Aller Anfang ist schwer
Knubbelig, gedrungen, kaum Füllvermögen – die Weingläser längst vergangener Jahrhunderte haben optisch so gar nichts gemein mit den elegant langstieligen, dünnwandigen und voluminösen Kelchen, die heutzutage eine Tafel zieren. Am ehesten erinnert der eigentlich aus dem Orient stammende schaftlose Nuppenbecher des Hochmittelalters und auch sein Nachfolger, der schneller zu fertigende „Krautstrunk“, noch an das pfälzische Dubbeglas, mit dem Unterschied, dass die Nuppen bei diesem nach innen eingedrückt sind, bei den historischen Vorgängern jedoch an der Außenseite aufgeschmolzen wurden. Immerhin ist der Zweck – neben dem Ziereffekt – derselbe: wird beim Mahl viel Fettiges aufgetragen und dann auch noch mit den Händen verzehrt, dient ein haptischer Widerstand dazu, dass einem das Glas nicht aus den schmierigen Fingern rutscht. Der Name des spätmittelalterlichen Gefäßes ist dabei übrigens Programm: mit den oft nicht gerade handschmeichlerischen, sondern viel mehr stachligen, nach oben weisenden Spitznuppen lässt sich am ehesten der entblätterte Innenteil eines Kohlkopfes in Verbindung bringen.
Blassgrün durch das Mittelalter
Dabei fällt auf, dass die Gläser des Mittelalters und der frühen Neuzeit in deutschen Landen entweder in einem leicht bräunlichen oder aber wesentlich häufiger einen blassgrünen Farbton schimmern. Dieses sogenannte „Waldglas“ ist jedoch keine Modeerscheinung der Zeit, sondern den Rohstoffen geschuldet: der Quarzsand, der häufig aus Bachläufen gewonnen wurde, enthielt fast immer kleine Anteile Eisenoxid und konnte daher nie die makellose Reinheit erlangen, die für venezianisches Glas typisch war, das schon ab 1250 wie auch heute noch auf der Insel Murano gefertigt wurde und aus sehr viel feinerem weißen Sand entstand. Kaiser Karl IV. erkannte den eklatanten Fachkräftemangel bei sich nördlich der Alpen schnell und holte viele Meister ihrer Zunft nach Böhmen, von wo aus sich das Gewerbe nach Westen ausbreitete. In Böhmen selbst kam die Schleifkunst zu ihrer Hochform – war sie am Anfang nur ein kosmetischer Eingriff, um von Lufteinschlüssen im Glas abzulenken, ging man in der Barockzeit dazu über, durch gezielte Lichtbrechung den Wein besonders eindrucksvoll funkeln zu lassen.
Die Wanderjahre der Glasmacher
Da die Schmelztemperatur des Quarzsandes gesenkt werden musste und die zunächst zu diesem Zweck verwendete Soda durch verlorene Handelsrouten in den Nahen Osten nicht mehr zur Verfügung stand, griff man auf die selbst herstellbare Pottasche zurück. Gerade dadurch aber erforderte der Betrieb einer Waldglashütte, die nicht in erster Linie Trinkgefäße, sondern Butzenscheiben produzierte, unglaubliche Mengen an Holz. Von den etwa 30 Hektar Wald, die eine gut laufende Hütte jährlich fraß, ging der Großteil allein für die Veräscherung drauf, weswegen die Glasmacher meist nach einigen Jahren weiterwandern und neue Holzvorkommen erschließen mussten. Die Landesherren sahen das gern: Umweltzerstörung war noch kein Thema, ganz im Gegenteil war man froh über die Urbarmachung früher unzugänglicher Gebiete und natürlich die hohen Steuern. Um diese zu erwirtschaften, musste hart geschuftet werden. Die Arbeit an einer Glashütte war im Schichtbetrieb organisiert und lief Tag und Nacht – der gesamte Schmelzprozess dauerte immerhin etwa 18 Stunden, das Formen und Veredeln der zwischendurch über 1000 Grad heißen Masse noch einmal zwölf. Der Hüttenbesitzer war nach heutigen Maßstäben ein Unternehmer, die vielen Angestellten hochspezialisierte Profis mit klar umgrenzten Aufgabenbereichen wie der Mischung der Rohstoffe im richtigen Verhältnis, was stets ein strengst gehütetes Geheimnis war, oder der konstanten Beheizung der Schmelzöfen. Besonders begabte Glasmacher durften sogar darauf hoffen, einen Adelstitel verliehen zu bekommen.
Wein, Weib und Gesang
Es grenzt jedoch an ein kleines Wunder, dass sich nach den Wirren der Völkerwanderung und dem damit einhergehenden Verlust vieler antiker Techniken überhaupt wieder eine Glasbläserkunst in Mitteleuropa etablierte. Im Frühmittelalter trank man noch aus sogenannten Tümmlern – das Tumbler-Glas ist ein Verwandter -, simplen kleinen Schalen, kugelig und mit abgeflachtem Boden, die an eine Suppentasse erinnern, oder aber aus Trinkhörnern. Damit war man wieder ungefähr auf dem Stand des frühen Ägyptens, das als erste Kultur in großer Zahl Gefäße für den Wein- und Bierkonsum produzierte. Diese wurden aus recht einfach zu bearbeitenden Naturmaterialien wie Ton oder Alabaster gefertigt und orientierten sich an Formen aus der Natur, insbesondere an Blütenkelchen, etwa dem des Lotus. Die Schlichtheit des Materials und der Form blieben größtenteils erhalten, als die Griechen die Vorherrschaft im Mittelmeerraum übernahmen, allerdings wurden die Kelche nun häufig mit aufwendigen Malereien verziert und erlangten dadurch eine gewisse Verspieltheit, die dem Kult um Wein, Weib und Gesang, den ausschweifenden Festen und rauschenden Orgien der Hellenen nur gerecht wurden.
Die Römer begehren das Glas mehr als Gold und Silber
Der Siegeszug des Glases ließ auf sich warten, bis die Römer das Zepter übernahmen und durch die Erfindung der knapp anderthalb Meter langen Glaspfeife einen Quantensprung auslösten: konnte das sehr zähflüssige Glas vorher nur mehr schlecht als recht in primitive Formen gedrückt und mühevoll nachbearbeitet werden, war es nun möglich, auch kompliziert geschwungene und verzierte Gefäße herzustellen. In der modebewussten römischen Stadtgesellschaft löste dies einen wahren Boom aus und verdrängte Silber und Gold nach und nach.
Das Luxusprodukt Glas
Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Glas zu dieser Zeit ein absolutes Luxusprodukt darstellte und dies auch noch bis in die Neuzeit bleiben sollte. Seltsam mutet da an, dass trotz der ausufernden Prunksucht im Hinblick auf die Form das Fassungsvermögen durchweg relativ konstant niedrig blieb. Denn dass Rot- und Weißweine, trockene und süße Tropfen jeweils sehr unterschiedlicher Glasformen bedürfen, um ihr geschmackliches Potential voll entfalten zu können, interessierte die Konsumenten über viele Jahrhunderte nicht sonderlich. Dieser Umstand hatte seine Ursache aber nicht nur darin, dass die damaligen Zeitgenossen geschmacklich nicht besonders geschult gewesen wären oder die Gäste an ihrer Tafel zur Mäßigung erziehen wollten, sondern vor allem darin, dass der Wein sehr sauer war und erst mithilfe von Gewürzen oder Honig halbwegs trinkbar wurde. Es gab also wenig Grund, das nicht gerade ansprechende natürliche Aroma des Weines durch bauchige Gläser noch zusätzlich zu betonen.
Der Römer
Dies änderte sich erst mit der Entwicklung des Römers, der seinen Namen wahrscheinlich von der Angewohnheit hat, Bruchstücke römischen Glases, die man damals bei Bauarbeiten noch massenhaft fand, einzuschmelzen und neue Gläser aus ihnen zu fertigen. Unter Kaiser Nero war die Glasbläserei nämlich in fast alle westlichen und nördlichen Provinzen gekommen, so auch in die Römerstädte in Germanien, insbesondere Köln und Trier.
Die mit der Renaissance auftretende Entwicklungsstufe zwischen Krautstrunk und Römer, der Berkemeyer aus der Zeit um 1600, hatte schon deutlich an Nuppen eingebüßt, die sich nur noch auf dem – ebenfalls neu hinzugekommenen – hohlen Kurzschaft finden. Überdies kommen sie mittlerweile glatt abgerundet und nicht mehr dornig daher, während die Kuppa nach wie vor kegelförmig gehalten ist. Der Römer bricht dann endlich mit dieser seit Jahrhunderten tradierten Form und wagt sich an eine ausladendere, bauchigere Erscheinung, die letztlich die Etablierung der heute üblichen einläutet. So wächst das Volumen während der letzten 300 Jahre von durchschnittlich 70 ml auf nunmehr 450 ml an – mehr als eine Versechsfachung.
Die Moderne, das Bürgertum und die Industrialisierung verändern das Weinglas
So gestalterisch fortschrittlich der Römer auch gewesen sein mag, so sehr bäumt sich die Nostalgie im 19. Jahrhundert noch einmal gegen die beginnende Moderne auf. Mit den gesellschaftlichen Umwälzungen der Zeit war das Bürgertum weitgehend an die Stelle des alten Adels getreten und hatte schnell Gefallen an dessen Opulenz gefunden. Im Historismus verbanden sich schwärmerische Nationalromantik wie Humpenmalerei mit überbordendem Pomp, insbesondere grellen Farbkombinationen, gewagtem Glasschnitt, Teilvergoldungen oder antikisierendem Fuß. Das sollte barock daherkommen, war aber letztlich wilde Fantasie ohne historische Vorbilder. Und wurde vom Kapitalismus letztlich auch in einem Handstreich weggewischt. Die Industrialisierung hatte die Möglichkeiten erschaffen, Gebrauchsgegenstände billig in großer Stückzahl zu produzieren, was es der breiten Masse erstmals ermöglichte, auch ihre bescheidenen Haushalte mit Glas einzudecken. Erwartungsgemäß litt unter dem Kostendruck das Erscheinungsbild, sodass bereits nach wenigen Jahrzehnten Kunstgewerbeschulen eröffneten, um den nun günstigen, aber nichtssagenden Gläsern wieder Charakter zu verleihen. Doch außer während des kurzen Jugendstil-Intermezzos kamen die Ornamente und Farben nicht zurück. Serien aus den Anfangsdekaden des 20. Jahrhunderts wirken in ihrer grazil dahingehauchten Vornehmheit wie aus dem Hier und Jetzt. Und als nach dem Zweiten Weltkrieg noch die Philosophie hinzukam, dass die Form der Funktion zu folgen habe und experimentierfreudige Designer wie Prof. Claus Josef Riedel mit ihren Entwürfen alle olfaktorischen Möglichkeiten aus dem Werkstoff herauskitzelten, ja, da offenbarten sich für Weinenthusiasten völlig neue, bisher nie betretene Welten des Genusses. Darauf kann man ruhig mal anstoßen – und dabei nicht vergessen, neben dem edlen Tropfen auch dessen Träger zu würdigen. Es stecken schließlich weit über 5000 Jahre Handwerkskunst darin. Text: Dario Sellmeier