Zarück in die Zukunft
Der Aufhänger: die Universität Valladolid hat Subventionen bekommen, um anhand dem Beispiel La Seca die Bedeutung alter Weinberge und traditioneller Weinbergsarbeit herauszuarbeiten. Gut so, und auch ein gut gewählter Ort, schließlich gibt es nicht mehr viele, in denen klassischer Weinbau betrieben wird. Was dominiert, ist industrieller Weinbau, industriegerechte Klone, industriegerechte Erträge, und ein System, das gerne mal nicht so genau hinsieht.
Aber warum braucht es die alten Rebanlagen? Und warum die traditionelle Weinbergsarbeit? Nun, die alten Anlagen sind ein Garant von Sortenvielfalt, auch findet man dort immer wieder Rebsorten die eigentlich als ausgestorben gelten. Zum Beispiel das, was in Bodegas Vidal Soblechero als Prieto Picudo blanco wiederbelebt wird. Es handelt sich um eine Sorte, die mit Prieto Picudo nichts zu tun hat, lokal aber so genannt wird, die in der Region schon seit Jahrhunderten angebaut wird. Am Ende gab es sie nur noch vereinzelt. In Kooperation mit ITA-CyL haben Vidal und Alicia Vidal diese Sorte wiederbelebt, so wie es Chaó Gañán mit Morenillo in Cebreros macht, José Beneitez und andere mit Puesto en Cruz in Arribes, Beispiele gibt es einige. Allein in Arribes stehen noch viele Rebstöcke, von denen man gar nicht weiß, um welche Sorten es sich handelt. In der Sierra de Francia und auch in der Sierra de Gata gibt es Ecken, die von modernem Weinbau quasi unberührt sind. Alles, was dort kreucht und fleucht, tat dies auch schon vor einhundert Jahren. Oftmals wusste nicht einmal die Reblaus, dass es dort Weinberge gibt.
Viel ist nicht mehr übrig. Und viel von dem, was übrig ist, ist noch immer gefährdet. Denn es handelt sich ja nicht unbedingt immer um Weingüter, die diese Parzellen beackern, oftmals sind es Weinbauern, die zumindest teilweise vom Erlös ihrer Weinbergsarbeit leben wollen, leben müssen. Und wenn dann so eine Anlage eintausend Kilo pro Hektar erbringt, eine Industrieviuraparzelle aber derer zwölf, und das bei wesentlich weniger Arbeit, dann kann man sich leicht ausmalen, was bald oder etwas später geschehen wird. Eines Tages ist die Parzelle dann einfach nicht mehr da. Sie ist weg weil die mit dem großen Geldbeutel relativ viel Kohle auf den Tisch legen, um Pflanzrechte zu bekommen. Dann wird die alte Parzelle entfernt und andernorts die gleiche Fläche an Hochleistungsweinbergen installiert. Ein Großteil des Niedergangs von Arribes ist dieser Tatsache geschuldet.
Natürlich kann man gegensteuern, zumindest seitens Bodegas, die daran interessiert sind. Das sind zwar, leider, noch immer viel zu wenige, aber die Zahl steigt. In La Seca immerhin um stolze einhundert Prozent: früher war da eine Bodega, jetzt sind es immerhin derer zwei, die sich um das Kultivieren der alten Anlagen verdient machen. Natürlich muss sich das für die Bodegas auch lohnen.
Aber wenn die Parzellen einmal in der Hand der Bodegas sind, dann ist schon mal etwas gewonnen. Viel wichtiger ist die Situation der Weinbauern, der Viticultores. Eine Maßnahme ist, denen für die Trauben ein Entgelt zu bezahlen, dass deren Arbeit respektiert, ein Euro pro Kilo Trauben reicht da halt nicht aus. Es geht aber noch besser, wie zum Beistpiel der El Canchorral zeigt, den Viñas Serranas auf den Markt bringt. Die Trauben stammen von einer Gruppe kleinster Parzellen aus Monforte de la Sierra, die von genau einem Weinbauern beackert werden. Und der Name dieses Weinbauern steht dann auch auf dem Etikett. Das mag jetzt putzig klingen, es ist aber eine wichtige Maßnahme. Sie erinnert ein wenig an die Almacenista-Amontillados, die Lustau auf den Markt bringt: der Name des Almacenista ist auf dem Etikett vermerkt. Das wirkt!
Vor zwanzig Jahren begann die Junta de Castilla y León, sich dem Thema zu widmen. Nur zögerlich folgten andere, allen voran die Comunitat Valenciana und, mit etwas größerem Sicherheitsabstand, al-Andalus. Die anderen Regionen haben dafür entweder kein Gespür oder aber trotten nur den großen Schafen hinterher, die ihnen Millionen von Rückenetiketten abnehmen, für welche Weine auch immer. Angeblich war da immer nur Garnacha und Albillo Real. Jetzt, wo Arrayan die eine oder andere Sorte ausgegraben hat, beginnt man in Méntrida, sich diesem Thema anzunehmen.
Die große Rioja hingegen schlägt nur etwas Schaum (diese Aktivität beherrscht man dort perfekt …), so richtig aktiv wird man da nicht. „Gefunden“ wird nur, was man schon lange kannte. Da ist dann plötzlich Maturana eine Sensation, oder aber ein Klon der Alarije, die in der Rioja noch dazu unter Namensverstümmelung leiden muss (Malvasía…). Catalunya hat sich mit Händen und Füßen gewehrt, Cariñena blanca zu registrieren, auch wenn es die Sorte dort schon ewig gibt. Jetzt, da man bei Torres auf den Zug der alten Sorten aufgesprungen ist, bewegt sich selbst Incavi. Nun gut, dann ist Torres zumindest mal für etwas gut. Man soll ja immer das Positive sehen.
In Europa ist Spanien wahrscheinlich das Land mit den meisten Rebsorten, bekannte und verschollene; noch vor Italien, Frankreich spielt da eher keine Rolle. Schon klar, Tramin ist auch ein extrem wichtiges Zentrum. Der Vorteil von Spanien indes ist dessen extrem große Fläche, Weinbau entwickelte sich in unterschiedlichen Regionen oftmals ohne Kontakt zur nicht unmittelbaren Außenwelt. Auch wenn die Sorten, die in Cangas de Narcea angebaut werden, bekannt sind, die dort stehenden Klone gibt es oftmals nur dort, sie haben sich im Laufe der Zeit halt so entwickelt.
Natürlich hat die Vielfalt der Weinkultur der Iberischen Halbinsel auch etwas mit der Weinbaugeschichte zu tun, hier wurde Weinbau betrieben, als man in Frankreich noch gar nicht wusste, wofür so ein Rebstock denn tauge.
Heute ist, sin duda alguna, Castilla y León ganz klar die Lokomotive in Sachen Wiederbelebung dieser fast ausgelöschten Tradition, auch wenn da ein paar Neunmalschlaue sich darin üben, ein Spielchen zu spielen. Denn es geht nicht darum, zu zeigen was man mit Rebensaft so alles machen kann, es geht schlicht und ergreifend um den Erhalt klassischer Sorten und den klassischen Weinbau. Das Umwandeln von Kopfschnittparzellen in Drahtrahmenanlagen gehört nicht dazu, pseudohypermoderne Ausbautechnik auch nicht. Es geht, wie so oft, um das Herausstellen von Terroir, und zwar mit den Mitteln, die dafür am besten geeignet sind.
Die Pranken des Oso alemán turnen nun schon siebenundzwanzig Winter durch die Weiten von Castilla y León, viel hat sich seit dem getan, manches zumindest ist heute deutlich besser als noch vor zehn Jahren, auch in Sachen medialner Aufmerksamkeit. Und trotzdem: wir befinden uns erst am Anfang, ganz am Anfang. Text: El oso alemán