Über diesem Gipfel ist nur Ruh!
Nachdem ich das Ranking der spanischen Top-Weißweine erstellt hatte, noch unveröffentlicht, aber gut gesichert, trabte ich im Bärgalopp durch die noblen Ecken der spanischen Weinwelt. Die Frage war immer die gleiche: „Und: welches ist nun der beste spanische Weißwein?“ Und die Antwort war fast immer die gleiche: irgendwas mit Gipfel. Colma oder Escolma oder so. Nun, dieser Wein ist auch in diesem Ranking unter den Top drei, wir werden uns dazu ein andermal ein Liedlein brummen. Hier und heute geht es um den besten Weißwein Spaniens und der stammt aus einer Region, in der nur die wenigsten ein derartiges Getränk vermuten würden. Und da es auch noch gerade einmal gut eintausend Flaschen davon gibt, kann er schon alleine aus metaphysischen Gründen nicht in aller Munde sein.
Eigentlich ist es kein Wunder, dass es von dort stammt, hatten die Menschen dort doch mehr als zweitausend Jahre Zeit, zu üben. Und wie die Alten wissen, sollen die Weine der Altvorderen so schlecht dann auch nicht gewesen sein.
Es ist ein klassischer Vorgebirgswein, denn die Reben stehen vor einem mächtigen Gebirge. Neeeein, wir reden NICHT von Somontano, da blüht nur buttriger Schard-oh-nee. Der La Maroma ist ihr höchster Berg, er gipfelt auf mehr als zweitausend Höhenmetern. Westlich von ihm findet man ein Becken mit vielen kleinen Neben- und Gegengebirgen, manche sind vielmehr bessere Hügel. Es wohnen nur wenige Menschen dort, aber viele der Wenigen haben Rebstöcke in ihren Gärten stehen. Sie nutzten die Trauben, um ihren eigenen Wein zu keltern, um über den kalten Winter zu kommen; was für ein Anachronismus, wenn man bedenkt, dass man das Meer mit bloßem Bärenauge sehen kann. Menschen können das auch.
Es gilt wohl als gesichert, dass es die Griechen waren, die Rebstöcke in die Gegend brachten, eine Sorte nennt man Vijiriega. Wenn man das etwas ent-i-t und das j durch ein g tauscht, dann komm vi griega heraus. Nur ein Wortspiel. Oddder doch nicht?
Lauren Rosillo ist Manchego, durch und durch. Aber ein gebildeter Manchego, dieser Typus ist so frequent dann doch nicht. Als Weinmacher hat er schon manchen tollen Wein gekeltert, einige der großen Weine der Bujanda-Dynastie hat er gemacht. Auch hat er die Bujanda-Bodega in Rueda aufgebaut, eine der besseren der Region. Seinen ersten eigenen Weißwein aus Rueda hat er übrigens in einer Bodega gekeltert, die nicht zuletzt für diverse Pagos de Villavendimias bekannt ist. Auch über sie wird noch zu reden sein. Hier, aber nicht heute.
Er begann vor nun schon fast zwei Jahrzehnten, eine Parzelle mit mehr als zwanzig verschiedenen Sorten zu pflegen und zu hegen, rote Sorten, aber auch weiße. Ein Hektar, sie blickt ehrfürchtig gen Sierra de Tejada. Gleichwohl können da nicht genug weiße Trauben eingesammelt werden, um auch nur ein kleines Barriquefässlein füllen zu können. Aber Lauren hatte einen Plan.
Und dieser Plan war ganz einfach: er lief von Weinbauer zu Weinbauer und schwatzte sie voll, Manchegos können das in perfekter Perfektion. Und irgendwann kommt da der Punkt, an dem die Weinbauern sagen: „Jou, is ja juht! Ich verkaufe Dir die Parzelle, wenn Du dafür aufhörst, mich vollzuquasseln…“ ¡Mission fulfilled!
Nun war nur noch ein Problem zu klären, und daher braucht Lauren dann wesentlich mehr Parzellen als eigentlich nötig wären. Die mit Abstand wichtigste Rebsorte der Region, Insider kennen sie als Axarquía, besteht aus Moscatel d’Alexandria. Damit kann man nette Weine machen, oder aber die Trauben zu Rosinen eintrocknen lassen; große Weine mit dieser Sorte, das ist ein eher kompliziertes Unterfangen. Die Altvorderen indes wollten keine großen Weine, sie wollten und wollen eigentlich nur gemütlich saufen. Dafür tut es auch Moscatel aus Nordägypten oder von woher auch immer. Aber selbst sie wussten, dass man ein paar komplementäre Sorten braucht, um den Wein attraktiver zu machen. Irgendwer muss Säure geben, ein paar Bitterstoffe wären auch nicht übel, und Struktur und Dichte sollte auch schon da sein. Selbst ein paar rote trauben wurden immer mit verarbeitet, Blanc de Noir auf spanisch. Letzteres wollte Lauren nicht, aber gehaltvoll sollte der Wein schon sein.
Nun sind Manchegos, das ist kein Vorurteil, sondern ein Fakt, schon gerne etwas faul. Und warum mit dem Taschenrechner hantieren, wenn man alle fünf Rebsorten, die in diesem Wein vertreten sind, zu gleichen Teilen verwenden kann? Dann muss man die Waage nur einmal einstellen, und wsobald das Pendel umschlägt, hat man gewonnen!
Natürlich ändert das die Struktur des Weines. Denn wo bei den Altvorderen mehr als achtzig Prozent Moscatel im Tank liegen, sind es bei Lauren gerade einmal derer zwanzig. Denn dann sind da noch zwanzig Prozent Doradilla, die klassische Rebsorte der Axarquía, zwanzig Prozent Romé blanca, die Sorte kennt man eigentlich nur in der Axarquía, zwanzig Prozent Mantúo blanca, die Sorte war vor zweihundert Jahren ein Exporschlager gen Kanarien, und zwanzig Prozent von dem griechischen Zeuch, Vijiriega.
Moscatel kann man herausschmecken, klar. Wenn man weiß, dass man nach Doradilla und nach Vijiriega suchen soll und wenn man weiß, wie diese Sorten schmecken, findet man sie irgendwann auch. Mantúo blanca und Romé blanca indes ist mir noch nie sortenrein über den Gaumen gerollt, es mag sein, dass ich die eine oder andere Traube genascht habe, ohne indes zu wissen, um was es sich handelt.
Ein kleines Zementei und ein nicht sonderlich großes Barrique, dies ist die aktuelle Ausbeute, nicht viel mehr als eintausend Flaschen.
Als ich den Wein zum ersten Mal verkostete, sagte Lauren, dass er wohl mindestens fünfundzwanzig Jahre sein hohes Niveau würde halten können. Kwark, dachte ich in dem Moment. Und dennoch: er könnte recht behalten.
Ein klein wenig mehr will Lauren dann doch machen. „Ich muss wohl“, meinte er unlängst, „mal wieder mit ein paar Weinbauern reden.“ Wenn die wüssten, welche Wortlawine da auf sie zurollt…. Text: El oso alemán
Bodegas Sedella: 2019 Vidueños de Sedella
20% Moscatel d’Alexandria, 20% Romé blanca, 20% Vijiriega, 20% Mantúo blanca, 20% Doradilla
Ausgebaut in einem Zementei und einem Barrique
1.096 Flaschen gefüllt
El Oso Alemán Ranking Spanische Top-Weißweine 2021: Platz 1