn normalerweise ist der Bildschirm, auf dem man all die tollen Dinge ansehen kann, dimensionstechnisch eingeengt, man kann nicht sinnstiftend mal eben fünfhundert Weine zeigen. Und man kennt letztendlich auch die Kaufenden nicht, was dazu führt, dass man das hauptsächlich einkauft und anpreist, was möglichst viele Kunden anspricht. Wenn da Bohr-dou steht oder Riesling oder irgendwas mit Bella Italia, dann ist das schon einmal hilfreich. Nur Sauvignon-Füchse, -Menschen, -Bären wissen, dass man, wenn Sauvignon blanc angesagt ist, auch mal unter Menetou-Salon nachsehen kann, und nicht immer nur unter Sancerre, Veneto oder Neuseeland. Der Durchschnittskunde weiß das nicht, wahrscheinlich wird er an Sancerre kleben bleiben. Der Weinhändler vor Ort kann mal eben eine Sauvignon blanc Weinprobe durchführen, und schon hat der Konsument was gelernt und der Händler was verkauft. Die im Internet angebotenen Probierpakete sind da nicht wirklich hilfreich, denn wenn man sich dann endlich durch die zwölf Flaschen gesoffen hat, sind garantiert zwei der drei Interessantesten nicht mehr lieferbar. Kauft der Weininternethandel viele (zu viele) verschiedene Weine, kann man sich als Kundin im Halbjahresrhythmus über eine satte Restpostenliste mit dazugehörigen Restpostenlistenrabatten freuen. Das soll sinnstiftend sein? Regel 2: Weininternethandel kann nicht ausgedehnt anbieten, er muss konzentrieren und sich konzentrieren.

Dies alles hat natürlich Folgen: die potentielle Kundschaft des Internetweinhandels ist die Welt, nun gut, sagen wir Mitteleuropa. Zwar ist es noch immer teurer, Wein über Ländergrenzen hinweg zu verschicken als innerhalb eines Landes, aber diese Unterschiede haben sich in den letzten zwanzig Jahren abgeschliffen, irgendwann werden sie verschwinden. Ist die kritische Masse einmal groß genug, ist dem Internetweinhändler der einzelne Kunde schnuppe, es geht nur noch um das Gesamtgeschäft. Letztendlich braucht dieses Business nur Texter, um das Zeuch schmackhaft zu machen, und Packer, um es dann zu verschicken. Ahnung von Wein ist nicht zwingend erforderlich. Daher steht die Chefs dieser Firmen auch so sehr auf Parker, Decanter oder irgendwelche golden, silbern oder bronzen leuchtenden Plaketten, die werden es dann schon richten. Nur: davon gibt es immer mehr! Vor fünfzehn Jahren waren fünfundneunzig Parkerpunkte eine Sensation, heute gibt es die haufenweise einmal pro Woche. Unabhängig davon, wie diese Punkte zustandekommen, hilft das Weingenießenden nur bedingt weiter. Schließlich ist Geschmack etwas Individuelles, und nein, Weine mit Goldplakette schmecken nicht golden. ¡Argh! Wenn einem Kunden dann einmal ein Wein mit 93 Parker-Punkten nicht schmeckt: sind dann alle 93er der Parker-Welt uninteressant? Natürlich gibt es auch Internetweinhändler, die sich auf ein Thema, auf ein Gebiet spezialisieren, gleichwohl ist die Überlebenschance eines Sardinienweinspezialisten eher gering, so es sich um die Rioja handelt, kann der Weinspezialist das jedoch gut schaffen. Regel 3: Weininternethandel muss Punkte oder Plaketten verkaufen. Beides indes kann man nicht trinken.

Je stärker der Weininternethandel wird, desto weniger Weine werden dort vertrieben, eine andere Schlussfolgerung ist aus obigem nicht zu ziehen. Dazu kommt dann aber auch ein ökonomischer Aspekt: bei zehn Millionen Weinen kann der Handel immer Weine finden, die aktuell nicht verramscht werden. Der reine Internetweinhandel hat aber eine andere Kostenstruktur: man braucht keine Fachberater, man muss keinen Laden mieten, man muss Wein nicht zwischen Lager und Laden hin- und zur Not wieder herkarren, Strom, Wasser, sonstige Nebenkosten fallen auch nicht an, es reichen der Wohnzimmertisch, ein Computer und ein Internetanschluss. Wenn dann im stationären Handel eine Marge von zehn Prozent übrig bleibt, scheffelt der Internetweinhändler bei gleichem Preis schon einmal derer zwanzig oder noch mehr. Will sagen, er kann günstiger anbieten und macht immer noch den gleichen Gewinn. Auf Sicht kostet das nicht nur Arbeitsplätze, es sorgt auf lange Sicht auch dafür, dass der Weinfachhandel vor die Hunde geht. Das wiederum führt zu einer geringeren Sortimentsbreite, weil die Großen dann bei den Weingütern mehr Druck machen können. Vielfalt geht verloren, gerade kleine Erzeuger bleiben dann schon einmal auf der Strecke, weil sie für den mengenorientierten Internetweinhandel nicht interessant sind respektive die geforderten Rabatte nicht geben können.

Fazit: sollte all dies eintreten, würde sich die Weinwelt gehörig ändern. Und nein: dazu braucht es keinen Virus, der von Tieren auf Menschen hüpft. Das können die Menschen schon ganz alleine.

Aber letztendlich wird das alles nicht eintreten, der Umschwung hat schon begonnen! Noch nie hat es im Weinhandel so viele verschiedene Weine gegeben und auch die Genießenden werden durchaus wieder experimentierfreudiger, auch wenn da noch reichlich Luft nach oben ist.

Weinvielfalt kills the Internet star! We can rewind, we’ve not gone too far. Text: el oso alemán

*Punktesystem 0 bis 365 Punkte

Die Punkte stehen für die Tage eines ganzen Jahres. Je höher die Punktezahl ist, umso häufiger wünscht man sich an diesem Ort essen gehen zu können oder eben den beschriebenen Wein trinken zu dürfen.

0 Kommentare zu “Weinvielfalt kills the Internet star!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.